Der Neue Merker

MANNHEIM: „IL RITORNO D´ULISSE IN PATRIA“. Premiere

Mannheim: „IL RITORNO D´ULISSE IN PATRIA“

 

                       Premiere am Nationaltheater 04.03.2017

Ulisse-NIKOLA DIKIC Penelope-M-B Sandis (c) H.J. Michel
Nikola Diskic. Marie Belle Sandis. Foto: Hans-Jörg Michel

Es sind schon einige Jährchen vergangen, dass am Nationaltheater  ein Werk des grandiosen italienischen  Meister-Komponisten  Claudio Monteverdi aufgeführt wurde, umso erfreulicher nun die Begegnung mit seiner wunderbaren Oper „Il ritorno d´Ulisse in patria“.

Das glanzvolle Werk erlebte 1641 zum Carneval Venezia seine UA und bezaubert bis heute unvermindert  die Musikwelt selbst nach 376 Jahren.

Nun entschloss sich die Intendanz das vielschichtige barocke Welttheater in authentischer Orchesterbesetzung des 17. Jahrhunderts aufzuführen und verpflichtete das renommierte Ensemble Il Gusto Barrocco unter der Leitung seines hervorragenden  Dirigenten und Gründers Jörg Halubek welches ich in dieser Konstellation bereits mehrmals live erlebte und sich auch auf diversen CD-Einspielungen meiner Discographie befindet.

Doch vorerst einige Anmerkungen zur spektakulären Präsentation  durch Markus Bothe: Im Anschluss zur Werks-Einführung im unteren Foyer des NT folgte auf leicht erhöhtem Podest „Der Prolog“, sodann begab man sich nach oben ins zuvor gesperrte Opernhaus.

Andiamo – das Spiel konnte beginnen.

Der Bühnenbildner Robert Schweer hatte sich dafür eine sehr interessante Konstruktion der Spielfläche ausgedacht. Vorgezogen über dem Orchestergraben bis in die sechste Parkettreihe reichend, ergab sich ein auf Stelzen vielschichtiges Brettergerüst aus gegeneinander drehbaren Ringen, durch Muskelkraft einiger Herren in variable Ebenen manövriert. Rechts und links sowie inmitten dieser völlig neuen optischen Spielfläche platzierte man das stark reduzierte Ensemble Il Gusto Barrocco welches Jörg Halubek vom Cembalo, Orgel und Regal aus vortrefflich leitete und somit ergaben sich durch die kreisenden Instrumentalgruppen äußerst reizvolle akustische Klang-Perspektiven.

Zur spannenden Illustration der Story bediente sich Markus Bothe geradezu genialer Ideen, vereinte Spielelemente vergangener Epochen u.a. der Commedia dell´arte gekonnt mit spektakulärer  Action zu unterhaltsamer Kurzweil und forderte zudem die Sänger in Bewegung und Artistik zu wahren Höchstleistungen heraus. Allerdings beeinträchtigten deren störende Rumpelgeräusche  den musikalischen Genuss – wie denn auch sei, the show must go on!

Der Zeitreise durch die Jahrhunderte entsprechend entwarf Justina Klimczyk schöne, einfallsreiche, kleidsame Kostüm-Créationen. Ein gekonntes Lichtdesign (Damian Chmielarz) reproduzierte Schattenspiele auf die Bühnenrückwand sowie über die vorderen seitlichen Logenbereiche und rundete die markante Optik auf reizvolle Weise ab.

Gewiss scheiden sich zur heutigen Aufführungspraxis punkto orchestraler Besetzung die Geister und betreffen nicht nur die Struktur der Oper, sondern auch die Hörgewohnheiten unserer Zeit. Ich persönlich befürworte den praktizierten  Original-Instrumenten-Klang, denn Monteverdi selbst hatte zu seiner Komposition weder ein großes Orchester  zur Verfügung noch im Sinn.

 Jörg Halubek stellte mit seinem traumhaft musizierenden Ensemble Monteverdis Meisterwerk in betörend-farbiger, abwechslungsreicher  Instrumentation,  authentischer Form, nach gängigen Bräuchen Alter Musik vor. Prächtig formierten sich die ausgezeichneten Solisten zum  dynamischen, frischen  nie akademisch anmutenden Vortrag. In charakteristischer Musizierweise wurden kleine explosive Schwingungen von besonderem Reiz mit eingebettet und ließen selbst Rezitative kurzweilig, ja spannend erscheinen. Zu Recht erhielt die wunderbare Interpretation jubelnde Zustimmung.

Umhüllt von derart elitärem Sound boten die Vokalsolisten größtenteils respektable Leistungen. Allen voran der Titelträger, Nikola Diskic sang den Ulisse mit souveräner Noblesse. Schlichte Phrasen verstand der junge Bariton ebenso vortrefflich, wie üppig verzierte Arien sehr ausgeprägt zu vermitteln. Bar der darstellerisch-artistischen Aktionen schenkte Diskic der anspruchsvollen Partie mit seiner fülligen klangvollen Stimme, dem angenehm warm getönten Timbre, dem Facettenreichtum seines Vokal-Instruments  eine Fülle  dramatischer, leidenschaftlicher Effekte und Emphasen.

Der leidgeprüften Penelope begegnete Marie-Belle Sandis mit royaler Würde und punktete mit ihrem in allen Lagen wohlklingend-flexiblen Mezzosopran. Ergreifend interpretierte die vielseitige Sängerin das bewegende Auftritts-Lamento und steigerte sich mit feinen Abstufungen in die weiteren Höhepunkte der Partie.

In eleganter makelloser Stimmführung, attraktiver Aura zeichnete Ludovica Bello die Vorzüge der Minerva und Fortuna. Anmutig, höhensicher erklang der lyrische Sopran von Eunju Kwon in den Rollen der koketten Melanto sowie des quirligen Amor.

B. Urbanowicz-Neptun Chr. Wittmann-Jupiter (c) H. J. Michel
Bartosz Urbanowicz, Christoph Wittmann. Copyright: Hans-Jörg Michel

Tenorale Qualitäten, geprägt lebendigen Ausdrucks servierten Christopher Diffey (Eumete), heller getönt Christoph Wittmann (Jupiter), klangvoll-kernig Raphael Wittmer (Eurimaco). Im Gegensatz dieser prägnanten Stimmen wirkte David Lee (Telemaco) weniger attraktiv. Dafür bot Uwe Eikötter (Iro) ein beachtenswertes Kabinettstück tenoraler Charakterisierungskunst.

Sonore bassbaritonale Würde schenkte Bartosz Urbanowicz Neptun und Tempo. Rollendeckend fügten sich  als Freier Pascal Herrington, Ilya Lapich, Valentin Anikin sowie die Darsteller der Phäaden und Götter ins turbulente Geschehen.

Bravos, einhellige zehnminütige Begeisterung für alle Beteiligten incl. Produktions-Team.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken