Der Neue Merker

Michael Schottenberg: VON DER BÜHNE IN DIE WELT

BuchCover  Schottenberg

Michael Schottenberg:
VON DER BÜHNE IN DIE WELT
Unterwegs in Vietnam
208 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Michael Schottenberg hat im Sommer 2015 das Volkstheater nach zehnjähriger Amtszeit als Direktor wirklich (und nicht angeblich) freiwillig verlassen. Mein einstmals geliebter Beruf wurde mir mit den Jahren mehr und mehr zur Belastung, meint er dazu, er lebte zuletzt in einer Welt der Kompromisse, ist der Enthusiasmus vorbei, verkehren sich Mühen in Schmerzen.

Dass er nicht immer so weiter machen wollte, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass er nicht sofort in die Tretmühle des frei schaffenden Regisseurs und Schauspielers sprang, was er zweifellos hätte tun können. Vielmehr realisiert er mehr oder minder auf der Stelle das, was viele sich vornehmen und dann doch nie tun: Mit dem Rucksack in die Welt zu ziehen. Er tat es, ohne eine Bedenkpause einzulegen, am 26. August 2015, mit einem Flug nach Hanoi. Dass in seiner Abwesenheit „sein“ einstiges Theater von einer neuen Intendantin eröffnet wird, darauf verschwendet er aus der Ferne nicht mehr als einen Gedanken…

Vietnam also. Und auch hier hat er getan, was jeder Reisende beabsichtigt und so selten durchzieht: einen Monat lang unterwegs ein tägliches und genaues Tagebuch zu führen. Er tut es für eine geliebte Dame, deren Namen er nicht nennt und die den Leser nichts angeht (man weiß nur, dass es nicht Maria Bill ist…) – und WLAN ist auch in der Ferne wichtig, man bleibt in Kontakt (berichtet, dass man überlebt hat, wenn es kritisch war, hört sich auch Fußballspiele in der Heimat an, so ganz weg kann man also doch nicht sein).

Was Michael Schottenberg auf dieser Reise begegnet ist, daran lässt er nun nicht nur seine Theaterfans teilnehmen, sondern alle, die gerne reisen und sich für „Abenteuer“ im weitesten Sinn interessieren. „Von der Bühne in die Welt“ berichtet, was „Unterwegs in Vietnam“ so zu erleben war, wenn man jenseits von händchenhaltenden Reiseführern einfach wirklich ganz allein loszieht.

Natürlich hat Schottenberg in diesem Monat absolviert, was ein kulturell interessierter Tourist tut, sich nämlich die Sehenswürdigkeiten anzusehen – vom hinreißenden Wasserpuppen-Theater in Hanoi, der Schönheit der Halong Bay über die Pracht von Hue über das Würgen, das jeden Besucher in Saigon überfällt, wenn er sich pflichtbewusst das Kriegsrestemuseum ansieht, in dem die Schrecken des Vietnam-Kriegs zu besichtigen sind, inklusive Bilder der Mißgeburten, die aus den „Agent Orange“-Bomben der Amerikaner resultierten.

Er hat viel von dem Land gesehen und erzählt davon, gibt erworbenes Wissen weiter, und wer nach Vietnam reisen will, kann sich hier tatsächlich persönlich erlebte Informationen einholen. Aber es geht nicht nur um Geschichte – das Wesentliche an „Schottis“ Erlebnissen ist der Alltag, wenn er auf der Straße die Nudelsuppe isst (am Schutzumschlag des Buches dokumentiert), wenn er in den Hotels und den Absteigen, einfach schlendernd oder bei Besichtigungen die Menschen kennenlernt und sogar für die potentiellen Anquatscher („What is your name?“) liebevolles Verständnis aufbringt. (Ich bin süchtig nach Menschen, sagt er und beweist es in seinen Aufzeichnungen.)

Allen Imponderabilien zum Trotz ist diese unabhängige, nur von einem vagen Fahrplan gegliederte Art zu reisen wohl die reizvollste – zumindest, wenn man sie auf Buchseiten liest und nicht persönlich bis zum Knie im Wasser steckt. Schottenberg war nämlich in der Regenzeit unterwegs …

Am Ende verlegt er in der Hysterie der Abreise seinen Paß und findet ihn rechtzeitig wieder. Er schaut auf die Glücksmomente dieser Wochen zurück: Ich habe eine neue Welt kennen gelernt. Und er hat sie schön geschildert. Jetzt möchte man von ihm ein Buch über sein Theaterleben lesen.

Renate Wagner

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