Der Neue Merker

MAURICE RAVEL: DAPHNIS ET CHLOÉ

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MAURICE RAVEL: DAPHNIS ET CHLOÉ – Les Siècles, François -Xavier Roth, harmonia mundi CD – Opulente Einspielung auf Originalklanginstrumenten

Das Orchester „Les Siècles“ wurde von François-Xavier Roth im Jahr 2003 gegründet. Es interpretiert alle Werke auf genau den Instrumenten und in der Art, wie das damals üblich war. Im Fall der choreographischen Symphonie „Daphnis“ bedeutet das nichts anderes,  als dass Darmsaiten, und im Vergleich zu heutigen Instrumenten andere Bohrungen und Größenverhältnisse bei der Bauart der Blasinstrumente sowie die natürlichen Obertonreihen bei Hörnern und Flöten verwendet wurden. Das Instrumentarium dieses Balletts in drei Teilen, das die Liebesirrungen- und wirrungen des Hirten Daphnis und der Hirtin Chloé in musikalisch überreichen Farben spiegelt, ist ohnedies eines der größtmöglich vorstellbaren. Zum üblichen Apparat gesellen sich eine Flöte in G, eine kleine Klarinette in Es, Kontrabässe mit Kontra-C, Xylophon, Celesta und Glockenspiel. Und dann gibt es noch einen gemischten Chor (Ensemble Aedes), der stimmungssteigernd mystisch bis wild, sei es mit offenem oder geschlossenem Mund, vokalisieren darf.

Der frz. Dirigent Roth, eine der interessantesten und innovativsten Musikerpersönlichkeiten der Jetztzeit (u.a. Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor der Stadt Köln), hat das Orchestermaterial gesichtet und revidiert und legt nun eine unglaublich transparente und „historisch gesicherte“ Einspielung plus ein eigenwilliges Gesamtkonzept vor. „Das Werk ist Teil des großen Projekts, das wir 2009 initiiert haben: die Odyssee der Ballets Russes. Daphnis und Chloé ist das monumentalste Werk von Ravel. Sehr vertraut mit dem Thema der Antike, zeigt er uns hier eine große Bandbreite an Bildern, Rhythmen und orchestralen Klangfarben. Es ist zu diesem Zeitpunkt der Musikgeschichte eine Art Höhepunkt des impressionistisch französischen orchestralen Gestus, nach Art eines Schoenberg, der mit seinen Gurre-Liedern das letzte Werk der Romantik schuf. Es wäre übrigens nicht übertrieben zu sagen, dass „Daphnis und Chloé“ als das letzte große Comédie-ballet in der Geschichte der frz. Musik gelten kann, schließlich weiß man um die Bewunderung Ravels für Couperin oder Rameau…“

Die außerordentliche musikalische Qualität der CD rührt von der messerscharfen Akzentuierung, der glasklaren Durchhörbarkeit in den Einzelstimmen, und den extremen dynamischen Kontrasten her. Ein eisgekühlter Rausch, gleich blau-gelb schillernd-irisierenden böhmischen Vasen, erwartet den Zuhörer. Die Akkuratesse der Steigerungen und der spannungsgeladenen Tanzelemente  erinnern an eine „hellenische“ Salome. Die Musik insgesamt erregt durch die ständigen rhythmischen Änderungen und Brüche angenehme Schwindelgefühle. Furios, wie Les Siècles mit dem Chef mitgeht, wie das Orchester die geforderte Präzision aufgreift, abbildet und mit Leben erfüllt. Nicht bukolisch, sondern satyrhaft bacchanalisch ist dieser Daphnis. Fritz Reiner lässt grüßen. Ereignishaft!

Dr. Ingobert Waltenberger

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