Der Neue Merker

Markus Thiel: EDITA GRUBEROVA

Markus Thiel:
EDITA GRUBEROVA. Biografie
Der Gesang ist mein Geschenk
240 Seiten, Bärenreiter HENSCHEL 2012 

Edita Gruberova ist zu beglückwünschen. Nicht viele Künstler bekommen eine Biographie, die so genau recherchiert und kenntnisreich dargestellt ist wie jene, die ihr der Münchner Journalist Markus Thiel widmet. Da wird nicht der Boulevard beliefert (wie es bei Schauspieler-Büchern heute nur zu oft der Fall ist), sondern der Opernfreund, der es wirklich genau wissen will, was es mit dem Phänomen Gruberova auf sich hat. Der Autor erweckt den Eindruck, er habe wirklich jede Platte und CD der Gruberova gehört, sich jedes Video und jede DVD angesehen, möglicherweise auch jeden Artikel gelesen, den er in ihrer ausführlichen Sammlung von Zeitungsausschnitten fand, denn die Künstlerin ist offenbar Sammlerin. Das Dokumentarische, Chronologische tut dem Buch auch deshalb gut, weil in dem genauen Ablauf des Geschehenen die Entwicklung eines Künstlerlebens, einer Künstlerpersönlichkeit so klar wird.

Allerdings läuft das Werk auf zwei, sogar drei Ebenen. Die erste ist die biographische – die Geschichte der am 23. Dezember 1946 in Raca, zehn Kilometer nördöstlich von Bratislava geborenen Edita Gruberova, Slowakin, der Vater Deutscher, die Mutter aus der ungarischen Minderheit. Ihr  Leben wird in der Jugend von den „Ostblock“-Gegebenheit geprägt, ist privat schwer unter Druck: ein unglücklicher Vater flüchtet in den Suff, eine aufopfernde Mutter gleicht aus: Tatsächlich hat Etela Gruberova ihr ganzes Leben der einzigen Tochter gewidmet, hat durch ihre Bereitschaft, mit ihr in den Westen zu fliehen und ihr die Arbeit mit den beiden Töchtern abzunehmen, die Karriere von Edita erst möglich gemacht.

Zwölf Kapitel führen durch eine Karriere, die sich schon deshalb in ihren Höhen und nicht verschwiegenen Tiefen so gut darstellen lässt, weil sie – nein, nicht vorbei ist: Aber das Meiste ist geleistet. Was noch kommt, sind die Draufgaben. Der Autor schreibt ausführlich über ihre erste „Straniera“, die erst ansteht, anfangs konzertant, dann im September 2013 in Zürich: Rückkehr unter einer neuen Direktion. (Jänner 2015: Theater an der Wien)

Gruberova zu sagen, heißt von einer sehr eigenwilligen Sängerin zu berichten. An der Wiener Staatsoper für Nebenrollen „geparkt“, hat sie sich die Zerbinetta unter Böhm und damit die weltweite Beachtung erkämpft. Sie ist mit einem – verglichen mit anderen Sängern – nicht sehr großen Repertoire von Mozart, Strauss und ganz wenig Verdi – zielbewusst den selbst gewählten Weg zu den großen Belcanto-Partien gegangen, dabei kaum auf Rossini, aber in hohem Maße auf Bellini und in noch höherem auf Donizetti setzend. Sie hat, man kann es von ihr wie von wenigen Sängern sagen, ihre Karriere selbst bestimmt.

Dass ging nicht ohne Kräche ab – viele, das Buch verzeichnet alle. Ob sie sich beliebt gemacht oder nicht, war ihr egal. Mit einem verstand sie sich nie wirklich: Ioan Holender. Ganz anders, als er es in seinen Memoiren darstellt, kann man die Unglücksbeziehung in diesem Buch nachlesen: Wie Holender durch Tricks den Gruberova-Manager Raab ausbootete und sich an dessen Stelle katapultierte (warum wundert einen das nicht?), wie er seinen Star auch durch handfeste, ungeheuerliche Drohungen bei der Stange halten wollte, wie er seine eigenen Interessen über die seines „Schäfchens“ stellte, das sich von ihm gar nicht behütet fühlte. Man ging im Krach auseinander, mit dem Staatsoperdirektor Holender gab es keine sonderlich glücklichen Zeiten, auch mit Pereira hat sie sich nach triumphalen Züricher Jahren zerstritten (allerdings nicht aus künstlerischen, sondern aus privaten Motiven, die mit einem Opernhaus-Unfall ihrer Tochter zu tun hatten).

Gruberova, der potentielle Zankapfel? Hier jedenfalls erfährt man, dass alles, was sie tat, nicht aus Diven-Willkür geschah, sondern seine guten Gründe hatte. So wie die Tatsache, dass sie auch selbst ein Tonträger-Label gründete, um nicht vom Wunsch und Willen anderer abhängig zu sein (was sich als mühsam und schwierig herausstellte). Man liest jedenfalls die Geschichte einer Frau, die ihre Karriere mit Verstand selbst in die Hand nahm und für die Selbstbestimmung essentiell ist.

Zwischen jedes biographische Kapitel ist quasi eines mit „grundsätzlichen“ Betrachtungen eingeschoben, und das ist natürlich enorm wichtig. Die Gruberova – das Mittelding zwischen zirkusgleicher „Koloraturenmaschine“ (was die Zuhörer aufs Glatteis lockt, immer nur ihre Virtuosität zu befragen) und der ernsten Künstlerin, die um jedes Detail ihrer Rollen ringt und hier nie oberflächlich oder auf billigen Effekt ausgerichtet verfährt. Ein Jahr lang hat sie mit Ruthilde Boesch jedes winzige Detail der Zerbinetta erforscht, und Text ist für sie so wichtig wie die Musik. Das ergibt dann auch ihre darstellerischen Großleistungen, vor allem natürlich die Elisabeth in „Roberto Devereux“, die Lebensrolle der späteren Jahre.

Man erfährt über die Technik der Gruberova (mindestens dreimal im Leben hat sie diese grundsätzlich geändert – das muss man sich einmal vorstellen!), über ihre Begegnung mit Regisseuren (wer hätte von ihr gedacht, dass sie sich dermaßen mit Lust auf die alternativen Interpretationen eines Christoph Loy einlassen würde?), mit Dirigenten. Die Gruberova „konnte“ durchaus nicht mit allen – aber mit vielen.

Kurz, was an einer Sängerkarriere neben dem biographischem Ablauf wichtig ist, damit eine Gruberova eine Gruberova ist – das Buch lässt nichts aus, es geht zur Sache. Dass das Ganze so locker geschrieben ist wie ein guter Zeitungsartikel, mindert den Wert nicht im geringsten – es soll ja auch gelesen werden.

Die dritte Ebene sind die Bilder: Neben begleitenden Schwarzweißfotos im Text gibt es einen großzügigen, teils farbigen Bildteil, meist Rollenfotos, auch Privates, die optische Illusion zu dem, was man liest (als ob die Leser dieses Buch „ihre“ Gruberova nicht ohnedies ebenso im Auge wie im Ohr hätten!).

Nur Kleinigkeiten verwundern. Dass Pavarotti, mit dem sie den „Rigoletto“-Film machte, nur im Bild, nicht im Text vertreten ist, mutet seltsam an. Aber vielleicht muss man nicht alles erzählen. Es ist ja nicht nur das Buch über Gruberova, es ist auch autorisiert „ihres“: Es konnte nur so ausfallen, weil die Sängerin dem Autor so ausführlich für Gespräche zur Verfügung stand und ihm Dinge erzählte, die einfach niemand wissen kann (was sich nicht auf das Private, großteils ausgeklammert, aber in hohem Maße auf das Künstlerische bezieht). Sicherlich ist es ein Buch in ihrem Sinne. Aber absolut kein Euphemismus, sondern eine Biographie wie der Leser sie nur wünschen kann.

Renate Wagner

 

 

 

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