Der Neue Merker

MILANO/ Teatro alla Scala: OTELLO von Rossini. Premiere

MILANO/ Scala : OTELLO von Gioacchino Rossini am 4.7.2015

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Zwischen zwei Männern. Foto: Teatro alla Scala

 Manche Musikkenner halten Rossinis „Otello“ für seine schönste Oper, ja sogar für eine der besten, die je geschrieben wurden. Dennoch wird sie nicht sehr häufig gespielt. Was vor allem auch daran liegen mag, dass man dafür gleich drei absolute Spitzentenöre braucht. An der Scala stand sie sogar sage und schreibe 145 Jahre lang nicht mehr auf dem Spielplan. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen für die Premiere, nicht zuletzt deshalb, weil mit Gregory Kunde, Juan Diego Florez und Olga Peretyatko zumindest auf dem Papier eine Traumbesetzung angekündigt worden war.

Um es gleich vorwegzunehmen: diese glorreichen Drei, die „Otello“ bereits 2007 beim Rossini Opera Festival in Pesaro miteinander erfolgreichst gesungen hatten, enttäuschten auch in Mailand wahrlich nicht. Gregory Kunde, der einzige Tenor der Welt, der derzeit beide Otelli (auch den Verdischen) im Repertoire hat, brennt immer noch mit erstaunlicher Leichtigkeit und Sicherheit ein unglaubliches Feuerwerk an Koloraturen, Verzierungen und Spitzentönen ab. Der allseits beliebte Florez wiederum (in der eigentlichen Hauptrolle des unglücklichen Liebhabers Rodrigo) steht ihm da – obwohl wir ihn schon in besserer Form erlebt haben als an diesem Abend – in nichts nach, sodass es während der Duetten der beiden zu einem wahren Kampf der Giganten kam.

Zwischen den beiden hin- und hergerissen die wunderbare Olga Peretyatko, die nicht nur die mörderischen Arien der verzweifelten Desdemona ebenfalls mit atemberaubender Geläufigkeit und Bravur bewältigt, sondern auch im dritten Akt zu zartester und einfühlsamster Melancholie fähig ist.

So weit, so erwartbar.

Für eine veritable Überraschung hingegen sorgte der junge uruguayanische Tenor Edgardo Rocha (der zuletzt auch an der Wiener Staatsoper zu hören war). Naturgemäß noch frischer als seine berühmteren Kollegen stellte er diese gelegentlich sogar stimmlich in den Schatten.

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Tod in der Gondel. Foto: Teatro alla Scala

Ausgezeichnet auch Roberto Tagliavini als böser Vater und Annalisa Stoppa als gute Zofe.

Über den chinesischen Dirigenten Muhai Tang hatte man im Vorfeld aus Scalakreisen nur Schreckliches gehört. Diese Gerüchte konnten unsere Ohren bei der Premiere absolut nicht bestätigen. Ja, Tangs Tempi waren vielleicht manchmal langsam und schwerfällig …aber ansonsten waren die Buhorkane, die über den armen Maestro nach dem zweiten Akt und am Ende der Vorstellung hereinbrachen, keinesfalls nachzuvollziehen .

Die noch heftigeren Buhs für Regisseur Jürgen Flimm, der – nach einer „Idee“ von Anselm Kiefer auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnete – hingegen schon. Von der Kieferschen Idee waren statt dem angekündigten rieselnden Sand nur die üblichen, bis zum Schnürboden reichenden, grauen Hänger übriggeblieben, zwischen denen eine große Anzahl Baumarkt-Klappsesseln eher unmotiviert herumstanden. Nur im letzten Akt gelang Kiefer/Flimm dann ein sehr schönes Bild, wenn Desdemona ihr Weidenlied auf einer großen schwarzen (von acht Statisten allerdings äußerst patschert hereingetragenen) Gondel zu singen anstimmt. Der Regisseur ruiniert das allerdings sofort wieder, in dem er gleich nach dem ersten Ton die Harfenistin von einem Greis auf einem rollatorartigen Untersatz hereinschieben lässt, was nicht nur störend, sondern auch komplett hässlich und lächerlich ist. O Götter.

Die Kostüme der Wienerin Ursula Kudrna sind zwar wunderschön, sind aber in ihrer Mischung aus Rossinizeit-Zylindern, Frans Hals-Halskrausen, Vogelfederreifröcken und japonisierenden Partner-Schlafröcken ohne das dazugehörige Regiekonzept nicht wirklich verständlich.

Die Sänger retteten sich (nicht sehr überraschenderweise) über diese szenische Leere und Ödnis dadurch hinweg, dass sie in den entscheidenden Phasen an die Rampe traten und – frontal ins Publikum sangen.

Tja. Schade um das Werk und um die unbestreitbaren musikalischen Höchstleistungen.

Unser Tipp: unbedingt anhören …aber auf einem Platz mit möglichst eingeschränkter Sicht.

 Robert Quitta, Milano

 

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