Der Neue Merker

MANNHEIM/ Nationaltheater: LA CENERENTOLA (Aschenputtel) von G. Rossini. A- und B-Premiere

Mannheim: Aschenputtel/Rossini, Premiere A 1.11.2017, Prem. B 4.11.2017
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 Joachim Goltz, Ludovica Bello, Sophie Rennert, Cornelia Zink, (c) Jörg Michel
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Als 2.Saisonpremiere bringt das Nationaltheater ‚Aschenputtel‘ (La cenerentola), dramma giocoso, von G.Rossini in einer „Neuerarbeitung“ einer Produktion von Konzert Theater Bern von 2014. Das Nationaltheater spielt bei dieser Inszenierung wieder wie früher eine A- und eine B-Premiere, was deutlich macht, dass der Pool an guten SängerInnen vorhanden ist. Einschränkend kann aber gesagt werden, dass die A-Besetzung deutlich besser war, sowohl gesanglich als auch szenisch.
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Aus dem hohen Graben spielte das NTM Orchester in einer reduzierten Besetzung, die auch etwas blockhaft seine verschiedenen Sektionen betonte. Es wurde, was ja bei Rossini in seiner frühromantisch klassizistischen Weise Sinn macht, ganz historisch informiert gespielt, woran besonders der Dirigent Attilio Cremonesi einen großen Anteil hat. Gleich die Ouvertüre nimmt er sich akribisch vor, und erweckt sie in in einer exakt durchgehörten Fassung zu märchenhaftem Leben, so dass schon der Beginn der Oper zu einem Highlight gerät. Dabei wird besonders auf die die spritzigen, rhythmisch vertrackten Einsprengsel der Holzbläser geachtet. Rauschhafte Zuspitzungen im Tutti werden mit den im Vibrato zurückgenommenen Streichern immer spirituos unter Kontrolle gehalten, so dass die Musik niemals spannungslos ‚verpufft‘. Das die Rezitative begleitende Klavichord generiert ein zauberhaft dunklen Klang.
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Gleich das Aufblättern eines bühnengroßen alten Märchenbuchs zieht in Bann, aufgeblättert wird es in höchst köstlicher Weise von den Protagonisten, wie auch im gesamten die witzige, fast comedyhafte Komponente im Vordergrund steht. Die Regisseurin Cordula Däuper versteht etwas davon, was auch für ein junges Publikum witzig ist, und das wird jetzt auch für Mannheim von Claudia Plaßwich in bemerkenswerter Form aufgefrischt. Sie scheuen sich dabei nicht, auch Anklänge an Disneyland in das Märchengeschehen einzustreuen. Zu Beginn der Handlung hockt Angelina inmitten heruntergefallener Holzlatten und eines Kronlüsters, die das heruntergekommene Schloß Don Magnificos darstellen sollen, und singt ihr Lied vom König (Bühne Ralph Zeger). Der Vater wird durch einen Esel, symbolisiert, der vom Bühnenboden herabgelassen wird, und der es hinten raus auch Gold regnen lassen kann. Köstlich die Aufmachung der ‚Stieffamilie‘ im Kostüm: Angelinas ‚Fetzen‘ bestehen in einem dunklen Reifrock mit Rüschen und Arbeitsschürze und natürlich Knieschonern. Die Stiefschwester Tisbe tritt in einem vorne offenen rosa Reifrock, die Clorinda in einem mit riesen Seitenpolstern versehenen blauen Hauskleid und großer Hasenschleife auf dem Kopf auf (Kostüme Sophie Vinage). Angelina erscheint dann im Festsaal des Prinzenschlosses in einer von Dandini herbeigezauberten rosaTraumrobe mit Rüschen. Einen Obergag stellen das blaue Pferd und die Kutsche dar, mit der der Prinz mit dem Schuh von Angelina in die Lüfte abhebt. Am Ende zieht die Stieffamilie in schwarzer Trauerkleidung aufgemotzt incl. Sonnenbrillen die Unterwürfigkeit dem königlichen Paar gegenüber vor dem kleinen Disney-Märchenschloss vor, indem sie es von außen mit Angelinas schwarzen Lappen in die Putzmange nehmen.
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Der Herrenchor von Dani Juris begleitet die Szenen ebenfalls gesanglich gut und höchstwitzig, indem sie z.B.am Ende mit Taubenflügeln hereingeflogen kommen.
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In der A-Premiere singt Joshua Withener den Don Ramiro mit ganz edlem Tenortimbre und kann auch bei der Wiederverwandlung in die Prinzenrolle in der koloraturgespickten Arie seine Liebe dem Aschenputtel betörend bestätigen. Christopher Diffey kann da in der B-Premiere nicht so ganz mithalten, obwohl auch er sich im 2.Akt verbessert. Der Kammerdiener Dandini ist in beiden Vorstellungen ein athletischer Protz. Sowohl Nikola Diskic (A-Prem.) als auch Ilya Lapich (B) werfen markante klangvolle Bässe ins Treffen. Don Magnifico wird als böser Vater bestens geführt, in der A-Prem. macht das Joachim Goltz mit seinem stählern aufbrausenden Bariton besonders bösartig, Bartosz Urbanovicz ist zwar stimmlich glatter und sonorer, bringt aber auch die Witzigkeit des Stiefvaters gut herüber. Die mit edlem Soprantimbre ausgestattete Cornelia Zink kann der Clorinda besondere Verve verleihen, während Ji Yoon in der B-Premiere gesanglich doch etwas untergeht. Die großgewachsene Ludovica Bello gestaltet die Tisbe fast ironisch bösartig und singt einen dunkel getönten, aber in den Koloraturen leicht geführten Mezzo. In der B-Premiere kann ihr aber, besonders in der ‚Spielastik‘ Iris Marie Sojer (Opernstudio) das Wasser reichen und pflegt auch einen hübschen Mezzo-Stil. Valentin Anikin gibt bei beiden Premieren einen sich nicht nach vorne drängenden Philosophen mit Mützchen und einem ganz eigen timbriertem sonorem Baß.

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Das Highlight ist aber in der A Premiere die Österreicherin Sophie Rennert als Angelina, die auch die Premieren in Bern gesungen hat. Wunderbar quellende Koloraturgesänge im Mezzoformat macht sie spätestens in ihrem Rondo im 2.Akt zur eindeutigen Protagonistin, mit der großen Krone auf dem Blondschopf symbolisiert sie auch den zur Realität gewordenen Traum. Da hat es Sofia Koberidze in der B Prem schwer, an dieses Niveau anzuknüpfen, da sie stimmlich nicht so gut reussieren kann. Das Finalensensemble „Questo è un nodo avviluppato“ wirkt aber in beiden Besetzungen als musikalische Krönung.

Friedeon Rosén

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