MANNHEIM: ELEKTRA – Wiederaufnahme

by ac | 14. Mai 2017 10:19

Mannheim: „ELEKTRA“ – WA 13.05.2017

Catherine Foster (Elektra) (c) Hans-Jörg Michel
Catherine Foster. Copyright: Hans-Jörg Michel

Fand die Premiere „Elektra“ (Richard Strauss) zur Inszenierung von Ruth Berghaus anno 1980 beim Publikum wenig Gegenliebe, avancierte diese einst verteufelte Produktion inzwischen zum Kult-Status. Vor und nach dieser Produktion erlebte ich im Laufe der Jahrzehnte Dutzende mehr oder weniger glaubwürdiger Inszenierungen und selten konnte sich eine der Neudeutungen mit der gekonnt tiefenpsychologischen Führung der Charaktere des Stückes messen. Brachte damals nicht jene geniale Personenregie die Gemüter in Wallung, sondern eher die „Verpackung“ quasi der Sandkastenspiele sowie die grotesken Kostüme (Marie-Luise Strandt). Im Laufe der Jahre änderte sich so manches inszenatorische Detail sogar zum Positiven und deshalb sei auch der szenischen Einstudierung von Claudia Plaßwich zu danken, insbesondere der intensiven Arbeit mit allen Protagonisten dieser Reprise.

Nun hob sich am Nationaltheater zur erst 57. Aufführung innerhalb von 37 Jahren wiederum der Vorhang und man wartete abgesehen der Gast-Elektra sowie drei Nebenrollen mit einer komplett neuen respektablen Sänger-Besetzung auf.

Wie bereits zur Aufführungs-Serie 2014 gelang es wiederum Catherine Foster zu verpflichten. Mit Sicherheit dürfte die international gefeierte Sopranistin gegenwärtig als stimmschönste Elektra-Interpretin gelten. Wurde mir in den letzten Jahren mehrmals das Glück zuteil Frau Foster in dieser Partie sowie im Wagner-Fach zu erleben, überraschte die absolute Künstlerin wiederum mit neuen überwältigenden Facetten ihrer immensen Interpretations- Bereiche.

Trotz enormer Volumen-Dilatation der letzten Jahre blieb der eindrucksvollen Sänger-Darstellerin ihr bemerkenswert vokales Farbspektrum, das wunderbare wandlungsfähige Timbre in allen Registern ihrer unvergleichlichen Stimme erhalten und sicherte sich nach wie vor, mit dieser grandiosen Leistung, eine Spitzenposition in der Weltrangliste.

In schlafwandlerischer Sicherheit führt Catherine Foster ihren erstklassigen Sopran in einer wahren „Tour de Force“ durch diese kräftezehrende Partie. Warm entfaltete die exzellente Sängerin das angenehme Timbre, dem Seelenabdruck der Stimmbänder in die tragfähigen Mittelbereiche, führte ihr prächtiges wohlklingendes Material bruchlos ohne jegliche Forcierung in Extremhöhen und hauchte der Astriden-Tochter wahrhaft königliche formative Töne ein. In bester Diktion durchlebte die darstellerisch ungemein intensive Tragödin auch physisch ein bewegend-berührendes Frauenschicksal.

Rückblickend der bisher 42 gehörten Rollen-Vertreterinnen der Vergangenheit und Gegenwart hielt ich keine Interpretations-Steigerung mehr für möglich. Dennoch wurde ich wiederum eines Besseren belehrt: bar dieser individuellen kombinierten Profilierung von Gesang und Darstellung, übermannten selbst einen alten Hasen wie mich Wellen der Rührung. Frau Foster schuf das Wunder absoluter Identität, sie spielt nicht Elektra – nein sie i s t Elektra und somit erhielt die Deklamation Ob ich nicht höre? Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir – doppelt bedeutsame Prädikation.

Selten darf man eine Klytämnestra im Vollbesitz ihrer vokalen Mittel erleben und so war es ein Genuss Julia Faylenbogen in der Rolle der von Albträumen heimgesuchten Königin zu begegnen. In bester Deklamation verstand es die Mezzosopranistin ihre in allen Registern qualitativ ansprechend-schöne, jugendlich-frisch klingende Stimme in raumfüllender Intonation einzusetzen. Ebenso höchst repräsentabel ihre Darstellung, somit glich das Meeting Mutter-Tochter einem furiosen Psycho-Spiel und man erachtete das junge Outfit der Sängerin wenig störend.

Mit hellem schier mädchenhaftem Sopran präsentierte Miriam Clark den lyrischen Gegenpol zur dramatischen Schwester und gab der Chrysothemis zur innig-berührenden Darstellung, die betont konträre Vokalaussage. Ich persönlich hätte mir zwar mehr farbliche Grundierungen ihrer vokalen Aussage gewünscht, schmälert dieser Beckmesser´sche Einwurf keineswegs die ausgezeichnete Gesamtleistung des beachtlichen Rollendebüts dieser vielseitigen Sängerin.

Emotional bewegt und sehr ausdrucksstark vermittelte Thomas Berau erstmals den Orest und setzte seinen flexiblen, klangvollen und schönstimmigen Bariton in starkem Maße sehr farbenreich und differenziert zum intensiven Spiel mit ein.

In bester tenoraler Vokalise charakterisierte Uwe Eikötter in Anbetracht der schönen intakten Stimme, den leider viel zu kurzen Auftritt des Aegisth.

Mit bemerkenswert frischen schönen Stimmen waren die Mägde Gerda Maria Knauer, Silvia Hauer, Iris Marie Sojer, Marie-Belle Sandis, Iris Kupke, Eunju Kwon besetzt. Ebenso hochkarätig die Diener/Pfleger und das „Gewürm“ der Klytämnestra: Christopher Diffey, Philipp Alexander Mehr, Valentin Anikin, Anja Wollenweber, Tatjana Rjasanova.

Höchst respektabel gab GMD Alexander Soddy mit dem prächtig aufspielenden NT-Orchester seinen Strauss-Einstand. Vehement steigerte sich der umsichtige Dirigent in die unsagbaren Leidenschaften der Partitur, schien ständig unter Strom zu stehen, übertrug regelrecht 1000 Volt auf den präzise in Akkuratesse musizierenden Klangapparat. In mitreißender ständiger Erregung peitschten die zu Klang gewordenen Emotionen aus dem Graben. Trotz aller expressiven Orchesterfluten behielt Soddy stets die umsichtige Distanz zum Nuancenreichtum der zart-gewobenen, feinnervigen Töne. Vom ersten bis letzten Takt des unvergleichlichen Werkes hielt Alexander Soddy in Koordination zur Bühne die orchestrale Spannung dieses musikalisch einzigartigen Psycho-Trillers. Bravo Maestro, bitte weiter so!

Lautstarke Begeisterung insbesondere für Foster und Soddy des enthusiastischen Publikums im nur zu 2/3 besetzten Haus.

Ein Blick ins Internet, auf die noch mäßig verkauften Plätze der Folgeaufführungen bedarf sehr engagiertem Marketing des Managements um so dem verzweifelten Ruf Faninals: „Blamage, Blamage … und das in meinem Stadtpalais“ vorzubeugen.

Wer eine dieser Vorstellungen am 17./21. (16h)/25.05. + 06.06. jeweils 19:30 Uhr versäumt, den bestraft das Leben.

Gerhard Hoffmann

 

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