Der Neue Merker

MARC-ANTOINE CHARPENTIER: Neuerscheinungen

CD Charlentier 1  CD Charlentier 2

MARC-ANTOINE CHARPENTIER: Neuerscheinungen mit dem Ensemble Correspondances unter Sebastien Daucé, harmonia mundi CDs

  1. La Descente d‘Orphée aux Enfers 

„Das Glück der Hölle wird den Himmel vor Neid erblassen lassen“

Bisher kannte ich von diesem vokalen „bijou“ nur die sehr gute Einspielung mit William Christie und seinen Les Arts Florissants. Das neue Album mit dem herausragenden französischen Ensemble Correspondances unter Sebastien Daucé toppt sie aber noch. Für Marie de Lorraine, Herzogin von Guise, schrieb Charpentier zu deren der Erheiterung dienenden Soiréen Opern im Miniaturformat. Sie waren auf das kleine Vokal- und Instrumentalensemble zugeschnitten, das sie in ihrer Residenz in Paris im Marais (Rue des Archives) beschäftigte. Im ausgehenden 17. Jahrhundert entwickelte sich damit eine Gattung eigener Art. 

La Descente d‘Orphée aux Enfers ist die letzte Kammeroper, die Charpentier 1686/1687 für die Prinzessin geschrieben hat. Klanglich üppig-komplex und dramaturgisch geschickt angelegt, konkurrieren und vereinen sich zehn Sängerinnen und Sänger zu fantastischen drei- vier- fünf uns sechsstimmigen Ensembles, unterlegt von einer raffinierten dreistimmigen Instrumentalbegleitung, meist zwei Diskantinstrumente (Gambe oder Violine und/oder Flöten) und Basso continuo. Natürlich sind auch die Arien und Ariosi von allerhöchster Qualität und stehen den Spitzenschöpfungen eines Lully in nichts nach.

Anders als in Italien war der Mythos des singenden Schäfers und seiner Euridice in Frankreich kaum populär. Charpentier war also mit seinem Orphée in zwei Akten hier ein echter Pionier. Einem zumindest bis zum berühmten Schlangebiss bukolisch heiteren ersten Akt folgt die aufreibende Suche des Orpheus in höllischen Gefilden, wo er zuerst die verdammten Seelen, dann Pluto und Proserpina bezirzt. Auch Ixion, Tantalos und Tityos sind dem Orphée für seine Gesänge immens dankbar, lindern sie doch ihre unerträglichen Qualen. Alle Geister und Furien erliegen schließlich dem Liebreiz des Barden. Allerdings endet die Oper in dem Moment, wo Orpheus sich daran macht, die Unterwelt wieder zu verlassen. Fragment oder gewolltes Ende? Musikalisch könnte eine „Sarabande legère“ als gewollter (optimistischer) Schluss aufgefasst werden.

Wie dem auch sei, alle Solistinnen und Solisten (Robert Getchell, Caroline Weynants, Violaine Le Chenadec, Caroline Dangin-Bardot, Caroline Arnaud, Lucile Richardot, Stephen Collardelle, Davy Cornillot, Étienne Bazola, Nicolas Brooymans) lassen dieses Juwel des 17. Jahrhunderts in voller Pracht erstehen. Alle Stimmen sind schlank und vibratoarm geführt, mit klangschönen Timbres gesegnet und singen von den Soli bis zu den Ensembles stilistisch und idiomatisch vollendet. Sebastien Daucé findet für diese Musik genau die richtige Mitte zwischen Kammermusik und dramatischer Kantate. Das Instrumentalensemble spielt mit Biss und Delikatesse, er ist auch für Orgelspiel und Gesamtkoordination verantwortlich.

2. Pastorale de Noel, Grandes Antiennes de l‘Avent, Pastorales

Marc-Antoine Charpentier widmete von 1684 bis 1686  alljährlich seiner „Chefin“ Marie de Lorraine eine Weihnachtspastorale. Mit dem Tod des kleinen Louis-Joseph, des letzten Erben der Linie, rückte das Jesuskind ins Zentrum frommer Andacht des Hauses Guise. Die vor diesem Hintergrund entstandenen Pastoralen und Antiphonen sind eine Synthese weltlicher und geistlicher, volkstümlicher und gelehrter Musik. Das Geheimnis der Geburt Christi wird darin mit einer ganz eigenen Melange aus schlichter Natürlichkeit und feierlichem Ernst behandelt. Auf der CD finden sich die aufeinanderfolgenden Versionen der Pastorale, wodurch zum ersten Mal  die gesamte Komposition von Charpentier erklingt. Für die exzellente musikalische Umsetzung ohne Fehl und Tadel sorgen auch hier das Ensemble Correspondances unter dem fabelhaften Sebastien Daucé. Anhören!

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken