Der Neue Merker

MARIA JOSÉ SIRI – über „Madama Butterfly“ – und andere Rollen

MARIA JOSÉ SIRI ÜBER MADAMA BUTTERFLY – und andere Rollen

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Rollendebüt als Butterfly bei der Scala-Eröffnung 2016. Copyright: Brescia e Amisano/ Teatro alle Scala

Kaum eine andere Opernpremiere ist so wichtig wie die Spielzeiteröffnung der Mailänder Scala. María José Siri gab mit großem Erfolg am 7. Dezember 2016 ihr Rollendebüt als Cio-Cio-San in Madama Butterfly in genau dieser Eröffnungspremiere. Nun ist sie am 21. und 24. November 2017 in dieser Partie auch an der Wiener Staatsoper zu erleben. Mit „Online-Merker“ sprach sie über die Rolle der Cio-Cio-San, die Mailänder Premiere, Verismo, Verdi und mehr.

Frau Siri, nachdem Sie die Rolle letztes Jahr anlässlich der Spielzeiteröffnung der Mailänder Scala gesungen haben, sind Sie nun als Madama Butterfly an der Wiener Staatsoper zu hören. Was ging in Ihnen vor, als Sie am 7. Dezember Ihr Rollendebüt an der Scala gaben?

In Italien und vielleicht sogar international ist die Spielzeiteröffnung der Mailänder Scala die wichtigste Opernpremiere des Jahres. Wir hatten eine lange und ausgiebige Probenphase mit unserem Dirigenten Riccardo Chailly und dem Regisseur Alvis Hermanis, und ich habe mich sehr sicher gefühlt. Das hat natürlich geholfen, die Aufregung bei einer derart wichtigen Premiere unter Kontrolle zu halten. Ich weiß nicht, ob ich je einen ähnlich bewegenden Moment erleben werde: Die Spielzeiteröffnung der Scala in Kombination mit dieser mitreißenden, überwältigenden Rolle und Oper, deren Uraufführung Puccini 112 Jahre vorher auf derselben Bühne sah… Es war sicher die bisher bedeutsamste Vorstellung meiner Karriere und dass dann alles so wunderbar lief und die Premiere ein derartiger Erfolg wurde, war ein tolles Gefühl.

In Mailand wurde die Urfassung des Stücks von 1904 gespielt. Damals war die Uraufführung ein Fiasko und heute wird diese Fassung kaum noch aufgeführt. Was können Sie uns über die Unterschiede zwischen Original- und der Standardassung sagen?

Die Originalfassung ist länger und die Sängerin der Cio-Cio-San hat noch mehr zu singen, als in der Standardversion. Vor allem im 2. Akt, in dem Cio-Cio-San ja auch in der Standardversion schon viel zu singen hat, kommt in der Originalversion viel Musik hinzu. Man muss also eine gute Kondition haben und ganz genau wissen, wie man sich die Kraft einteilt. Im Sommer habe ich in Macerata mein Debüt in der Standardfassung gegeben und es war wirklich schwer, die Originalfassung aus dem Kopf zu bekommen! Wir hatten eine lange Probenphase in Mailand und ca. 10 Vorstellungen.
Die Tosca, Mimì oder Suor Angelica haben Sie schon jahrelang im Repertoire. Warum haben Sie mit der Butterfly verglichen mit anderen großen Puccinirollen relativ lange gewartet?

Die Butterfly ist in der Tat eine Rolle, mit der ich mir viel Zeit gelassen habe. Ich habe jahrelang auf den richtigen Moment gewartet, die Rolle zu singen. Als Zuschauerin hat die Oper schon immer große Emotionen in mir ausgelöst und mich tief berührt. Ich war sehr vorsichtig und habe deshalb vor der Scala alle Angebote abgelehnt. Als mich Maestro Chailly dann für die Produktion an der Scala auswählte, fühlte ich mich sehr geehrt. Ich dachte mir, dass dies der richtige Moment sei, in der Rolle zu debütieren und bin sehr froh, die Partie nun im Repertoire zu haben.

 

Am 21. und 24. November werden Sie Ihre Cio-Cio-San auch dem Wiener Publikum vorstellen…

Ja, und ich freue mich sehr, die Rolle nun auch an der Wiener Staatsoper zu singen. Die Inszenierung ist traditionell, die Kostüme wunderschön. Dank der zwei Butterfly-Produktionen, in denen ich schon gesungen habe, konnte ich mir eine eigene Körpersprache für meine Cio-Cio-San aneignen. Je mehr Vorstellungen ich singe, desto tiefer wird meine Verbindung mit dieser Rolle und desto tiefgehender wird meine Interpretation. Nach Wien singe ich die Rolle auch an der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin und der Hamburgischen Staatsoper.

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Marie José Siri. Copyright: Victor Santiago

Im April und Mai 2018 folgt ein Rollendebüt in einer Neuproduktion an der Mailänder Scala: In der Titelpartie von Francesca da Rimini. Was verlangen Verismo-Rollen wie die Francesca von einer Sängerin?

Verismo-Partien erlauben es dem Sänger, sich musikalisch in ganz spezieller Art und Weise auszudrücken. Schwerpunkt ist Text und Ausdruck, die fast noch wichtiger sind als die musikalische Linie. Das Spiel und die Interpretation sind im Verismo ganz besonders wichtig. Man muss natürlich trotzdem auf die musikalische Linie achten und auf die Art und Weise, wie man eine Phrase aufbaut und Dynamik einsetzt.

 

Neben Puccini und Verismo-Partien haben Sie auch viel Verdi im Repertoire: Aida, Amelia, Leonora (die Sie im September an der Wiener Staatsoper gesungen haben), Desdemona, Odabella… Was sind für Sie die Eigenschaften eines guten „Verdisängers“?

Bei Verdi ist das Wort immer wichtig , aber die Gesangslinie, das Legato, wie man Töne ansetzt und die Tonproduktion an sich, Spitzentöne und Kadenzen müssen mit besonders großer stilistischer Sorgfalt behandelt werden. Nur dann kann man von wahrem „Verdigesang“ sprechen. Ich denke nicht, dass die Stimme an sich entscheidend ist wenn es darum geht, Verdipartien gerecht zu werden, sondern vielmehr die Art und Weise, wie der Sänger sie einsetzt.

Anton Cupak (November 2017)

 

 

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