Der Neue Merker

MARTINA FRANCA: MEDEA IN CORINTO von Giovanni Simone Mayr, DON CHECCO von NIcola de Giosa, LE BRACI von Marco Tutino, L’INCORONAZIONE DI POPPEA

MEDEA IN CORINTO von Giovanni Simone Mayr, DON CHECCO von NIcola de Giosa, LE BRACI von Marco Tutino, L’INCORONAZIONE DI POPPEA am 29.,30.,31.7. und 1.8.2015

Alle Opernfestivals im Sommer scheinen immer nur immer wieder dieselbe „gängige Ware“ zu spielen, also: Aida, Bohème, Carmen, Trovatore, Nabucco, Rigoletto, Turandot usw.usf.

Alle ?

Nein. In der malerischen apulischen Kleinstadt Martina Franca in der Nähe von Bari im Trulliübersäten Itria-Tal gelegen, leistet man bis heute in heroischer Weise erbitterten Widerstand gegen derlei musikalischen Einheitsbrei und Freiluft-Populismus. Seit nunmehr 41 Jahren zeigt man im Innenhof des Palazzo Ducale ausschließlich selten gespielte Werke, viele davon sogar als Erst – bzw. Wiederaufführungen in moderner Zeit.

Heuer standen drei ganz besondere Raritäten auf dem Programm.


Don Checco“. Copyright: Festival Martina Franca

Die allerrarste davon war zweifellos die opera buffa „Don Checco“ des in Bari geborenen Nicola De Giosa(1820 – 1885) einem Komponisten, von dem nicht einmal die allergrößten Auskenner je etwas gehört hatten. Ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Werk. Das fängt schon damit an, dass die Hauptfigur – dieser Checco eben – ein Baritonbuffo ist. Er betritt die Szene mit einer hals und zungenbrecherischen, fünfzehnminütigen Auftrittsarie, gegen die Figaros “ Largo al Factotum “ der reinste Lercherlsc*** ist. Darüber hinaus ist er, wie schon die Stimmlage vermuten lässt, der totale Anti-Held: ein wegen Schulden steckbrieflich gesuchter Schwindler, Dieb und Gauner, der sich, vor den Häschern flüchtend, in den „Leo“ eines Dorfwirtshauses flüchtet. Wo er prompt für den sich gerne inkognito unters gemeine Volk mischenden harunalharaschidesken Fürsten gehalten wird. Was natürlich alsbald zu den alleverwickeltsten und somit allerkomischsten Verwirrungen führt.

Die Musik ist schlicht und einfach großartig, denn obwohl man Einflüsse von bzw. Vorgriffe auf heraushören könnte, ist und bleibt sie immer eigenständig, originär und originell.

Unter dem energischen Dirigat des aufstrebenden Nachwuchsdirigenten Matteo Beltrami ist ein perfekt gecastetes, sich selbst und uns gleichermaßen unterhaltendes Ensemble am Werk: Carolina Lippo als bezaubernde, charmant-renitente Wirtshaustochter Fiorina, Francesco Castoro als tollpatschiger, übergewichtiger, aber Fiorina innig liebender Kellner Carletto, Carmine Monaco als massiver, die Ehe der beiden mit aller Gewalt verhindern wollender, zornes- aber letztlich gutmütiger Riesen-Wirt Bertolaccio, und natürlich der unglaublich virtuose und agile neapolitanische Sänger-Schauspieler Domenico Colaianni als dahergelaufener, abgerissener, unruhestiftender, aber dennoch irgendwie sympathischer Sandler Don Checco.

Eine wahre Entdeckung und ein insgesamt – auch dank der delikaten Regie Lorenzo Amatos – ungetrübtes Vergnügen, das den Zuschauern auch noch beim Verlassen des Palazzo Ducale ein anhaltendes Lächeln ins Gesicht zauberte.

Der Papierform nach hätte ja eigentlich Giovanni Simone Mayrs „Medea in Corinto“ der Höhepunkt des Festivals sein sollen. Denn der als Johann Simon im Landkreis Eichstätt geborene, dann aber bis an sein Lebensende in Bergamo ansässige und tätige Mayr(1763 -1845) gilt nachübereinstimmendem Urteil vieler Opern-Experten als einer der unterschätztesten Komponisten seiner Zeit. Sein Pech war, dass seine große Meisterschaft von seinem nicht soo extremtalentierten, aber populäreren (weil eingängigeren) Schüler Donizetti in den Schatten gestellt wurde. Und er somit heutzutage, wenn überhaupt, maximal als Lehrer des Letzteren bekannt ist.

Seine „Medea“ ist ein großes, auf dessen szenische Darstellung man sich nach Anhören der einzig verfügbaren Schallplattenaufnahme schon sehr gefreut hatte.

Leider dürfte bei der Produktion hier einiges schiefgelaufen sein. Zum Ersten bestätigte Fabio Luisi die bereits im Vorfeld lautgewordenen Zweifel, ob er denn die richtige Wahl für diese Art von Musik sei, überzeugend. Denn er dirigierte die aristokratische, im napoleonischen „Empire-Stil“ gehaltene Partitur, doch eher wie Kompositionen des 19. Jahrhunderts, die ihm in seiner bisherigen Karriere klarerweise weit vertrauter waren.

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Das unnötige Ballett. Copyright: Festival Martina Franca

Noch gröber missverstand nur noch Regisseur Benedetto Sica Geist, Charakter und Form dieser klassizistischen Medea-Version. Schon während der Ouvertüre bevölkerten blondgrau-perückte Tänzer/innen als Doubles der Protagonisten völlig sinnloserweise die Bühne. Ihre sich bis zum Finale hinziehenden, an die 70er Jahre erinnernden, spät-expressionistischen Konvulsionseinlagen waren nicht nur überflüssig, sondern zutiefst ärgerlich. Wir sind hier doch bitte nicht im Verismus !

Von den Sängern retteten sich eigentlich nur die beiden hervorragenden Tenöre Michael Spyres und Enea Scala aus dem allgemeinen Desaster. Umso bewunderungswürdiger, weil sie gleichzeitig gegen die sie extrem als Weibmänner entstellenden Kostüme von Tommaso Lagattolla anzukämpfen hatten. Genaugenommen waren sie – wie der Rest der Nicht-Inszenierung – nicht zum Anschauen.

So blieb in diesem Zusammenhang als einzig schöner Moment(abgesehen von dem durch ein geniales Bustier exaltierten Decolleté der Creusa-Darstellerin) allein die letzte Minute des Finales in bleibender Erinnerung. Da wurden völlig überraschenderweise plötzlich (ohne weitere dramaturgische Begründung) Hunderte von weißen Tauben freigelassen, die eilends in den vollmondbeschienenen Nachthimmel entschwanden (freilich nicht ohne vorher einigen Zuschauerinnen ein Exkrement-Souvenir hinterlassen zu haben). Das wars aber dann schon. Eine einzige große Enttäuschung und eine unglückseligerweise verpasste, große Chance, das Oeuvre des Deutsch-Italieners Mayr (vielleicht hätte er seinen Familiennamen auch noch ändern sollen) endlich zu rehabilitieren.

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K.u.K-Finale. Copyright: Festival Martina Franca

Nicht erfreulicher leider auch die Weltpremiere von Marco Tutinos Opernversion von Sándor Márais Roman „Die Glut“ (dessen Dramatisierung vor ein paar Jahren mit Helmut Lohner selig in der Hauptrolle im Theater in der Josefstadt zu sehen gewesen war).

Tutino gilt als der publikumfreundlichste und somit auch meistgespielte italienische Komponist der Gegenwart. Dieser Erfolg ist allerdings mit einem hohen Preis erkauft. Denn seine fast computergeneriert anmutenden Werke klingen alle irgendwie wie Filmmusik in postpuccinianischer Kitschsauce, veraltet schon vom ersten Ton an. Da sich daran in ungeheurer Einförmigkeit auch bis zum letzten Ton absolut nichts änder, würde man am liebsten die Ohren schließen, wenn das denn ginge. Das von Tutino selbst hergestellte Libretto ist von fürchterlicher Banalität, sodass sich der ganze Sinn dieser Vertonungs – Operation in keinster Weise erschließt.

Ja, Roberto Scandiuzzi und Alfonso Antoniozzi sangen gut. Aber was half das ??

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Poppea und Nerone. Copyright: Festival Martina Franca

Dass es zu guter Letzt doch noch zu einem 2 : 2 Unentschieden und somit zu einem versöhnlichen Abschluss kam, lag ausschließlich an der eigentlich h als „Off-Produktion“ deklarierten „ Incoronaziione di Poppea“ durch die Studierenden der “ Accademia del Belcamto Rudolfo Celletti“ im gleißend weißen Chiostro San Domenico.

Kein wirklich „rares“ Werk, und außerdem lauter junger Sänger/innen, manche sogar in ihrer ersten Begegnung mit diesem Repertoire. Dennoch und trotzdem eine Fast-Sternstunde aufgrund der unglaublichen Fähigkeit der Youngsters beiderlei Geschlechts, diese antiquiert erscheinende Vorlage Monteverdis mit eigenem, exakt artikulierten, Leben zu erfüllen.

Robert Quitta, Martina Franca

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