Der Neue Merker

MANNHEIM/ Rosengarten: „NIKOLAJ ZNAIDER – BBC SCOTTISH S.O. – THOMAS DAUSGAARD“

Mannheim: „NIKOLAJ ZNAIDER – BBC SCOTTISH S.O. – THOMAS DAUSGAARD“ – 31.10.2017

Fulminanter Konzertabend im Rosengarten

Illustre Gäste hatte zum saisonalen Auftakt Pro Arte in den Mozartsaal des Rosengarten geladen und somit eröffneten Nikolaj Znaider sowie das BBC Scottish Symphony Orchestra unter der Leitung von Thomas Dausgaard glanzvoll den internationalen Orchester-Reigen.

Als Ouvertüre erklangen „Four Sea Interludes“ als Hommage an den Landsmann Benjamin Britten. Vortrefflich interpretierte das englische Orchester diese orchestrale Programmmusik, ließ die sturmgepeitschten Meereswogen detailliert effektvoll, großräumig disponiert, in transparent realisierten Details überschäumen. Im weiten Klangpanorama der leuchtkräftigen Diskants dieser naturgewaltigen Komposition, entfaltete sich die bestechende Spielkultur des BBC Scottish Symphony Orchestra auf wunderbare Weise, ließ ein hochkarätiges Instrumental-Metapher im orchestralen Ausmalen von Stille, Sturm, Flut aber auch ein Spiegelbild zerrissener menschlicher Seelen, dank der umsichtigen Stabführung von Thomas Dausgaard erstehen. Beinhalten jene Seapictures schließlich die Intermezzi zu Brittens grandioser Oper „Peter Grimes“.

Feruccio Busoni stellte sich seinen Kollegen Johannes Brahms im Himmel vor und zwar in der deutschen Abteilung, behaglich eingerichtet mit weichen Kissen, einigen Hörnern an den Wänden, gebrochene Dreiklänge und eine reizende Sammlung von Synkopen, Busonis ironische Apercu kam natürlich mit Bewunderung daher, er schrieb sogar eine eigenwillige Kadenz für das „Violinkonzert D-Dur“ des verehrten Hamburger Meisters. Gewidmet hatte Brahms jenen meist hauptgespielten Violinpart, nach dessen fruchtbarer Zusammenarbeit Josef Joachim. Nach der UA 1879 im Gewandhaus Leipzig schrieb die Kritik: „Ein Konzert gegen die Geige“ – dieser Fauxpas-Rezension kann man heute nur widersprechen, erfuhr dem Werk heute eine exzellent-exemplarische Wiedergabe.

In höchst anspruchsvoller Interpretation stellte sich nun Nikolaj Znaider den Anforderungen dieses Werkes. Die Version des russischen Geigers hatte ein überlegenes, musikalisch imponierendes Format, feinsinnig und tonschön interpretierte Znaider die vertrackten Passagen und setzte unverkennbar individuelle Akzente. Auf sehr hohem Niveau, umwerfender Technik, in beseelter Musikalität überzeugte der Solist auf jeder Linie, demonstrierte unweigerlich seinen hohen Stellenwert in der Riege der gegenwärtigen Violin-Virtuosen.

Schwer schreitende Tempi, brodelnder Orchesterklang zeigen wie transparent und sinfonisch diese Partitur konstruiert wurde, die Solovioline schier verdeckt und ihr das Leben schwer zu machen scheint. Vortrefflich und bewusst gestaltete Thomas Dausgaard die begleitenden untermalenden Funktionen, fügte behutsam den Solisten in die weiten Bögen der orchestralen Horizonte. Pastell-herbstliche Farben in warmen Holztönen entströmten der „Kreisler“ Guarnerius „del Gesu“ von 1741 im Dialog der wunderbaren Detailabstimmungen sowie der differenzierten energiegeladenen Kadenz. Znaider gelang es, jungendliches Ungestüm mit der Fülle des Wohllauts, die Verwandlungen der Extreme und Tempi auf ganz besonders virtuose Weise zu vereinen. Bravo!

Das Publikum war hingerissen, applaudierte sehr herzlich und erhielt zum Dank vom charmanten Sympathieträger angekündigt, eine hinreißend und schlicht-bewegend gespielte Bach-Zugabe.

Er war ein ausgesprochen reiselustiger Mensch, der Felix Mendelssohn-Bartholdy und da Schottland um 1800 die meisten der Romantik geneigten Europäer magisch anzog, unternahm auch der junge Felix eine Reise ins Land der Maria Stuart und Mythen. Der Komponist war u.a. angetan einer Efeu umrankten alten Kapelle. Völlig versunken in morbider Stimmung begann der Zwanzigjährige mit den Notizen und vollendete die „Dritte Symphonie“ erst 12 Jahre später, derweil ihm nach der Rückkehr auf das Festland zur „Schottischen“ der inspirierende Nebel fehlte!

Oft gehört während der letzten „Jährchen“ erachte ich die heute erlebte Wiedergabe mit dem phantastisch musizierenden Orchester der britischen Insel, schlichtweg als Sensation! In derart phänomenaler Interpretation durfte ich die wohl populärste Mendelssohn-Symphonie live noch nie vernehmen. Thomas Dausgaard hatte sich mit seinen Musikern wohl sehr intensiv, quasi in „Seelenverwandtschaft“ der Schotten mit dieser Komposition auseinander gesetzt und wandelte die Erfahrungen und Denkweisen in kongeniale Klänge um.

In atemberaubender Konzeption verband der versierte Chefdirigent mit „seinem“ BBC Scottish S.O. im pausenlosen Ineinandergreifen der vier Sätze, die einheitlichen Natur- und Seelenstimmungen. Dem Grundthema der AndanteEinleitung folgte die wunderbare liedhafte Thematik des Allegro un pocco agitato in kunstvoll verarbeiteter Rhythmisierung. Dausgaard gelang die Verbindung satztechnischer Details in grandios artikulierter Instrumentalisierung, jedes noch so kurze Crescendo wurde in die stimmige Gesamtdramaturgie der dimensionierten Spannungen integriert. Somit entstanden akustisch-dramatische Kontraste, funkelnde Details innerhalb der lebendigen Strukturen im Gesamtbild der Artikulationsweise.

Traumhaft intonierende Flöten im Teamplay der Streicher, dazu die akkordischen Folgedanken im punktierten Rhythmus vorgetragen, ergaben den unvergleichlich perfekten Hörgenuss im Adagio. In licht transparenter, temporeicher Interpretation folgte der finale Orchestersatz des Allegro mit seinem herrlich-heroischen Posaunenthema. Die denkwürdige fabelhafte Wiedergabe wurde aufgezeichnet und dürfte vermutlich in Kürze im Rundfunk nochmals zu erleben sein.

Von wegen Schotten-Geiz? Die sichtlich erfreut Gefeierten bedankten sich very british mit der stimmungsvoll sphärisch vorgetragenen Nimrod-Episode aus den „Enigma-Variationen“ (Edward Elgar) und entsandte das vor Begeisterung überschäumende Publikum mit Suspicious Minds „Texas Square“ schwungvoll in die kühle Herbstluft.

Gerhard Hoffmann

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