Der Neue Merker

MIKHAIL GLINKA: Variationen für Klavier über Opern- und Liedthemen

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MIKHAIL GLINKA: Variationen für Klavier über Opern- und Liedthemen; VLADIMIR STOUPEL – CAvi Music CD

Opernfreunde kennen und lieben die Ouvertüre zu Glinkas Oper „Ruslan und Ludmila“, wahrlich einer der aufregendsten Reisser der gesamten russischen Musikgeschichte. Glinka, ein Zeitgenosse Schuberts und Schumanns, aber auch von Bellini und Donizetti, war offenbar ein exzellenter Pianist, – self made und mir nur sporadischer Ausbildung wohlgemerkt – wie nun anhand der neuen CD von Vladimir Stoupel nachzuprüfen ist. Die Lust und das kompositorische Können, über ein Thema (aus einer Oper oder einem Lied) eines anderen Tonsetzers Variationen zu schreiben, verband Glinka nicht nur mit Beethoven, sondern auch mit seinen Kollegen Mily Balakirev und Anatoly Lydov. Von ihnen sind die Paraphrase über das Lied „Die Lerche“ und der tolle Variationenzyklus über die Romanze „Eine venezianische Nacht“ von Glinka auf dem Album zu hören. 

So verfestigt sich im Ohr des Hörers die Tradition, die Mikhail Glinka mit seinen verspielten, quirligen und humorvollen kompositorischen Parforceritten durch das bunte Land der Variationen-Fantasien begründete. Bei der „Glinkaschen Variation“ bleibt das Thema oder ihre Struktur meist unverändert, aber die Begleitstimmen werden dafür umso stärker varriiert. Wie der Pianist erklärt, wurde „diese Technik von vielen russischen Komponisten verinnerlicht, wie z.B. von Tchaikovsky im Finale seiner 4. Sinfonie.“

Vladimir Stoupel zeigt sich in seinem Spiel höchst brillant und gewitzt, aber auch einfühlsam und poetisch, wie etwa in den Variationen über die Romanze „Die Nachtigall“ von Alyabyev. Der einleitenden Romanze in E-Dur „Benedetta sia la madre“ folgen die Variationen über ein Thema aus der Oper „Fanika“ von Cherubini, die Variazioni brillanti über ein Thema aus der Oper „Anna Bolena“ von Donizetti, die simplen und doch überaus effektvollen Variationen über zwei Themen aus dem Ballett „Chao Kang“ sowie das „Rondino brillante über ein Thema aus der Oper „I Capuleti ed I Montecchi“ von Bellini. Ganz Italianità und Belkanto, zelebriert Stoupel hier auf seinem Steinway eine reichhaltige Palette an Anschlagsarten, ein Schuss Wodka für das russische Idiom darf freilich nicht fehlen.   

Reiner russischer Überschwang findet sich am Ende in der romantisch angelegten Paraphrase von Balakirev und im großartigen Zyklus von Lyadov. Der Einfluss Liszts in Formgebung und Satz bei Balakirev und von Chopin bzw. den frühen Scriabin im großen 12-sätzigen Variationenwerk Lyadovs sind nicht zu überhören. 

Ganz große Klasse und pianistische Gipfeljagd ist, wie Vladimir Stoupel all diesen mäandernden blühenden Musikgärten einen stilistisch unverwechselbaren Rahmen verpasst. Wie aus einem Guss klingen all diese märchenhaften Klangseelentröster. Eine CD, die aus purer Freude an den seltenen Stücken und der pianistischen Bravour garantiert wieder und wieder in den Player wandern wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

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