Der Neue Merker

MINSK/ Weißrussland: TEART 2016. BELARUS OPEN (28.9. bis 5.10.2016)

MINSK (WEISSRUSSLAND)/ TEART 2016: BELARUS OPEN vom 28.9.- 5..10.2016

 Viel ist ja über Weißrussland in unseren Breiten nicht bekannt, geschweige denn über seine Theater. Dank der Unterstützung der BelGazpromBank findet in Minsk seit einigen Jahren aber ein großes internationales Theaterforum statt, in dessen Rahmen in wenigen Tagen auch geballt einheimische Produktionen gezeigt werden.

Laut Auskunft der Kuratorin, Ludmilla Gromyko, habe sich die weißrussische Theaterlandschaft in letzter Zeit sehr verboulevardisiert und verkomödiantet (ein Befund, den man mangels Erfahrung naturgemäß nicht nachvollziehen kann), und dieser Tendenz hätte sie mit ihrer Auswahl gegenzusteuern versucht.

Man sah also in erster Linie sehr ernste, sehr tragische, sehr textlastige, „inhaltistische“ Inszenierungen, die, abgesehen von ihrer Humorbefreitheit, keinen gesteigerten Wert auf zeitgenössische Ästhetik, auf raffinierte Bühnenbilder, körperbetontes Schauspiel oder gar ausgeklügelte Lichtdramaturgie legten.

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„Sascha, trag den Müll hinaus“. Copyright: Belarus Open

Hoch im Kurs standen aktuelle Themen wie der Krieg in der Ukraine und die Annexion der Krim, Ereignisse, von denen sich die Weißrussen, obwohl die Regierung bislang sehr Putin-freundlich agierte, mittlerweile sehr akut bedroht fühlen. Stücke wie „Sascha, trag den Müll hinaus“ oder „Opium“ behandelten diese kontroversiellen Sujets.

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„Second Hand – Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus„. Copyright: Belarus Open.

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„Opium“. Copyright: Belarus Open

Aufarbeitungen der postsowjetischen Geschichte leisteten die Aufführungen „Second Hand- Zeit.Leben auf den Trümmern des Sozialismus„(nach Texten der beim Regime nicht sehr beliebten weißrussischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch) sowie „Minsk. Die Sonnenstadt der Träume“(nach dem Klassiker des Minsker Photographen und Architekten Artur Klinau). Zu beobachten waren dabei durchgehend hervorragende, disziplinierte, nie ansatzweise in Outrage verfallende Schauspieler/innen …aber halt wenig, was über den Charakter einer ambitionierten Lesung hinausging.

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Aus dem Leben der Insekten“. Copyright: Belarus Open

Insofern hinterließ letztlich die Eröffnungspremiere „Aus dem Leben der Insekten“ den stärksten Eindruck. Der in Deutschland lebende Komponist Valery Voronov hatte sich diesen Gedichtzyklus des 1937 von den Stalinisten gefolterten, ermordeten und im Niemandsland verscharrten Dichters Nikolay Oleynikov (einem Kollegen von Daniel Charms) zur Vertonung ausgesucht, und die Performerin Svetlana Ben gestaltete die Vorlage gemeinsam mit den Musikern Dasha Moroz, Maria Vasilyevskaya und Dmitry Bogoslavsky sowie den Multimedia- und Lichtkünstlern Maria Puchko und Sergey Novitsk– trotz der geringen zur Verfügung stehenden Mitteln – zu einem überzeugenden, berührenden und poetischen Gesamtkunstwerk.

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Aus dem Leben der Insekten“. Copyright: Belarus Open

 Robert Quitta, Minsk

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