Der Neue Merker

MANNHEIM / Rosengarten: „NOBU TSUJII-ORCH. PHILH. DE STRASBOURG-MARKO LETONJA“

Mannheim: „NOBU TSUJII-ORCH. PHILH. DE STRASBOURG-MARKO LETONJA“ – 16.02.2017

Zum Konzert im Rosengarten hatte Pro Arte das Orchestre Philharmonique de Strasbourg geladen und die französischen Gäste eröffneten die Konzertreise quer durch Europa mit der Ouvertüre zu „Le Corsaire“ (Hector Berlioz). Weniger stilsicher leitete Marko Letonja das ohne Esprit und Charme musizierende Orchester durch die kurzen Themen der mehrfachen Tempi zu reizvollen Varianten.

Mit Grüßen aus dem kühlen Norden empfahl sich der junge Pianist Nobu Tsujii mit dem „Klavierkonzert“ von Edvard Grieg. Bereits während der ersten Takte des Allegro moderato faszinierte der Japaner Nobu, eigentlich Nobuyuki Tsujii mit einer enormen Bandbreite an Farben. Von samtigen Mezza-Voce-Klängen bis hin zu kristallin klirrenden Figurationen im Diskant reicht sein Spektrum mit einer Vielzahl an Zwischentönen. So produzierte der Tastenkünstler  klanglich nuancierte Konsonanzen von erlesener Schönheit. Während der Wiederholung des Hauptthemas zur Flöten und Klarinetten-Triole hauchte seine prädominant variierte Kadenz in einem phänomenal kontrollierten Pianissimo-Triller aus.

Bedenkt man, dass der Künstler von Geburt an blind erhält seine Leistung  ganz besondere hohe bedeutungsvolle Anerkennung. Der tief in sich gekehrt-musizierende Pianist mit den lächelnd verklärten  Zügen lernt seine Partituren in der Braille-Schrift: eine Hand liest die Noten, die andere spielt. Den Tönen spürt er anhand speziell angefertigter Aufnahmen nach, auf den die linke und rechte Hand separat vorgespielt werden – so lange, bis er jede einzelne Phrase in seinem Innern gespeichert hat und mit seinen Fingern wiedergeben kann. Tag für Tag übt der Künstler über viele Stunden (Anm. aus der Internet-Biografie).

Wunderbar rund im Ton und perfektem Legato erklang das prachtvoll ausmusizierte Adagio, inspirativ eines nordischen Feengesangs gleich. Dem finalen Allegro marcato schenkte Nobu Tsujii tänzerischen Tastenschwung und eine sphärisch anmutende Leichtigkeit  den federnd-rhythmischen Figurinen.  Jede Phrase erschien im klangschön und sorgfältig ausmodellierten Effekt unerhörter Perfektion, in sorgsam emotionellem Gespür für Entspannung und dramaturgisch klug zueinander interpretierten, melodischen Abfolgen.

In  dunkel gefärbten orchestralen Couleurs unterstrich Letonja mit dem Orchestre Philharmonique die wenig zündende Begleitung ohne besonderen Klangreiz. Man hätte dem Weltklasse-Pianisten gut und gerne eine elitärere Begleitung gewünscht. Das Publikum war hingerissen und bedankte den Solisten  mit Bravos und prasselndem Applaus acht Minuten lang. Der erfreute Künstler ließ nicht lange bitten und revanchierte sich mit dem traumhaft intonierten „Claire de lune“ (Debussy) und nach dem erneuten Bravosturm folgte die brillant-exquisit musizierte „Revolutions Etude“ (Chopin).

Nach der Pause endete die musikalische Reise südöstlich und zwar zu Klängen des tschechischen Komponisten Antonin Dvorak und zwar seiner „Neunten Symphonie“.

Mit dieser Symphonie schuf der Komponist während seines dreijährigen Amerika-Aufenthalts als Direktor des National Conservatory of Music, seine wohl populärste Symphonie. Er selbst äußerte sich zur Frage kein amerikanisches Werk geschaffen zu haben: .. aber den Unsinn, dass ich indianische oder amerikanische Motive verwendet hätte, lassen Sie aus, weil das eine Lüge ist. Wie denn auch sei Dvorak schuf einen Opus von herrlichen Verschmelzung der Elemente und Motiven aus der Neuen und Alten Welt.

Weich ließ Marko Letonja mit seinem elsässischen Orchester das einleitende Adagio erklingen, breitete das vielfältige motivische Thema aus welches den Celli leise aufbricht und zur Flöte wandert. Wunderbar bricht es fortissimo im Streicherchor auf, wird von Pauke und Bläsern in Abschnitten übernommen. Der Dirigent verstand es ausgezeichnet den weiteren Aufbau dieser Themen in ihrer artifiziellen Verkettung der Strukturen, bestens auszurichten und zu präsentieren.

In breiten Blechbläserakkorden erhebt sich das Largo als feierliche Einleitung, sodann stimmt das Englischhorn seine melancholische Weise an, welche die Holzbläser in echohaftem Nachklang ausdrucksvoll wiedergeben. Wunderbar stimmen im zweiten Teil Klarinetten, Oboe und Flöte von Violinen verstärkt die herrliche (altbekannte) Melodie an, welche sich in orchestraler Steigerung leidenschaftlich, doch leider in einem  Klangbrei gipfelte.

Wunderbar blutvoll, lebendig intonierte dagegen wiederum das Orchéstre de Strasbourg die herrlichen Verschmelzungen der tschechischen Elemente mit denen der „Neuen Welt“ im kurzen Scherzo. Marko Letonja ließ graziös die Walzermelodie erklingen und lenkte die folgenden stimmungsreichen Motive in leider weniger klangvolle Bereiche.

Nach kurzer Einleitung der erregten Streicher und Bläser welche sich im breiten e-Moll-Akkord gipfelt, schmettern Trompeten und Holzbläser wiederum das Ohrwurm-Thema und geben es dem gesamten Orchester weiter. Die Art des Musizierens, auch die Überproportionen des Dirigenten der Fortissimo-Phasen im finalen Allegro con fuoco dessen Triolen im wirbelnden Seitenthema bei präzisem Musizieren  mitreißen, offenbarte jedoch die Defizite des mittelmäßigen Klangkörpers umso mehr. Böhmisch, rhythmisch in unwiderstehlicher Dynamik erklangen nochmals die thematischen Gedanken der fremden Eindrücke, um sich jedoch in sieghaftem Jubelton der slawischen Heimat zu vereinen, wiederum klangmalerisch zu undifferenziert und zu plakativ. In der Rangliste und im Vergleich der französischen Orchesterkultur dürften die Strasbourger im unteren Bereich zu finden sein. Schade!

Das Publikum zeigte sich mehr höflich denn begeistert und bedankte die Elsässer mit gedämpfter kurpfälzischer Herzlichkeit.

Gerhard Hoffmann

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