Der Neue Merker

MARIA THERESIA. Briefe an ihre engste Freundin

BuchCover Maria Theresia~1

Monika Czernin / Jean-Pierre Lavandier
LIEBET MICH IMMER
MARIA THERESIA
Briefe an ihre engste Freundin
200 Seiten, Verlag Ueberreuter, 2017

Es ist erstaunlich, dass es zu Persönlichkeiten, die man für gänzlich „erforscht“ hielt, immer doch noch Neues zu finden gibt. Briefe von Maria Theresia an ihre Hofdame Gräfin Sophie Enzenberg waren teilweise bekannt, einige wurden im französischen Original veröffentlicht. Aber erst der Fund eines Konvoluts von Maria Theresia-Briefen an die Gräfin auf Schloß Tratzberg ermöglichte genaue Einsicht, Kenntnis, Übersetzung und Publikation. Die Übersetzung stammt von dem Germanisten und Historiker Jean-Pierre Lavandier, das dazugehörige Buch hat die Kulturjournalistin Monika Czernin geschrieben.

Von den Briefen sind nur jene der Kaiserin erhalten, mit einer Ausnahme – ein Brief der Gräfin existiert, weil Maria Theresia die Antwort gleich auf die Rückseite schrieb. Ansonsten wurden private Briefe, die Herrscher im Lauf ihres Lebens empfangen hatten, gleich nach deren Tod vernichtet (Kaiser Joseph II. verfügte es auch bei seiner Mutter), deren Briefe hingegen wurden von den Empfängern wohl aufbewahrt wie in diesem Fall, wo sie sich Generationen später im Familienbesitz in Tirol fanden, wo die Enzenberg lebten.

Nun sind die erhalten Briefe zwar inhaltlich nicht wirklich bedeutend, es sei denn, man wollte sich wieder einmal wundern, um wie viele Details des täglichen Lebens sich Maria Theresia tatsächlich kümmerte. Interessant daran ist, wie sie dieser Freundin – selbstverständlich immer „per Sie“ bis zum letzten, wahre Intimität konnte eine Kaiserin mit niemandem pflegen – Auskünfte über ihren oft mehr als gedrückten Gemütszustand gab, etwas, das sie vor ihrer Umwelt gerne verbarg. Aber tatsächlich kann man schließen, dass Maria Theresia nicht erst seit dem Tod ihres Mannes schwere depressive Schübe erlitt, die sich mit Perioden manischer Arbeitswut abwechselten. Die ehrliche Schilderung ihrer Befindlichkeit in den Briefen macht klar, wie nahe sich die Kaiserin Sophie Enzenberg, die zehn Jahre älter war als sie, fühlte.

Die Bekanntschaft ging auf das Jahr 1745 zurück. Damals war Sophie  Amalia Freiin von Schack zu Schackenburg „arbeitslos“, da ihre Dienstgeberin Elisabeth-Therese von Lothringen, eine Schwester von Maria Theresias Gatten Franz Stephan, verstorben war, nicht ohne den Auftrag, Sophie zu versorgen. Folglich brachte Anna-Charlotte von Lothringen, die Tochter der Verstorbenen, Sophie nach Wien mit, wohl um sie Maria Theresia „anzubieten“.  Die beiden Frauen waren einander sofort sympathisch, und obwohl die Kaiserin bereits über eine Entourage von 15 Hofdamen verfügte (die Autorin nennt diesen Hof im Hof den „allerhöchsten Taubenschlag“), nahm sie auch Sophie in diesen Kreis auf.

Diese blieb allerdings nicht lange dort, denn die Hofdamen der Kaiserin waren begehrte Heiratsware. Obwohl Sophie mit 39 über das damalige Heiratsalter hinaus war, konnte sie dennoch eine Jugendliebe, Kassian von Enzenberg, einen der hohen Beamten im Land Tirol, heiraten. Die Kaiserin richtete der geschätzten Hofdame 1746 (Sophie war also kaum ein Jahr bei ihr im Dienst gewesen) die Hochzeit sogar in Schönbrunn aus. Dann zog die Neuvermählte mit ihrem Gatten nach Tirol, erst nach Meran, dann nach Innsbruck. Der einzige Sohn des Paares, „Franzl“, war ein Patenkind der Kaiserin, um den sie sich sehr kümmerte.

Offenbar hatten Maria Theresia und Sophie eine so enge Beziehung aufgebaut, dass nun durch die Trennung ein Briefwechsel entstand, vieles von Maria Theresia eigenhändig (!) geschrieben. Nichts Bedeutendes, wie gesagt, obwohl eine Menge Personelles da auf persönlicher Ebene verhandelt wurde (Empfehlungen, Anfragen), aber vor allem ein Kontakt, der auf Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Zuneigung basierte.

Das Buch bringt nun nicht Brief für  Brief, sondern bettet sie in eine quasi „private“ Geschichte Maria Theresias ein, und da die neuen Biographien sich in hohem Maße mit den politischen Aspekten ihres Lebens und ihrer Herrschaft befassen, ist dieser private Blick aus der Nähe sehr eindrucksvoll.

Es gibt auch neue Erklärungen für manche Dinge. So hat man sich immer gefragt, wie es kam, dass der Hof die Hochzeit von Erzherzog Leopold mit der spanischen Infantin Maria Ludovica im August 1765 ausgerechnet in Innsbruck feierte, was der Entfernung wegen ein enormes logistisches Problem darstellte. Die Antwort lautete bisher, damit die Braut keinen so weiten Weg von Spanien her hatte, weil das Paar dann von Tirol aus gleich in die Toskana weiterreisen konnte. Tatsächlich aber tat es Maria Theresia vielleicht auch der Freundin zuliebe, die in Innsbruck als ihre Agentin und verlängerte Hand fungieren konnte und für deren Gatten eine kaiserliche Hochzeit natürlich enormes Prestige bedeutete. Tatsächlich hatte Sophie schwer damit zu tun, alle Wünsche der Kaiserin zu erfüllen, die sogar genaue Vorstellungen hatte, wer in der Hofburg neben wem zu wohnen hatte – und wer den oder jenen sicherlich nicht in der Nachbarschaft haben durfte… wobei auch die Interpreten der Briefe nicht genau wissen, was hinter manchen Anweisungen steckt.

Innsbruck 1765 bedeutete ja dann die Katastrophe im Leben Maria Theresias, weil ihr Gatte, Franz Stephan von Lothringen, als Franz I. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, wenige Tage nach Leopolds Hochzeit mitten in einem anstrengenden Reigen von Festivitäten (für die Maria Theresia auch Anweisungen gegeben hatte) starb.

Von da an mehren sich die Klagen einer lebensmüden Kaiserin in den Briefen, aber wie die chronologische Darstellung zeigt, hatte sie auch nach dem Tod des Gatten noch sehr viel zu tun – die Hochzeiten der Töchter in Richtung der Bourbonischen Machtzentren standen noch bevor, und Maria Theresia war die treibende Kraft. Die Autorin schildert den Zwiespalt einer Mutter, die vor sich verantworten musste, der Lieblingstochter die Liebesehe zu gestatten (Marie Christine und Albert von Sachsen-Teschen), drei andere Töchter aber in Schicksale zu zwingen, von denen sie wusste, wie bedauernswert sie waren („Ich muss die arme Josepha als ein Opfer der Politik betrachten“ – nur dass diese Tochter starb und Maria Carolina es dann erleben musste, in der Hochzeitsnacht regelrecht vergewaltigt zu werden). Maria Theresia arrangierte diese Heiraten als Bündnisse dennoch – das Dynastische siegte fast immer über das Persönliche. (Sie wusste auch, was sie Joseph mit der Heirat mit seiner bayerischen Cousine antat: „Mein Sohn ist im Endeffekt zu beklagen…“)

Als Witwe verschenkte Maria Theresia all ihren Schmuck, trug nur noch schwarz, litt zunehmend an Beschwerden, die vor  allem mit ihrer Leibesfülle zusammen hingen (hätte sie nicht eine so eiserne Konstitution besessen, wäre sie vermutlich gar nicht so alt geworden), und sie bekämpfte ihre Depressionen mit aller ihr zur Verfügung stehenden Disziplin. Vielleicht schrieb sie wirklich nur Sophie, wie sie sich fühlte: „Für mich gibt es nur noch die Gruft.“ Neben den hektischen Heiratsverhandlungen waren es dann auch die Verstimmungen zwischen ihr und ihrem Sohn Joseph II., die an ihren Kräften zehrte und ihr das Gefühl gab, nicht mehr in „ihrer Welt“ zu leben. Aber sie hat ihr erstaunliches Arbeitspensum bis kurz vor ihrem Ende aufrecht erhalten.

1772 wurde auch Sophie Witwe. Maria Theresia sorgte persönlich für ihre finanzielle Sicherheit und kümmert sich nachdrücklich um „Franzl“, dessen Ehe und Karriere. Der letzte erhaltene Brief Maria Theresias stammt aus diesem Jahr, aber angesichts großer Lücken in der Korrespondenz muss man annehmen, dass man sich weiter schrieb und Sophie auch Briefe der Kaiserin verbrannt hatte.

Nach Maria Theresias Tod 1780 gibt es noch drei höfliche Briefe von Joseph II. – im letzten konnte er Sophie allerdings ihre Wohnung in der Innsbrucker Hofburg nicht mehr zugestehen. Wo die Gräfin bis zu ihrem eigenen Tod 1788 gelebt hat, ist nicht bekannt.

Renate Wagner

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