Der Neue Merker

MIKKELI/ Finnland: GERGIEV-FESTIVAL

Gergiev-Festival Mikkeli / Finnland – 1. bis 9. Juli 2017

Valery Gergievs Festival im finnischen Mikkeli fand diesmal zum 25. Mal statt; also genauso alt wie das renommierte Festival „Stars of the White Nights“ in St. Petersburg. Außerdem galt es zwei weiterer Ereignisse zu gedenken: für Finnen natürlich in erster Linie 100 Jahre seit der Unabhängigkeit Finnlands (von Russland!) sowie 20 Jahre seit dem Tode des Musikwissenschaftlers und Musikkritikers Seppo Heikinheimo, der das Festival 1992 als ein Kammermusikfestival gegründet hatte, bevor es von Valery Gergiev und seinem Mariinsky-Theater mit sinfonischer Musik und Opern erweitert worden war.

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Das 1988 erbaute Konzerthaus Mikaeli (Foto: Archiv Sune Manninen)

Somit waren einige Programmlinien vorgegeben. Unerlässlich war es, Musik finnischer Komponisten aufzuführen. So interessant es gewesen wäre, auch einmal Kompositionen abseits des Nationalheroen Jean Sibelius von diesem Eliteorchester zu hören, so verständlich war (angesichts des Probendefizits) der Rückgriff auf dessen Werke, die Valery Gergiev (bis auf die Lemminkäinen-Suite, die er erstmals komplett dirigierte) bekannt waren. Doch war nicht zu überhören, dass er zu so typisch finnischen Stücken wie Finlandia oder Valse triste nicht denselben Zugang hatte wie zum Violinkonzert, das von OLGA VOLKOVA, der jungen Konzertmeisterin des Orchesters, für mich durch ihren dunkel-schwermütigen Ton sehr überzeugend, nach Meinung mancher Finnen jedoch „zu russisch“ gespielt hatte.

Wie schon 2007 gab es auch jetzt (8.7., 18.00) ein Gedenkkonzert zu Ehren des Festivalgründers Seppo Heikinheimo, der vor 20 Jahren seinem Leben durch Selbstmord ein Ende gesetzt hatte. Heikinheimo war ein enger Freund Gergievs, der sich jedes Jahr, selbst spät in der Nacht nach einem Konzert, die Zeit nimmt, zu seinem Grab im 40 km von Mikkeli entfernten Hirvensalmi zu fahren und dessen Familie zu besuchen. An Sibelius‘ Valse triste hätte der in Finnland als Kritiker gefürchtete Heikinheimo keine Freude gehabt, und ob ihm das Klavierkonzert Nr. 1 von Brahms gefallen hätte, wage ich zu bezweifeln. Es war der Wunsch der Familie Heikinheimo gewesen, den ihnen seit langem freundschaftlich verbundenen Pianisten ALEXEI LUBIMOV als Solisten einzuladen, der in seinem langen Leben noch nie mit Gergiev konzertiert hatte (es danach wohl auch nicht wieder mögen wird). Es war nicht zu überhören, dass hier zwei verschiedene Welten aufeinandertrafen und (kein Wunder bei ca. 20 Minuten Proben) nicht zueinander fanden. Im Prinzip kann Gergiev ein sehr guter, sich auf den Solisten einstellenden Begleiter sein, doch an diesem Abend schien er schon mit seiner Körpersprache auszudrücken, dass Lubimov nicht sein Wunschsolist war. Fabelhaft jedoch im zweiten Teil des Konzerts Stravinskys 2015 wieder entdecktes Frühwerk Funeral Song und das Feuervogel-Ballett, in dem Gergiev plötzlich jene Spannkraft aufbrachte, die dem ersten Teil fehlte.

Wie fabelhaft dieses Orchester ist, konnte man an einigen weiteren Konzerten, darunter einigen im Kammermusikformat, ablesen. So gelang dem jungen Solo-Klarinettisten (und mehr und mehr als Dirigenten beschäftigten) IVAN STOLBOV am 5.7. in der Kirche von Hirvensalmi mit seinen 13 Bläser- und Kontrabass-Kollegen eine bewegende Wiedergabe von Mozarts Gran Partita, und wer sich am 6.7. nachmittags im Kammermusiksaal eingefunden hatte, wird das Konzert SOFIA KIPRSKAYA & FRIENDS äußerst zufrieden verlassen haben.

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Sofia Kiprskaya (Harfe) mit Yuri Afonkin (Viola) und Nikolai Mokhov (Flöte). Foto: Archiv Sune Manninen

Trotz ihrer Jugend veranstaltet Sofia Kiprskaya in St. Petersburg ein eigenes Harfen-Festival, und wenn das Mariinsky-Orchester in New York gastiert, gibt sie ein Recital in der Carnegie Hall. Unter dem Titel „Musik vom Zeitalter der Aufklärung bis zum 21. Jahrhundert“ begeisterte sie zusammen mit ihren Kollegen das Publikum durch ein interessantes Programm und die hohe Kunst ihrer Darbietung.

Wie Olga Volkova und Sofia Kiprskaya ist auch PELAGEYA KURENNAYA erst Mitte Zwanzig, und wenn nicht alles täuscht, wächst in dieser jungen Sopranistin eine Künstlerin heran, die das Zeug hat, sich in kurzer Zeit die Bühnen dieser Welt zu erobern.

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Pelageya Kurennaya mit Valery Gergiev (Foto: Archiv Sune Manninen)

Wie schon in München, als ich sie im November 2015 erstmals hörte, sang sie auch in Mikkeli (7.7.) Rodion Shchedrins Romanze für Sopran und Streicher mit dem Titel „Tanya-Katya“, und diese beiden Namen sind auch die einzigen Wörter dieses ca. 13minütigen Stücks, das von Pelageya Kurennaya so überzeugend stimmlich gestaltet wurde, als hätte diese Romanze einen Inhalt. Außer in Shchedrins Oper „Christmas Tale“, in der sie die Hauptrolle Zamarashka singt, wird sie am Mariinsky-Theater hauptsächlich in Jung-Mädchen-Rollen wie Barbarina oder Flora („Turn of the Screw“) eingesetzt, in der sie ihr wahres Potential nicht zeigen kann. Dies konnte sie selbst in Shchedrins Stück unter Beweis stellen: eine wunderschön timbrierte lyrische Sopranstimme von hohem Wiedererkenungswert. Beeindruckend, wie total homogen sie ihr Edelmaterial von niemals künstlich heruntergedrückten Tiefen bis hin zur in piano wie auch im forte brillanten Höhenlage führte – technische Perfektion verbunden mit großem Gefühl.

Zwei Tage später (9.7.) trat Pelageya Kurennaya im Kammermusiksaal in einem Recital auf, und keiner der Zuhörer wird geahnt haben, dass dies ihr allererstes war. Ein wohl ausgewogenes Programm mit Mozart-Liedern und Tschaikowsky- und Rachmaninoff-Romanzen im ersten Teil sowie nach der Pause Opernarien von Mozart („Idomeneo“), Charpentier („Louise“), Gounod („Roméo et Juliette“), Rimsky-Korsakow („Die Zarenbraut“) und Bellini („La sonnambula“). Ihre Interpretation der Mozart-Lieder (übrigens in perfektem Deutsch!!!) ließen in mir den Wunsch aufkommen, sie in allen lyrischen Rollen dieses Komponisten zu hören, vor allem aber als Susanna, die ihr ideal liegen müsste. Mit ihrer ersten Zugabe, Oskar Merikantos Wiegenlied „Pai, pai, paitaressu“, rührte sie das finnische Publikum zu Tränen und bewies gleichzeitig, welch großes Sprachtalent sie ist, während sie die Zuhörer mit Delibes‘ „Les filles des Cadix“ um den Finger wickelte. Nicht nur eine großartige Sängerin, sondern trotz ihrer Jugend bereits jetzt eine bemerkenswerte Persönlichkeit von großer Ausstrahlung.

Was ich bereits in „Tanya-Katya“ zu hören geglaubt hatte, trat in den Opernarien zutage: eine wahrhaft lyrisch-runde Stimme von hoch-interessantem Timbre, die – obwohl eher Lyrische mit Koloratur als reiner Koloratursopran – auch durch die Agilität, mit der sie solche Arien wie die der Juliette oder Amina wiedergab, faszinierte. Es wird interessant sein, den Weg dieser vielversprechenden jungen Sopranistin zu verfolgen, der ich sicher bald – wenn mich nicht alles täuscht – an den großen Bühnen dieser Welt in Fachpartien wiederbegegnen werde.

Wie nicht anders zu erwarten, war die renommierte MARITA VIITASALO eine ideale Partnerin am Flügel, somit die perfekte Ergänzung zum Duo Kurennaya – Viitasalo bildend. Marita Viitasalo war die langjährige Klavierpartnerin Soile Isokoskis und half Pelageya Kurennaya anpassungsfähig und -willig über alle Klippen ihres ersten Recitals hinweg, dem hoffentlich noch viele weitere folgen werden.

Fazit: Obwohl dieses Festival auf den Namen Valery Gergievs fokussiert ist und offensichtlich auch vom Publikum als ein Gergiev-Festival angesehen wird, bietet es auch außerhalb der Konzerte des Mariinsky-Zaren ein interessantes Programm, das zum Besuch verlockt. Mikkeli liegt nur 1 ¼ Autostunden von Savonlinna entfernt, so dass an Kunst und Kultur interessierte Touristen ideal das intimere Mikkeli Musik-Festival mit dem renommierten Opernfestival von Savonlinna kombinieren könnten.

Sune Manninen

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Das Foto zeigt Marita Viitasalo und Pelageya Kurennaya nach dem Konzert (Foto: Archiv Sune Manninen)

 

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