Der Neue Merker

MISHA DIDYK: Hier in Wien fühle mich sehr wohl!

MISHA DIDYK: Hier in Wien fühle mich sehr wohl!

(Oktober 2017 / Renate Publig)

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Misha Didyk

Der ukrainische Tenor Misha Didyk singt in der ersten Premiere dieser Saison an der Wiener Staatsoper in Prokofjews Oper „Der Spieler“ die Titelpartie, Alexej, der beim Spielen alles verlor, und dem schließlich das Glück im Spiel dennoch kein Glück in der Liebe beschert. Während dieses Werk für Wien eine Premiere ist – lediglich im Zuge eines Gastspiels war es einmal zu sehen – ist es für Didyk bereits das vierte Mal, dass er diese Partie verkörpert.

Herr Didyk, Sie wurden in der Ukraine geboren, wo auch Ihre Karriere begann; doch sehr rasch entwickelte sich Ihre internationale Laufbahn, und mittlerweile treten Sie auf den großen Bühnen der Welt auf!

 Geboren wurde ich in einer kleinen Stadt namens Kamjanez-Podilskyj, eine der ältesten Städte der Ukraine. Als Kind hörte ich ukrainische Lieder, zu denen ich mitsang – eigentlich singe ich, seit ich denken kann! (lacht)

Dass sich meine internationale Karriere so rasch entwickeln konnte, war das Resultat harter Arbeit. Und an diesem Erfolg sind viele Menschen beteiligt, ich hatte bereits in der Schule große Unterstützung, auch später am Konservatorium. Und ich bin sehr dankbar darüber, dass viele Menschen diesen Weg mit mir gegangen sind!

Auf Ihre Website wird man akustisch von Ihrer Aufnahme von „Nessun dorma“ empfangen, von „Vinceró“ – „nur“ eine wunderbare Arie, oder Ihr künstlerisches Motto?

Als ich die CD aufnahm, war mein Motto, alles zu singen, was möglich war, und „Nessun dorma“ ist eine wunderbare Arie. Die technische Welt ändert sich so rasant, mittlerweile gibt es auch andere Kanäle wie Facebook, und natürlich ist es wichtig, mit den Entwicklungen der Medien mitzuhalten. Doch es ist nicht in erster Linie meine Welt. (lacht)

Nun freuen wir freuen, Sie in Wien als Alexej in Prokofjews „Der Spieler“ zu hören – eine sehr vielschichtige Oper, die in Wien eine echte Premiere ist.

Diese Oper ist tatsächlich nicht ganz einfach zu verstehen, die Geschichte ist kompliziert, die Zusammenhänge sind sehr offen und lassen einen großen Interpretationsspielraum zu. Musikgeschichtlich initiierte Prokofjew damals eine dramatische Entwicklung in der Komposition von Opern. Er führte die Tradition von beispielsweise Mussorgsky fort und legte das Fundament für Opern wie „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch. Wenn man den Aufbau der Oper betrachtet, finden wir keine großen Arien mehr, Prokofjew konzentrierte sich auf einen natürlicheren Ausdruck, auf die rezitativische Deklamation, wodurch es ihm gelang, die bedeutungsvollen und substantiellen Dialoge Dostojewskis zu unterstreichen.

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Szenenfoto aus „Der Spieler“, Misha Didyk als Alexej © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Oper feiert ihren 100. Geburtstag, „Der Spieler“ wurde 1917 beendet und hätte im gleichen Jahr seine Premiere erleben sollen.

Die Kritiker meinten damals, dass Prokofjews Werk tiefgründiger als jenes von Wagner sei. Die Uraufführung hätte damals von einem sehr berühmten Regisseur inszeniert werden sollen. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Oktoberrevolution einsetzte, Prokofjew musste fliehen – und das Werk eines Flüchtigen wurde natürlich nicht gespielt. Die Uraufführung fand dann erst 1929 in Brüssel statt, gesungen wurde in französischer Sprache!

Man sagt, dass sowohl Dostojewskis Roman, als auch Prokofjews Oper autobiografische Elemente enthält?

Dostojewski hatte Spielschulden, die er durch ein neues Werk begleichen sollte; dieses Werk musste er innerhalb einer Frist von 26 Tagen begleichen. Er hatte also knappe vier Wochen, um einen neuen Roman zu verfassen – eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Es war nur deshalb möglich, weil Dostojewski eine Stenografin engagierte. In seinem Buch beschreibt Dostojewski sehr eindrücklich die Auswirkungen von Spielsucht, die er aus eigener Erfahrung kannte. Übrigens gibt es noch eine schöne Geschichte am Rande: Anna Snitkina, die damals Dostojewskis Buch stenografierte, wurde kurz darauf seine Ehefrau.

Prokofjew las Dostojewskis Roman bereits im Alter von 18 Jahren, er war ein sehr lebhafter junger Mann – all das spiegelt sich in der Figur des Alexej wieder, und wie Alexej erlebte auch Prokofjew eine unglückliche Liebesgeschichte.

Im Stück geht es um die Entwicklung eines Spielers – Ihrer Figur. Tragisches wechselt mit Sarkasmus, als Zuseher ist man hin- und hergerissen zwischen heiteren und eigentlich ziemlich deprimierenden Elementen.

Diese Oper kann man aus vielen Perspektiven betrachten. An erster Stelle steht für mich die Beziehung zwischen Alexej und Polina: Alexej liebt Polina ohne Hintergedanken, während sie mit ihm spielt, sie entscheidet sich letzten Endes für den Marquis. Alexej sucht nach der Wahrheit, doch er ist auch Mathematiker und forscht daher nach Möglichkeiten, zu gewinnen. Alexej ist sehr gebildet, was ihn von den anderen Figuren unterscheidet. Seine Gedanken ändern sich fast im Minutentakt, einmal ist er der Sensible, dann jedoch wieder der Mann, der sich durchsetzen muss – und all das drückt Prokofjew in seiner Musik wunderbar aus: Um die sensible Seite hörbar zu machen, hat Alexej lyrische Passagen zu singen, und dann wiederum begegnen wir Prokofjews für dieses Werk typischer rezitativischer Deklamation, die unterstreicht, wenn Alexej sich behaupten muss.

Doch mit diesem Werk kritisieren sowohl Dostojewski als auch Prokofjew die Bourgeoisie, die bürgerliche Gesellschaft, der es lediglich um das Gewinnen geht, und so steht das Geld Vordergrund. Die Oper beginnt ja damit, dass Alexej im Spiel verloren hat!

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Szenenfoto aus „Der Spieler“, Misha Didyk als Alexej © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Bei den Probenarbeiten haben Sie einen enormen Vorsprung, da Sie die Partie des „Alexej“ bereits in mehreren Produktionen gesungen haben!

Ich bin sehr glücklich, in dieser Inszenierung in Wien auf der Bühne zu stehen! Doch es stimmt: Zum ersten Mal kam ich vor zehn Jahren mit diesem Werk in Berührung, und mittlerweile sang ich dieses Werk dreimal. Erst in Berlin unter Daniel Barenboim, die Regie führte Dmitri Tcherniakow, danach in Lyon, und schließlich in Monte Carlo, wo „Der Spieler“ als Jubiläum des Casinos im Theatercasino aufgeführt wurde. Der Schauplatz war natürlich sehr passend für diese Oper, ebenso die opulente Inszenierung und die pompösen Kostüme!

Wie geht es Ihnen nun in der Probenarbeit in Wien?

Ich habe bisher weder mit Simone Young noch mit Karoline Gruber gearbeitet, doch ich genieße diese Zusammenarbeit. Das ist alles neu für mich, diese Produktion. Karoline hat eine eigene Philosophie zu dem Stück – und letzten Endes ist Alexej auch Philosoph! Er denkt nicht nur über das Spielen nach, sondern er strebt nach einer funktionierenden Kommunikation zwischen den Figuren. Auch das Bühnenbild dieser Produktion gefällt mir sehr gut!

Holt sich das Regieteam gelegentlich Ihren Rat, nachdem Sie das Werk recht genau kennen?

Manchmal schon, es gefällt mir, dass wir gemeinsam an der Inszenierung des Stückes arbeiten. Sowohl das Team als auch die Besetzung sind hervorragend! Manchmal frage ich mich, warum Karoline Gruber eine Szene auf eine bestimmte Art inszeniert – gerade vorher in der Probe dachte ich, ‚Warum küsst mich Polina bei dieser Stelle in der Musik?‘ Es ergibt jedoch alles einen tieferen Sinn, Karoline geht es vor allem darum, die Emotionen der Figuren zu transportieren und dem Publikum begreiflich und sichtbar zu machen.

„Der Spieler“ ist nicht die erste Oper, die Sie in Wien singen …?

…und ich fühle mich sehr wohl in diesem Haus, hier ist alles hervorragend organisiert! Mein Debüt gab ich 2009, in „Lady Macbeth of Mzensk“ von Schostakowitsch, diese Produktion wurde sogar zweimal wiederholt. Danach kam Leos Janáčeks „Aus einem Totenhaus“, ein unglaublich starkes Werk, ebenso wie „Katja Kabanowa“, ebenfalls von Janáček. Dieses Werk sang ich erstmals in Turin und stellte sofort fest, dass das mein Stück war. Gleich darauf trat ich damit in Wien auf, der Vorteil, ein derartiges Werk knapp zuvor schon auf einer Bühne gesungen zu haben, ist natürlich enorm.

Besonders gefragt sind Sie natürlich im russischen Repertoire. Sie leben jedoch in Kiew, wo Ukrainisch gesprochen wird – wie groß sind die Unterschiede zwischen Russisch und Ukrainisch?

Damals am Konservatorium und auch an der Nationaloper in Kiew, wo meine Karriere begann, sang ich viele Opern auf Ukrainisch, wie z.B. „La Traviata“, die französischen Opern, oder die „Fledermaus“. Auch wenn man Oper natürlich nirgends in dieser Sprache spielt, war es sehr interessant, die Stücke auf Ukrainisch zu singen!

Sowohl Ukrainisch als auch Russisch sind slawische Sprachen, dennoch gibt es Unterschiede. Und …  Ukrainer verstehen Russisch sehr gut, was man umgekehrt nicht behaupten kann …

Sie verkörpern unterschiedliche Figuren wie Alfredo, Rodolfo, Pinkerton, aber natürlich auch Lenski?

Meine erste Partie noch am Konservatorium war Alfredo in „La Traviata“ und Lenski in „Eugen Onegin“. Danach gab es „Natalka Poltavka“, unsere Nationaloper in ukrainischer Sprache, komponiert von Mykola Lysenko, das Libretto stammt von Mychajlo Staryzky.

Meine erste Rolle an der Ukrainischen Nationaloper war dann in „Madama Butterfly“. Die internationale Karriere begann ich in „Anna Bolena“ an der Oper von Helsinki. Danach kam die Einladung nach Philadelphia zu einem Konzert mit amerikanischen Stars, was für mich sehr aufregend war. Ich hatte sieben sehr unterschiedliche Arien und Szenen zu singen, mit sieben Aufführungen in direkter Folge. Danach konnte mich nichts mehr erschüttern. (lacht) Philadelphia wurde in den USA meine zweite Heimat, ich sang dort „Werther“, „Madama Butterfly“ oder „I Capuleti e i Montecchi“ mit Anna Netrebko. In dieser Zeit sang ich fast ausschließlich italienisches und französisches Repertoire, keine einzige russische Oper!

International sang ich 2003 mit „Pique Dame“ erstmals ein russisches Werk, das wiederholte ich 2005 an der Mailänder Scala, mit Elena Obraztsova und Dmitri Hvorostosky.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie nicht mit Musik beschäftigt sind?

Ich lese gerne, aber am besten entspanne ich bei Spaziergängen in der Natur. Ich liebe Kastanienbäume – dieser Baum begleitet mich, und Wien mag ich auch deshalb, weil es hier viele Kastanienbäume gibt. Auch das Wappen von Kiew zeigt eine Kastanie, und die Adresse meiner ersten Wohnung in Philadelphia lautete Chestnut Street! (lacht) Generell liebe ich die Natur, das Wasser, Flüsse – diese sind für mich zusätzlich ein Symbol, sie schwemmen negative Emotionen weg!

Herr Didyk, vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für die bevorstehende Premiere!

 

P.S.: Dieses Gespräch wurde in russischer Sprache geführt, vielen Dank an Lusine Babajanyan von der Wiener Staatsoper fürs Dolmetschen!

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