Der Neue Merker

MEISTERHAFTE PIANISTEN

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MEISTERHAFTE PIANISTEN – Generationenablöse bei den Tastentigern – Rémi Geniet, Julien Brocal und Severin von Eckardstein

Der Tonträgermarkt schwappt derzeit über vor Entdeckungen junger teils außerordentlicher Künstlerinnen und Künstler, vor allem auf dem Gebiet Klavier solo und Kammermusik mit Klavier. Drei von den überaus charaktervollen Interpreten der Musik Beethovens, Schumanns und Chopins seien hier mit ihren neuen Alben vorgestellt.

RÉMI GENIET spielt die Beethoven-Klaviersonaten Nr. 2, 9, 14 („Mondschein“) und 31; MIRARE CD 

Wie als Muster der stilistischen und systematischen Entwicklung Beethovens hören sich die überaus präzisen Sichtweisen des jungen französischen Pianisten Rémi Geniet der vier Klaviersonaten Beethovens an. Sind beim Op. 2/2 noch Anklänge an Haydn und dessen barocke Wurzeln wahrnehmbar, so vermag Geniet auch die romantischen und experimentellen Saiten in Beethovens Klangkosmos zum Schwingen zu bringen. Das Spiel, ganz am großen Vorbild Glenn Gloud orientiert, lässt jeden Ton einzeln leuchten. Eine grundlegend rationelle Herangehensweise paart sich mit einer frei artikulierten Prosodie. Der Südfranzose sieht sich im Grunde als Erbe der russischen Klaviertradition. Das Familiäre des dort gepflegten lebenslangen Unterrichts fasziniert ihn. Uns als Hörer erstaunt die Reife des Spiels, das untrügliche Gespür für Proportionen, die hohe Anschlagskultur, der sprühende Esprit, der überzeugende Umgang mit den Rubati. Die renommierte französische Musikzeitschrift „Diapason“ hat dem Jungstar in ihrer Mai-Ausgabe sogar einen Zweiseiter gewidmet. Chapeau!

„Les états d‘Âme“ – JULIEN BROCAL spielt Chopin: 24 Préludes Op. 28, Sonate Nr. 2 Op. 35; RUBICON CD

Die Préludes Chopins sind wohl Ausdruck der wechselnden Gefühle, die den polnisch Komponisten zu Beginn seiner Beziehung mit der Schriftstellerin George Sand auf seiner Mallorca Reise plagten. Nach glückseligem Beginn wandelte sich der Aufenthalt wegen Kälte und Krankheit rasch in einen Albtraum. Julien Brocal lässt den Hörer in den 24 Préludes in allen Tonarten nach dem Muster des Wohltemperierten Klaviers des bewunderten Bach schon nach wenigen Noten in die jeweils ureigene Stimmung der großteils als Miniaturen konzipierten Stücke tauchen. Lyrisch gefühlvoll ist sein Spiel, voller spontaner Umschwünge, die Strukturen fest im Hinterkopf. Die Lehrerin  Maria João Pires kann wohl hochzufrieden mit der Kunst ihres Schützlings sein. Besonders hervorzuheben sind die emotionale Dichte und Ausdruckskraft, die auf die festen Fundamente einer tadellosen Technik sowie einer wohldosiert variierten Metrik bauen. Brocal ist ein Sänger auf seinem Instrument, er weiß um die Erzählkraft der Musik und deren dunkel grundierten Verse. Innerhalb des Zyklus sind alle Proportionen wohl abgewogen und stimmig. Im „Marche funebre“ der Sonate ist auch der kühne interpretatorische Mut da, der einen sogartig mitreisst. Müsste man sich vor einem solchen Urteil nicht hüten, könnte man sogar von eine Aufnahme mit Referenzcharakter sprechen. 

SEVERIN VON ECKARDSTEIN spielt Robert Schumanns Fantasiestücke Op. 111, Op. 12 und die Fantasie in C-Dur; CAvi-music CD

Der schon renommierte deutsche Pianist von Eckardtsein weiß in den träumerisch fantastischen Stücken vor allem mit einer mit zum Bersten aufgeladenen Innenspannung zu überzeugen. Die Verquickung polyphoner Elemente mit hochromantischer Klangrede, einfacher Genreszenerien mit dunklen enigmatischen Passagen gelingt ganz herausragend. Severin von Eckardstein ist hier, finde ich, der „Literat mit dem Pinsel“ unter den Interpreten, so sehr lugen hinter der Musik die mannigfaltigen inneren Bildnisse des Komponisten hervor. Und dennoch behält jede Phrase ihr Stück an Geheimnis, ihre Spiegelung im Dahinfabulierten, ihr störrisches Element. Severin von Eckardstein ist auch ein begnadeter Kammermusiker. Mit der neuen Schumann CD hat er wohl ein großen Coup gelandet. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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