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MAINZ: Konzert für junge Leute „HUMOR IN DER MUSIK“

Mainz: Konzert für junge Leute „HUMOR IN DER MUSIK“ 29.11.2017

 Leonard Bernstein, der große amerikanische Dirigent, berichtet in seinem  Buch „Leonard Bernsteins’s young people’s concerts“ von 1962 (deutsch „Konzert für junge Leute“, 1969), wie er als 15-jähriger im Radio zum ersten Mal Sergej Prokofieffs „Symphonie classique“ hörte: „Ich weiß noch, wie ich auf dem Boden lag und Tränen lachte.“Bernstein widmet dem „Humor in der Musik“ ein eigenes Kapitel und erklärt dazu: „Er muss auf musikalischen Gründen beruhen. Musik kann mit nichts anderem Spaß treiben als mit Musik. (…) Wenn aber Musik lustig ist, ist sie es auf die gleiche Art wie ein Witz. Sie tut etwas Schockierendes, Überraschendes, Unerwartetes oder Absurdes.“Um einen solchen Witz zu verstehen und zu genießen, muss man die Sprache der Musik verstehen und darf sich von der feierlichen Aura eines Konzertabends nicht irre machen lassen. Und so wird im allgemeinen im  Konzertsaal eher selten geschmunzelt und noch seltener gelacht.

 Es ist also durchaus mutig, wenn Samuel Hogarth, Kapellmeister am Staatstheater, das 2.Konzert für junge Leute des Philharmonischen Staatsorchesters unter das Motto „Humor in der Musik“ stellt. Zwar gehört in diesen Konzerten die erläuternde Moderation unbedingt dazu – aber ein Witz, den man lang und breit erklären muss, ist am Ende keiner mehr. Doch Hogarth schlägt sich achtbar bei dieser Gratwanderung. Gleich zu Beginn, nachdem die ersten Takte von Josef Strauß` Schnellpolka „Plappermäulchen“ op. 245 verklungen sind, trifft er gleich den richtigen Ton – humorvoll, kompetent, ein bisschen selbstironisch, aber auch selbstbewusst und im Einzelfall fordernd. Denn kaum sind die atemlos-kurzen Melodiephrasen, die plötzlichen Sforzati und der demonstrative Einsatz der Ratsche als komische Effekte geklärt, steigt er tiefer in die Struktur ein:

Woher kommt eigentlich die vorwärtstreibende Energie her? Eben nicht nur aus der Melodie, sondern auch von den Bässen und aus den Zwischenschichten der Begleitung. Wir dürfen das anhand des bekannten Weihnachtslieds „Jingle Bells“ selbst ausprobieren. Erst singt das Publikum die erste Strophe, deren Text bequem an die Bühnenrückwand projiziert erscheint. Dann wird den Männerstimmen ein tiefer Ostinato „jing – le, jing – gle“ in vorwiegend halben Noten auf dem Grundton anvertraut, den „alle Mädchen bis 12 Jahre“ mit einer schnellen Achtelfigur beleben dürfen;  die trägt dann den Rest der Hörer beim Singen der Melodie. Natürlich hört man danach das ganze Stück mit viel mehr Aufmerksamkeit für die Details. Dass es im Gegensatz zu anderen Interpretationen nicht gehetzt klingt, sondern bei aller Flinkheit doch liebenswürdig in sich ruht, soll hier ausrücklich vermerkt sein.

Auch für die „Circus Polka für einen jungen Elefanten“, die Igor Strawinsky 1942 für das Elefanten-Ballett des Ringling Brothers & Barnum & Bailey Circus schrieb und 1944 orchestrierte, hat sich der Kapellmeister etwas einfallen lassen. Nach der wenig überraschenden Feststellung, Elefanten seien nicht wirklich für das Polkatanzen gebaut, zeigt er uns, wie der Dickhäuter zunehmend Gefallen an der Bewegung findet und ein gewisses Gespür für Eleganz entwickelt. Das gipfelt in einer vertrackten Melodie, zu der Hogarth dem Publikum einen charakteristischen Text zum Mitsingen geschrieben hat. „Ich tanz – so – weil die großen Beine, / sie stampfen von alleine, / und dann … schwingt  … mit / der schöne Rüssel./ So tanzt der Elephant zu jedem / Notenschlüssel.“Zeile für Zeile wird diese Melodie, bei der man die Situation bildlich vor sich sieht, einstudiert und dann zu Strawinskys Partitur mitgesungen. Vor dem vergnüglichen Komplett- Durchlauf der Musik bekommen wir die Frage auf den Weg: „Gelingt dem Elefanten das Tanzen – oder versagt er am Ende?“Die Antwort bleibt letztlich offen, doch die klägliche Klarinettenfigur am Schluss, die in anderen Versionen des Stückes nicht auftaucht, sorgt jedenfalls für Gelächter.

Für „Hoe down“, die Abschlussnummer aus Aaron Coplands Ballett „Rodeo“, setzt Hogarth vor allem auf die skurril wirkenden Filmausschnitte von Rodeo-Aufführungen der 1940er Jahre und die schwungvolle, differenziert orchestrierte Cowboy-Musik. Nach der Pause gibt es dann Darius Milhauds Musik „Le bœuf sur le toit“. Hogarth zeigt einige Figurinen im Bild und erzählt die Handlung des von Jean Cocteau dazu konzipierten Balletts. Der Titel habe mit dem von Milhauds Brasilien-Reise inspirierten Ballett nichts zu tun, sondern sei der Name einer Kneipe (eines Beisls) gewesen, erfahren wir. Tatsächlich verhält es sich andersherum: Das Musikkabarett „Le bœuf sur le toit“, in dem Cocteau mit seinen Freunden verkehrte, verdankt seinen Namen dem Ballett zu Milhauds Musik, und diese wiederum ihren Titel dem verwendeten brasilianischen Volkslied „O Boi no Telhado“. Hilfreich ist der Verweis auf die Schankwirtschaft dennoch. Denn wenn die Musik manchmal so klingt, also ob zwei verschiedene Orchester parallel spielen, passt das durchaus zu einer Gaststube, in der mehrere Unterhaltungen zeitgleich stattfinden. Über die Musikalität von Milhauds Humor hätte ich gerne noch mehr gehört. Doch das Ballettszenario immerhin kann man sich lebhaft vor Augen führen – und auch die Sorgfalt genießen, mit der das Orchester und sein Kapellmeister die gegeneinander geführten musikalischen Linien wunderschön entfalteten. Überhaupt spielt das Philharmonische Staatsorchester auch in diesem Jugendkonzert wieder mit voller Professionalität. Und ein Publikum, das sich angesprochen und ernst genommen fühlt, ist auch entsprechend aufmerksam.

Andreas Hauff

 

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