Michael Horowitz: LEONARD BERNSTEIN

by R.Wagner | 19. Dezember 2017 19:44

BuchCover Horowitz, Leonard Bernstein

Michael Horowitz:
LEONARD BERNSTEIN
Magier der Musik
Die Biographie
240 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Im nächsten Jahr wird es landauf, landab Bernstein geben, zum dann anstehenden 100. Geburtstag: Am 25. August 1918 kam Leonard Bernstein in der „Immigrant City“ Lawrence zur Welt, als Sohn von Einwanderern aus der Nähe von Kiew. Er wurde der zu seiner Zeit vielleicht berühmteste Musiker der Welt, dank einer spektakulären Doppelkarriere als Dirigent und Komponist, dank einer schillernden Persönlichkeit, die sich nicht nur in den Kultur-, sondern auch in den Klatschseiten wiederfand. Mit mediengerechter, „sexy“ Ausstrahlung und einem „Feeling“ für seine persönliche Wirkung (und deren Vermarktung), wuchs Bernsteins Gestalt zu einem Bekanntheitsgrad hoch, den Musiker sonst eher selten erreichen.

Zu Wien hatte Bernstein eine besondere Beziehung – und die Stadt, die ihm zu Füßen lag, gleicherweise zu ihm. Der Journalist Michael Horowitz hat ihn in den Wiener Tagen auch gekannt, und er legt nun – anderen Kollegen vorauseilend – eine „Biographie“ vor, die er als Sammlung von „Mosaiksteinen“ bezeichnet. Tatsächlich gibt es bereits tiefschürfende, analytische Bernstein-Biographien, während dieses Buch die Lebensstationen und den vom Autor von vielen Seiten her präsentierten, vielschichtigen Charakter des Künstlers fokusiert.

Horowitz beginnt mit den Stetl-Anfängen von Bernsteins Familie und wandert längere Zeit chronologisch, in angenehm zu lesenden Kurzkapiteln, die biographischen Stationen nach: Dem Zehnjährigen „passierte das mit dem Klavier“ – der flotte Lenny fand auf einmal in der Musik das Zentrum seines Lebens. Der Vater, der als Kleinunternehmer zu Wohlstand gekommen war, war mit dem „Partyhelden, der auch Klavier spielen konnte“ nicht eben glücklich, sah den Sohn schon als Bettler enden. Wie man weiß, war die Sorge unberechtigt – Musikalität und Gedächtnis des jungen Bernstein waren so außerordentlich, dass er sich zu Besonderem qualifizierte.

Dennoch dauerte es einige Zeit, bis er beruflich Boden unter den Füßen gewann, bis er in bedeutenden Männern wie Dimitri Mitropoulos und Serge Koussevitzky Förderer fand (durch Letzteren kam es zu lebenslanger Bindung an das Tanglewood-Festival) und Artur Rodziński, der Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, den 25jährigen als Assistenten verpflichtete.

Auch Bernstein hatte das klassische Einspringer-Schicksal, das so viel für seinen Ruhm tat – es wurde ein legendäres Konzert, Bruno Walter war erkrankt, „und da kam diese kleine Rotznase rein und machte dieses Konzert zu etwas nie Dagewesenen“, wie sich einer der Orchestermusiker erinnerte.

Ruhm, Popularität und eine nie endende Spur von Geschichten und Gerüchten folgten Bernstein auf seinem weiteren Weg. Von da an allerdings verliert das Buch von Horowitz seine Kontinuität, verlegt sich kapitelweise auf Schwerpunkte, so dass die Dinge zeitlich dann immer wieder auseinander und durcheinander purzeln. So erfährt man von seiner Ehe mit Felicia Montealegre Cohn, mit der er drei Kinder hatte, ohne auf seine lebenslangen homosexuellen Beziehungen zu verzichten. Man liest von der Expansion seiner Karriere, als er von den USA nach Europa ging, wo er dann auch Oper dirigierte, wobei die Diva Callas die Diva Bernstein witterte und ausnahmsweise zahm mit ihm zusammen arbeitete.

Man liest von seiner Beziehung zu Israel und dem Judentum, von seinen Kompositionen – Musicals, Filmmusik -, von seinen riesigen Erfolgen als Musik-Nachhilfelehrer der Nation mit seinen Fernsehsendungen. Man liest von seiner politischen Exzentrik, vom „radical chic“, in seiner New Yorker Wohnung eine Party für die „Black Panther“ zu geben, die am liebsten jeden Besitzenden in Stücke gerissen hätten…

Logischerweise liegt ein deutlicher Schwerpunkt des Buches auf Bernstein und Wien, nicht zuletzt, weil Horowitz hier doch noch viele Zeitzeugen finden konnte, die ihm von ihren Bernstein-Erinnerungen berichtet haben. Manche haben „nur“ mit ihm gearbeitet, und zwar sehr gut, wie Christa Ludwig, andere zogen auch mit ihm durch die Nächte, von einem Lokal zum nächsten, wobei man sich wirklich wundert, wie ein dermaßen überanstrengter Geist, ein so von Rauchen, Trinken und Schlaflosigkeit ausgebeuteter Körper es auf 72 Lebensjahre bringen konnte.

Bernstein und Wien, das war vor allem die „Wiederentdeckung“ Gustav Mahlers, die auf ihn zurückging (Mahlers Grab am Grinzinger Friedhof, das Presse-Lady Renate Wunderer ihm zeigte, war ein tiefer Eindruck für ihn), und – neben vielen anderen Konzerten – seine Abende an der Wiener Staatsoper mit „Falstaff“, „Fidelio“, „Rosenkavalier“. Unvergessliche Erlebnisse für Opernfreunde.

Es ehrt den Autor übrigens, dass er nicht nur die Lobeshymnen der Zeitgenossen auf Bernstein veröffentlicht, sondern auch eine Künstlerin zu Wort kommen lässt, die das Gegenteil zu berichten hat. Gundula Janowitz hat Lenny, den immer Liebenswürdigen, den alle jederzeit so wunderbar fanden, der jeden umarmte und küsste, ganz anders erlebt. Er hat, als man sie ihm als Leonore gegen seinen Wunsch gewissermaßen „aufdrückte“, die ganzen Proben und Aufführungen hindurch kein Wort mit ihr gewechselt, sie ignoriert und geschnitten. Auch dazu war Lenny, der angeblich immer so großartige Mensch, imstande.

Solcherart erfährt man viel über ihn. Als Irrwisch, als Wirbelwind fegte er durch die Welt. Ein großer Künstler. Ein seltsamer Mensch.

Renate Wagner

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