Der Neue Merker

MENDELSSOHN: Violinkonzert; Die Hebriden; 5. Symphonie

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MENDELSSOHN: Violinkonzert; Die Hebriden; 5. Symphonie – harmonia mundi CD

ISABELLE FAUST, Freiburger Barockorchester; Pablo Heras-Casado 

Was kommt dabei heraus, wenn alle musikhistorischen Erkenntnisse der Aufführungspraxis einer bestimmten Epoche, von Künstlern des 21. Jahrhunderts nach Recht und Glauben aufgesogen, in die von gestern auf heute projizierte Praxis übernommen werden? Nicht unbedingt etwas Befriedigendes, wie mir anhand der vorliegenden CD klar wird. Laut Mendelssohn sollte sein Violinkonzert etwas sein, damit „sich die Engel im Himmel freuen“. Dieses berühmte E-Moll Konzert hat nun Isabelle Faust mit dem Freiburger Barockorchester in der Serie „Die neue Romantik“, The 19th Century Collection von HMM eingespielt.

Clive Brown erklärt in einem gelehrten Beitrag im Booklet zum Solopart, dass der von Mendelssohn notierte Text im 19. Jahrhundert ganz anders interpretiert wurde als im mittleren bis späten 20. Jahrhundert: Sparsamerer Einsatz von Vibrato, viel mehr Portamento, abweichende Bogentechnik und völlig andere Rubati. So zeigten die Fingersätze in den früheren Ausgaben, dass viel häufiger das hörbare Gleiten zwischen zwei Tönen angewandt wurde, das zu Mendelssohns Zeit als wichtigeres Ausdrucksmittel galt als ein Vibrato. Der Autor zitiert auch fünf Einspielungen von Joseph Joachim aus dem Jahr 1905 als aufschlussreich…. Dies die Theorie, nun zur Praxis. 

Spannend, voller innerer Dramatik und urwüchsiger Kraft ist die CD schon. Leider klingt die Geige im Violinkonzert beinahe magersüchtig, halt so, wie ein Null Prozent Joghurt schmeckt. Natürlich ist Isabelle Faust nicht nur eine grandiose Virtuosin, sondern viele ihrer Interpretationen sind Referenz. Aber dass sie diese Anschleiferei und Schmiererei der Töne allzu sehr ausspielt, bekommt der Musik gar nicht gut. Das klingt für mich mühsam, alte Hörgewohnheiten (unter denen ich offenbar unrettbar leide) hin oder her. Liebe Frau Faust, ich kann auch kein vibratoreiches Violinspiel wie Schlagoberstorte ausstehen, aber kann man sich nicht wenigstens auf 10% Fett im Ton bei Aufrechterhaltung aller sehnig klaren Strukturen einigen? Und was das Orchester anlangt, ist auch nicht einzusehen, dass ein Concerto Grosso von Händel, eine Haydn- oder Mozartsymphonie und jetzt eben auch Frühromantiker von Schubert/Schumann bis Mendelssohn allesamt gleich rau und artikulatorisch/rhythmisch scharf wie Chili gespielt werden. Selbstverständlich bewundere ich Harnoncourts Konzept der Klangrede, aber das Orchester sollte gerade bei einer so eigentümlich duftig, koboldhaften Musik wie derjenigen von Mendelssohn nicht allzu derb und krachend daherkommen. 

Dies gesagt, finde ich viele reizvolle Momente gerade bei der Hebriden-Ouvertüre und der Reformationssymphonie. Das neue Album ist alleine schon wegen des Aufbrechens überkommener Traditionen durchaus von Interesse und hat zweifelsohne interpretatorische Meriten. An die raffinierten und differenzierten, auch soft-klangliche Romantik zulassenden Einspielungen von Claudio Abbado (Shlomo Mintz) reicht es aber für mich in keiner Weise heran. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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