Der Neue Merker

MICHAEL SPYRES „ESPOIR“

0792938025124

MICHAEL SPYRES „ESPOIR“ – Arien auf den Spuren von Gilbert-Louis Duprez; Opera Rara CD

Veröffentlichung: 8.9.

Arien-CDs sind immer eine harte Herausforderung, noch dazu wenn es um Tenöre geht. Aber was bleibt einem „Merker“ anders übrig als „sein Amt“ tu tun, also rein in das Abenteuer: Und siehe da, der amerikanische Tenorgipfelstürmer Michael Spyres schafft es sogar einen Liebhaber von Bariton-, Mezzo- und Bassstimmen zu überzeugen: Nicht nur mit einem Programm, das überwiegend unbekannte Titel enthält, sondern auch mit einer Technik, Stimmsitz, Timbre und Höhen, die etwa alle Freunde der Kunst eines Juan Diego Florez sicherlich begeistern werden.

Als Vorbild des Albums dient Michael Spyres der frz. Tenor Gilbert-Louis Duprez (1806-1896), der zur Kreation eines neuen Sängertypus nach Italien reiste, um sich besondere Gesangstechniken (Bruststimme über dem Passagio) anzueignen. Duprez reüssierte und ging als heroischer Tenor mit lyrischem Feingespür in die Geschichtsbücher ein. Selbstverständlich sang er das hohe C mit Bruststimme und seine intensive und langjährige Zusammenarbeit mit Donizetti ist Legion.  Aus dem von der Tessitura her extrem anspruchsvollen Repertoire des Duprez wählte Spyres Ausschnitte aus den Donizetti-Opern „Rosmonda d‘Inghilterra“, „Dom Sebastien“, „La Favorite“ und „Lucia di Lammermoor“, die Cavatine des Othello aus Rossinisgleichnamiger Oper, Kostproben aus Aubers „Le lac des fées, Berlioz‘ „Benvenuto Cellini“Verdis „Jérusalem“ sowie die Heuler des Albums, Arie und Duett aus „Guido er Ginévra“ und „La Reine de Chypre“ von Halévy. 

Michael Spyres hat sich vom Bariton zum Tenor hochgearbeitet und ist heute einer der gefragtesten Interpreten für halsbrecherischen Belcanto. Er verfügt schon über eine ausgedehnte und beeindruckende Diskographie von Gesamtaufnahmen ausgewählter Werke von Händel, Mozart, Mayr, Rossini, Donizetti, Herold und Mazzoni bis hin zu Mendelssohn und Dvorak. Spyres letzte Soloalbum mit dem Titel „A Fool For Love“ stammt aus dem Jahr 2010. 

Spyres verfügt über eine stupende Technik, wo einem zum Vergleich etwa Gedda oder Florez einfallen. Ob lyrische Endloslegati, Stretta oder Ziergesang, Spyres beherrscht alles. Die Stimme ist in den unteren Registern fest verankert, führt bruchlos in die Höhe und schwindelerregende Stratosphären gerade noch menschenmöglichen Gesangs. Bis zu einer Terz über dem Hohen C vermag dieser Sänger seine Akuti zu setzen. Das ist aufregender Operngesang, der noch dazu der Erkundung so mancher echten Rarität dient. Carlo Rizzi begleitet gediegen mit dem Hallé Orchester. Schade, dass Joyce El-Khoury als schrill-singende Duettpartnerin in Halévys „Guido e Ginévra“ eine Zumutung für die Ohren ist. Ansonsten gebühren diesem außerordentlichen Album 100 Punkte.

Dr. Ingobert Waltenberger

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