Der Neue Merker

Matthew POLENZANI und „Die schöne Müllerin“

Matthew Polenzani und Die schöne Müllerin

(Juni 2016, Renate Publig)

© Dario Acosto

 

Regelmäßigen Besuchern der MET-HD-Übertragungen ist der amerikanische Tenor Matthew Polenzani kein Unbekannter: Mittlerweile wirkte er bereits in acht Übertragungen mit, in der nächsten Saison wird er als Idomeneo zu hören sein. Polenzani ist bekannt für seine elegante lyrische Stimme, doch auch Liebhaber hoher Töne kommen bei ihm auf ihre Kosten, denn ein hohes C im Pianissimo (wie in den „Perlenfischern”) oder gar ein hohes Cis (wie zuletzt in Roberto Devereux) scheinen für ihn die leichteste Übung zu sein.

Polenzani ist auf allen großen Bühnen der Welt zuhause, auch in Wien ist er bereits öfters aufgetreten, zuletzt als Nemorino in „L’Elisir d’amore” im vergangenen November.

Sein weiches Timbre, seine Stilsicherheit, seine saubere Diktion und sein intelligenter Einsatz von Stimmtechnik prädestinieren den Tenor, der 2004 den Richard-Tucker-Preis gewann, für Liederabende, so präsentierte er nun Ende Mai Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ an der Frankfurter Oper, am Klavier begleitet von seinem Stammpianisten Julius Drake.

Während der Probenarbeiten zu „La Boheme“ in Barcelona nahm sich der sympathische Tenor Zeit, über Lied im Allgemeinen und „Die schöne Müllerin“ im Speziellen zu sprechen.

 

Herr Polenzani, die meisten Zuhörer kennen Sie als Opernsänger – was reizt Sie besonders am Liedgesang?

Was ich am meisten an Liederabenden schätze ist die Intimität mit dem Publikum, üblicherweise finden Liederabende in kleineren Sälen als der Frankfurter Oper statt. Ich mag es, die Gesichter der Zuhörer zu beobachten, ihnen in die Augen zu schauen. Ihnen etwas direkt zu vermitteln. Natürlich berührt die Oper die Zuhörer, da gibt es so vieles zu bestaunen, das Set, die Kostüme, das Orchester, die Aktionen – all das ist wunderbar, und ich genieße dieses Medium sehr! In der Oper singt man jedoch in einen großen dunklen Raum hinein und versucht, die Dramatik zu transportieren.
Ich erzähle gerne Geschichten, und diese berührende, traurige Geschichte der „Schönen Müllerin“ dem Publikum unmittelbar zu vermitteln, erzeugt eine stärkere Wirkung. Wenn man ein Wort auf eine bestimmte Weise singt und den Zuhörer dabei ansieht, entsteht eine höhere Spannung. Mir gefällt das Gefühl, mit mehreren Individuen direkt zu interagieren.
So nahe am Publikum zu sein, kann natürlich umgekehrt auch beängstigen. Wir sind nur Menschen, da passiert schon mal ein Fehler! Auf der Opernbühne kann man sich verstecken, hinter den Kollegen, hinter dem Orchester … das geht bei einem Liederabend nicht, und diesen Zyklus vor einem deutschsprachigen Publikum zu singen, ist schon etwas Besonderes. Die „Müllerin” habe ich jedoch schon oft gesungen, deshalb empfinde ich das nun nicht als höheres Risiko.

 

Natürlich singen Sie jedes Genre mit „Ihrer” Stimme. Sie stehen jedoch gerade in den Proben zu „Boheme” – wie schwierig ist es, zwischen Opern- und Liedgesang zu wechseln?

Bei den Proben arbeiten wir gerade an der Inszenierung, wir befinden uns noch nicht in der Orchesterphase. Und die „Müllerin” habe ich erst kürzlich, Ende April, in einem Konzert gesungen Ansonsten wäre der Wechsel tatsächlich ein Grund zur Sorge.

Natürlich muss man bei einem Liederabend „nur” übers Klavier drüberkommen. Zwar entwickelt dieses Instrument eine gewisse Lautstärke – besonders bei komplett geöffnetem Deckel, wie bei diesem Zyklus. Und dennoch: Der Prozentsatz, wie oft ich meine volle Opernstimme einsetze, liegt maximal bei 10 Prozent, vielleicht sogar nur bei fünf. Die meiste Zeit ist es nicht notwendig „aufzudrehen“, mir liegt viel daran, Worte zu „malen”. Natürlich gibt es auch einige Forte-Stellen, aber viel öfters geht es um eine stille Introspektion. Der Müller sinniert, wie er seine Gefühle, wie er das Erlebte einordnen soll und versucht, seinen Weg zu finden. Mir ist der Fokus auf die Worte wichtig und nicht, Lautstärke zu produzieren.

 

Wenn wir schon dabei sind, eines Ihrer Markenzeichen ist Ihr tragendes Pianissimo, das im ganzen Opernhaus hörbar ist. Wie erzeugen Sie diese Dichte in Ihren Piano-Tönen?

Ein Ton im Piano muss genauso gestützt sein wie einer im Forte. Und natürlich ist der Stimmsitz essentiell, das Nutzen der Resonanzräume, damit sich der Ton entfalten kann. Das Piano muss an der gleichen „Stelle” platziert sein wie das Forte. Wenn beides passt, die richtige Stimmstütze und das bewusste Platzieren des Klanges, hört man den Ton überall. Wenn ich einen Ton derart fokussiere, denke ich oft an den Vokal „u”, weil sich dadurch der Klang sehr gut bündeln lässt, aber dennoch genug Raum zum „Rundlaufen” hat.

 

Wie wählen Sie Ihr Liedprogramm aus, was reizt Sie besonders, Texte bzw. Themen oder melodische/harmonische Aspekte?

Das Programm für einen Liederabend stelle mit meinem Pianisten Julius Drake zusammen, dessen Wissen über Lieder um so vieles größer ist als meines. Er kennt meine Stimme genau und weiß, welche Stücke mir liegen! Umgekehrt bringe ich Komponisten aufs Tapet, deren Tonsprache mir gefällt. Die Auseinandersetzung mit einem Text interessiert mich sehr, aber wenn die Musik nicht zu mir spricht, wird es wesentlich schwieriger für mich, einen Zugang zu dem Lied zu finden. Natürlich gelingt auch das, ich mag auch nicht jede Oper gleich gern! (lacht) Aber wie jeder Sänger – und jeder Zuhörer! – habe ich Lieblingskomponisten, deren Musik ich besonders gerne singe.

 

Welche Komponisten gefallen Ihnen besonders?

Oh je, das ist eine sehr lange Liste. Schubert steht definitiv ganz oben, seine Tonsprache ist einzigartig, die Lieder fühlen sich so „richtig“ an, wenn man sie singt.

Außerdem bin ich ein großer Fan von Franz Liszt, von seiner Art, Melodien zu komponieren und das Klavier wie ein Orchester einzusetzen. Dann mag ich Schumann, Beethoven … und natürlich die französischen Komponisten. Ich bin ein großer Verehrer von Poulenc, Fauré, Duparc … nein, es sind wirklich zu viele, um alle zu nennen.

 

Die deutsche Sprache hat viele Konsonanten, was viele Sänger nicht gerade als ideal empfinden im Vergleich zu anderen Sprachen.

Viele Sänger sind tatsächlich der Ansicht, dass die deutsche Sprache, wenn man sie zB der französischen direkt gegenüberstellt, nicht so rund oder weich klingt. Aber sobald ich begriff, wie die Wörter geformt sind, empfand ich sie nicht mehr als schwierig, im Gegenteil, es ist eine sehr schöne, kraftvolle Sprache zu singen. Worte wie „Küsse” mit dem langen „S”, oder „Sterben” – die sind so emotionsgeladen. Die Klangqualität dieser Worte gibt den Liedern viel mehr Kraft. Ich singe generell sehr gerne in anderen Sprachen!

 

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, die „Müllerin” darzubieten: Als Erzähler, der quasi ein Tagebuch vorträgt – schließlich werden die letzten beiden Lieder nicht mehr (allein) vom Müller gesungen. Oder der Sänger schlüpft in die Rolle des Müllers. Welche Variante bevorzugen Sie?

Ich bin zu 100 Prozent in der Rolle des Müllers. Das heißt nicht, dass ich mich auf der Bühne wälze oder von einem Ort zum anderen laufe wie auf einer Opernbühne. Aber seine Emotionen oder die Art, wie er diese verschiedenen Stationen erlebt, das alles spielt sich zu dem jeweiligen Zeitpunkt in mir drinnen ab. Einmal sang ich den Zyklus als trockene Erzählung, nur um das Gefühl auszuprobieren, aber das ist nichts für mich. Der Vortrag verliert für mich dadurch an emotionaler Schlagkraft. So viel verrate ich zum Ende: Für „Des Baches Wiegenlied” gehe ich natürlich aus der Rolle, das Lied singe ich in komplettem Stillstand, um eine tiefgehende Ruhe zu transportieren.

Das Unglaubliche an dem Zyklus ist der Klavierpart mit seiner enormen Aussagekraft. Mich begeistert, wie man im Klavier hören kann, wenn z. B. der Bach versucht, den Jungen zur Umkehr zu bewegen. Besonders, wenn man einen Pianisten wie Julius hat, der ein großartiger Künstler und vor allem Partner ist! Natürlich setzt es technische Fertigkeiten voraus, um diesen Zyklus zu bewältigen, aber vor allem muss der Pianist das Klavier zum Sprechen bringen können, und das ist einer der Hauptgründe, warum ich so gerne mit Julius zusammenarbeite!

 

Sie beschreiben Ihre Vorbereitung auf Opernrollen, dass Sie viel über das Werk, über Ihre Figur lesen, zusammengefasst, dass Sie in den „Kopf” Ihrer Partie gelangen möchten. Ist der „Müller” ebenfalls eine Rolle, und … wer ist „Ihr” Müller?

Ich habe keinen speziellen Müller vor Augen, diese Rolle ist für mich auch nicht vergleichbar mit einer Opernpartie wie beispielsweise dem Werther. Ich würde sagen … diese Person, die ich auf die Bühne stelle, bin in einer Form ich selbst; jedenfalls denke ich an keine andere Person. Sicher gab es Menschen, die den Weg des Müllers beschritten, wie viele Menschen nahmen sich das Leben wegen ihres gebrochenen Herzens? Aber um die Emotionen des Müllers auf die Bühne zu bringen, versuche ich, mich auf meine eigenen Erfahrungen zu stützen. Wenn der Müller das Mädchen zum ersten Mal sieht, dieses unglaubliche Gefühl, zum ersten Mal verliebt zu sein, also … ich bin nicht ganz so jung wie er, aber ich habe sehr starke Erinnerungen daran, wie sich erste Liebe anfühlt! (lacht) Mit meinen 47 habe ich auch schon einiges durchlebt, also konzentriere ich mich auf meine eigenen Gefühle: Wie sich mein gebrochenes Herz anfühlt, mein Weinen über den Verlust eines Menschen, meine Wut auf einen Rivalen, mein Glücksgefühl, das Gesicht der geliebten Frau zu sehen. Ich betrachte jedes Lied durch die Linse meines eigenen Erlebten. Und ich möchte, dass ich den Zuhörern nicht nur eine gute technische Darbietung biete, sondern eine emotionsgeladene. Ich bete, dass die Zuhörer am Ende zu Tränen gerührt sind darüber, was der Müller durchlitten hat.

 

Sie erwähnten bereits, dass Sie die Müllerin erst kürzlich vorgetragen haben, allerdings mit einem anderen Pianisten. Nun sprachen wir über die große Bedeutung des Klavierparts; Darüber hinaus sind Sie ein Künstler, dem das Zusammenspiel mit seinen Kollegen wichtig ist und der nicht lediglich seinen Part abliefert. In wieweit beeinflusst nun ein anderer Begleiter Ihre Interpretation?

Alan Darling, der Pianist, mit dem ich vor ein paar Wochen auftrat, ist ein reizender Mensch, sein Klavierspiel ist hervorragend. Er hat einen anderen Background als Julius Drake, dadurch unterscheidet sich klarerweise schon sein Grundstil.

Mit Julius ging ich mit dem Zyklus schon vor ein paar Jahren auf einer Tournee, er kennt meinen Geschmack, wir sprechen uns ab, wer welche Passagen in welcher Form interpretieren möchte. Natürlich gingen wir einen Tag vor dem Liederabend noch einmal Details durch. Aber für uns beide ist das gemeinsame Musizieren wie Radfahren, man steigt auf und fährt einfach.

Wenn ich mit anderen Pianisten musiziere, ist mir ein gemeinsamer Weg wichtig: Natürlich habe ich für manche Lieder, manche Passagen bestimmte Vorstellungen der Interpretation, aber das Recht steht auch meinen Partnern zu. Und wenn es für mich musikalisch einen Sinn ergibt, gehe ich natürlich auf ihre Wünsche ein!

 

Welche Lieder aus der „Müllerin” singen Sie besonders gerne?

„Der Neugierige” ist ein sehr berührendes Lied – und mit ziemlicher Sicherheit mein erstes, dass ich je auf Deutsch gesungen habe. Ich finde es faszinierend, wie der Müller danach brennt, Antworten zu finden. Diese Komposition, die harmonischen Wendungen gingen mir sofort tief ins Herz! Außerdem liebe ich „Der Müller und der Bach”, wenn der Müller zu seinem Ende gelangt. Unglaublich, was Schubert harmonisch zaubert, wenn der Bach versucht, den Müller zurückzuhalten … von Moll zu Dur, dann wieder zurück zu Moll, bis das Lied in Dur endet, weil der Schmerz vorbei ist! Wenn ich zwei Lieder wählen müsste, wären es diese beiden.

Andererseits ist jedes einzelne Lied essentiell. Jede noch so einfache Melodie hat eine starke Aussage, wie gleich im ersten Lied, „Wandern”. Diese Einfachheit der Melodie drückt wunderbar aus, wie hoffnungsvoll und aufgeregt der Müller sich auf seinen Weg macht. Endlich ist er auf sich gestellt, hat vielleicht seine Eltern verlassen, die ihn nicht verstanden– er ist frei. Ich glaube, Schubert hätte keinen besseren Weg finden können, die Zuhörer sofort in die Gedanken des Müllers hineinzuversetzen! Es ist so: Ich liebe jedes einzelne Lied aus diesem Zyklus.

 

Stehen weitere „große” Zyklen wie die Winterreise auf Ihrem Plan?

Ja. Ich habe mit der Winterreise gewartet, weil ich mich in meinem Herzen und meinem Geist noch zu jung dafür fühlte – vielleicht, weil ich zwar selbst nicht mehr so jung bin, aber meine Kinder sind noch klein. Deshalb kommt Winterreise voraussichtlich in fünf, sechs Jahren.

Nächstes Jahr singe ich jedoch erstmals Schumanns „Dichterliebe”, worauf ich mich schon sehr freue. Dieser Zyklus bildet den ersten Teil des Liederabends, im zweiten Teil singe ich Janáčeks „Tagebuch eines Verschollenen”. Dieses Werk habe ich bereits aufgeführt, es ist wirklich umwerfend – Janáčeks Musik ist fantastisch, besonders, wie er für Stimmen komponiert!


Wo wird dieser Liederabend stattfinden?

In der Wigmore Hall in London, im Juni 2017.

Und wann werden wir Sie in Wien mit einem Liederabend hören?

Ich würde sehr gerne einen Liederabend in Wien geben, da muss ich einen Weg finden! (lacht)


Wird die „Müllerin” auf CD aufgenommen?

Leider nein, das ging sich zeitlich nicht aus. Für das Schumann/Janáček-Programm nächstes Jahr gibt es jedoch Pläne. Letzten Endes geht es immer darum, die Aufnahmen in den Auftrittskalender zu integrieren. Aber irgendwann möchte ich auch gerne die Schöne Müllerin aufnehmen!

Herr Polenzani, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Boheme!

Renate Publig

 

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