Der Neue Merker

Michaela Lindinger: DIE HAUPTSTADT DES SEX

BuchCover   Lindiner  Hauptstadt des Sex

Michaela Lindinger: 
DIE HAUPTSTADT DES SEX
Geschichte & Geschichten aus Wien
224 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

In Zeiten wie diesen, wo eine Ausstellung über Sex in Wien verspricht, die erfolgreichste zu werden, die es seit Jahr und Tag im Wien Museum gegeben hat, verkauft sich das Thema auch wieder zwischen Buchdeckeln, wenn der Titel auch zu hoch gegriffen scheint: Alle Großstädte, Weltstädte waren auch Sex-Hauptstädte, hatten nicht nur ein reges Sexleben der Normalmenschen zu verzeichnen, sondern auch eine diesbezügliche Sex-Industrie, was man nun für Wien bei Michaela Lindinger (die Kuratorin im Wien Museum ist) nachlesen kann.

Wobei sie das Buch mit „Conchita“ beginnt, an der/dem sich viele Themen festmachen lassen – Erotik, Exotik, das Abweichende, seine Faszination. Frauen mit Bart und andere androgyne Kunst- und Kultfiguren gab es nämlich schon immer, nur dass man sie heute im Fernsehen zeigt, früher in der Schaubude präsentiert hat. (Und „Cross Dressing“ gab es übrigens auch im Rokoko.) Wenn das Buch dann bei den Kämpfen gegen bzw. für Homosexuelle endet, hat es einen großen Bogen um ein reichhaltiges Thema geschlagen (bis zu Joseph II., der auch hier zu liberaleren Haltungen fand, hatte man Homosexuelle verbrannt).

Die Bade-Freizügigkeiten des Mittelalters, ein übersexter Barock – da landet man leicht bei den Habsburgern und ihren Exzessen, wobei die Autorin sich ausführlich mit der lesbischen Liebe von Isabella von Parma, der Gattin von Erzherzog Joseph (wie der spätere Kaiser Joseph II. damals noch hieß), und ihrer Schwägerin, Josephs Schwester Marie Christine befasst, ein Thema, das gerne unter den Tisch gekehrt wird (bzw. mit einer in der Zeit verankerten „Überschwänglichkeit“ unterspielt wird, was sicher nicht gerechtfertigt ist).

Joseph, der „betrogene“ und bald verwitwete Gatte, ließ sich – wie viele seiner Landsleute – dann nicht mehr auf Liebe, sondern vor allem auf „bezahlten“ Sex ein, der in Wien eine durchgehende, nie abreißende Tradition hatte – trotz der unermüdlichen Versuche seiner Mutter Maria Theresia, dies abzuschaffen, wobei sie zu drakonischen Strafen griff: Wer ohne Rosenkranz aufgegriffen wurde, galt als Hure und wurde auf Donauschiffen in den Balkan geschafft. Ein Schicksal, dem sich manche Bedauernswerte lieber durch Selbstmord entzog…

Im 19. Jahrhundert waren die Erkenntnisse von Sigmund Freud, der ja letztlich alles auf die Sexualität zurück führte, nur die Erben dessen, was sich in Wien abspielte – Exzesse aller Art, nur dass man es liebte, ihnen nun nicht nur real, sondern auch wissenschaftlich (oder literarisch, das sowieso) zu begegnen. Je strikter eine verlogene Bürgerlichkeit alles verbieten wollte (auch aus Angst vor unabhängigen, selbständig entscheidenden Frauen), umso ausgefallener wurden die Gefühle und die Praktiken. Wobei Prüderie und Offenherzigkeit in Wellen kamen und meist auch nebeneinander existierten. Was würden muffige Fünfziger-Jahre-Bürger sagen, wenn man sie per Zeitreise in eine Love Parade versetzte?

Ein kurioser Schlenker der Autorin am Ende: Laut einer Umfrage würden 54 Prozent der Teenager hierzulande eher auf Sex verzichten als auf ihr Handy. Düstere Aussichten für die Zukunft?

Renate Wagner

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