Der Neue Merker

MEININGEN: DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG – Premiere

MEININGEN: DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG – Premiere
am 7.4.2017 (Werner Häußner)

1491571947_dmt_die-meistersinger-von-nuernberg_camila-ribero-souza_dae-hee-shincfoto-ed
Camila Ribero-Souza (Eva), Dae-Hee Shin (Hans Sachs). Copyright:  Foto-ed

Früher sorgte im Theater hin und wieder das knallend platzende Leuchtmittel eines Scheinwerfers für Irritation. Doch nicht nur in der Oper kann es störende Folgen haben, wenn sich etwas überhitzt. Ein Motor zum Beispiel, der mangels Kühlung streikt, sorgte dafür, dass der erste Akt der Meininger Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ dank technischer Unbill unrezensierbar verstrich. Erst zum Flieder-Monolog des zweiten Akts wurde der „Merker“ diskret in einer Proszeniumsloge platziert – und konnte als Einstieg erleben, wie ausgewogen, kultiviert und dennoch expressiv in der Gestaltung des Textes Dae-Hee Shin über die Grenzen seiner „Poeterei“ und den Charakter des Vortrags des Walther von Stolzing reflektiert. Nur wenige Augenblicke, und man war gefangen von der behutsamen Formung, die Dirigent Philippe Bach der flexiblen Meininger Hofkapelle abforderte, von der Interaktion mit dem Sänger, dessen gesungenes Wort im Orchester Widerhall, Stütze, Deutung fand.

1491571717_dmt_die-meistersinger-von-nuernberg_dae-hee-shin_camila-ribero-souza_ondrej-salingcfoto-ed
Dae-Hee Shin (Hans Sachs)
, Ondrej Šaling (Stolzing), Camila Ribero-Souza (Eva). Copyright: Foto-ed

So blieb es den zweiten wie den dritten Akt lang: Der Meininger GMD dirigiert Wagner so unbeschwert und fettfrei, dass nicht nur die mannigfaltigen musikalischen Details ohne aufdringliche Deuterei hervortreten, sondern auch die Sänger hilfreich getragen werden. Keine hymnische Last stört den Charakter der Festwiese als ein heiteres Volksfest, kein Aplomb beschwert die intime Lyrik des Quintetts „Selig, wie die Sonne“. In dieser duftig-luftigen Musik tritt hervor, dass Wagner eigentlich eine „komische“ Oper schreiben wollte, die ihm dann zur Selbst-Reflexion über die Kunst und ihre Welthaftigkeit geriet.

Bach und die Meininger Hofkapelle stehen ohne Zweifel auf der Haben-Seite der ehrgeizigen „Meistersinger“-Produktion des Südthüringischen Staatstheaters. Auch Dae-Hee Shin gehört dorthin: Ohne Druck, ohne erzwungene Dramatik erfüllt er seine Rolle bis zur Mahnung, Meister und deutsche Kunst zu achten – während Stolzing und Eva durch die Volksmenge hindurch nach hinten ausbrechen und Hand in Hand verschwinden.

Ein Triumph des individuellen Glücksstrebens über die Einbindung in eine gefügte Gesellschaft? Es sieht so aus: Regisseur Ansgar Haag, der Hausherr des Meininger Theaters, verwandelt das bunte Treiben unvermittelt in das „Volk“, das wir seit zwei Jahren aus den Medien kennen: Demonstranten, die Plakate wie „Unser Land, unsere Werte“ hochrecken, während die Meister ihre roten Stühle packen und entsetzt von der Bühne weichen. Am Ende gibt die Menge die Gruppe der grau beanzugten Meister frei, die den offenbar zu Boden geschlagenen Sachs stützen, während sich eine Gruppe von Polizisten gleichgültig Kippen ansteckt.

Ohne Kenntnis des ersten Aktes lässt sich Haags Konzeption nicht beurteilen. Doch die Verwandlung der ansonsten recht konventionell gestrickten Chorszene in eine Biedermänner-Demo wird ansonsten durch die szenische Aktion nicht vorbereitet. Die Ausstatter Bernd-Dieter Müller und Annette Zepperitz wählen Kostüme, die das Flair der Fünfziger Jahre verbreiten, die Schusterstube von Hans Sachs ist wie die aufragenden Wände mit ihren Fenstern und Balkönchen in wässerigem Türkis gehalten. Im zweiten Akt markiert ein eiserner Bismarck-Kopf Bedeutung. In der Bewegung der Personen grüßt die biedere Art der letzten Wolfgang-Wagner-Inszenierung in Bayreuth. Dass sich „das Werk in den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts spiegelt“, wie Haag im Programmheft sagt, muss man als Absichtserklärung zur Kenntnis nehmen.

1491571859_dmt_die-meistersinger-von-nuernberg_camila-ribero-souza_ondrej-saling_carolina-krogius_siyabonga-maqungo-dae-hee-shincfo
Camila Ribero-Souza (Eva), Ondrej Šaling (Stolzing), Carolina Krogius (Magdalena), Siyabonga Maqungo (David) und Dae-Hee Shin (Hans Sachs). Copyright: Foto-ed

Nicht nur Gewolltes, sondern viel Erfülltes erfreut bei den Protagonisten des Meininger Ensembles: Camila Ribero-Souza als Eva ist an erster Stelle zu nennen – eine unangestrengt präsente Stimme, leuchtend im Zentrum, vielleicht noch eine Spur zu vorsichtig und damit zu fest in der Höhe, wortdeutlich, dynamisch flexibel, zur lyrischen Innigkeit und zu strahlenden Steigerung fähig. Auch Carolina Krogius fällt als frei und locker singende Magdalena auf. Lars Kretzer singt als Nachtwächter zwei eindrucksvolle Nachtrufe. Unter die Riege der Meister zählen Wagner-Urgesteine wie Ernst Garstenauer (Pogner), Roland Hartmann (Nachtigall) oder James Moellenhoff (Ortel), gestandene Meininger Sänger wie Stan Meus (Moser) und Marian Krejčik (Kothner) oder junge Leute wie Meiningen führenden Tenor Xu Chang (Vogelgesang).

Beckmesser ist in Ansgar Haags Deutung offenbar eine eher komische Figur, nicht der tragische Held oder der Außenseiter, wie er in den letzten Jahren öfter zu erleben war. Stephanos Tsirakoglou gestaltet den Stadtschreiber als drolligen Tolpatsch, der Mühe hat, den Ständer für seine altmodische Zither aufzustellen und im dritten Akt als bunter, blau-gelber Vogel sein missglücktes Lied zum Besten gibt. Tsirakoglou hat ein angenehm warm getöntes Timbre in der Mittellage, neigt aber in der Höhe dazu, den Ton anfechtbar gestützt zu verdünnen. Bei Ondrej Šaling als Stolzing – er singt in Prag, Banská Bystrica und Bratislava – bleibt bei aller formalen Bewältigung der Partie der Eindruck eines grellen, engen Timbres und eines in die Maske gedrückten, trockenen Tons, der das Aussingen eines schwärmerischen Bogens unmöglich macht. Auch der sympathisch agierende Siyabonga Maqungo dürfte die Töne seines Davids zuverlässiger im Körper statt im Kopf bilden. Der Chor von Martin Wettges wird verstärkt durch die Chöre der Kantorei und des Evangelischen Gymnasiums Meiningen und hat einen imponierenden Auftritt.

Werner Häußner

Diese Seite drucken