Der Neue Merker

MAILAND/ Teatro alle Scala: TAMERLANO

Mailand: “TAMERLANO” – Teatro alla Scala, 25. und 27. September 2017

Unglaublich, aber wahr: Händels “Tamerlano” erlebte mit der Premiere am 12. 9. 2017 seine Erstaufführung an der Scala! Dafür hatte man im Orchestra del Teatro alla Scala ein eigenes Ensemble mit Originalinstrumenten aufgebaut, es wurde unterstützt vom schweizerischen Ensemble     “I Barocchisti”. Diego Fasolis leitete es umsichtig, trotz des langen Abends nie nachlassend in Energie und Spannung. Die fast schon ausufernden Variationen und Koloraturen, sowie eine Menge “neuer” Musik, besonders nach Bajazets Selbstmord – was die Umkehr Tamerlanos etwas logischer erscheinen ließ – verlängerten den Abend auf satte viereinhalb Stunden (inkl. 2 Pausen zu ca. 20 Minuten)! Ende ca. 0:30!!!! Hier wäre eine frühere Beginnzeit eigentlich ein MUSS gewesen, da nicht alle bis zum Ende bleiben konnten und so das dramatische, faszinierende Ende nicht miterleben konnten.

Die Produktion (Regie: Davide Livermore, Bühnenbild: Davide Livermore und Giò Forma, Video: Videoworkers D-WOK, Licht: Antonio Castro, Kostüme: Mariana Fracasso) hatte viel Positives, clevere Projektionen und starke Bilder, ab und zu ein bisschen viel Gewusel durch zusätzliche Soldatinnen (die Tänzerinnen waren). Dass statt dem 15. Jahrhundert das Jahr 1917 in Russland als Schauplatz diente, war keineswegs störend, es brachte wahrscheinlich mehr Dramatik in die Aktion. Dass es historisch sowieso nicht stimmte, störte niemanden, da das Zusammenspiel der Charaktere im Vordergrund stand. Tamerlano erschien als Stalin, Andronico als Trotzki, Bajazet als Zar Nikolaus II., Leone, der die Situation immer wieder kommentiert, als Rasputin.

Das Sängerensemble bestand einerseits aus den wohl derzeit besten Kräften in diesem Repertoire: Bejun Mehta als Tamerlano, Franco Fagioli als Andronico – schon ein Genuss und dem Drama sehr zuträglich, beide Männerrollen mit Countertenören besetzt zu sehen! Weiters Maria Grazia Schiavo als Asteria und Marianne Crebassa als Irene. Den Leone gab Christian Senn. In diese barocke Welt stürmte Plácido Domingo als Tenor! Domingo ist sicher kein Barock-Stilist, schaffte aber den Spagat trotz einiger hörbaren Mühen bei den Verzierungen recht eindrucksvoll. Seit 2012 hatte er die Rolle nicht mehr gesungen. Durch sein Charisma, seine überwältigende Bühnenpräsenz und das immer noch charakteristische Timbre wurde seine Interpretation zu einem Faszinosum. Koloratur-Kunstfertigkeit gab es kaum, dafür die Darstellung eines tragischen Schicksals ohne Gleichen. Die Schluss-Szene allein wäre den Preis der Karte wert gewesen!

JEDER der Barock-Stilisten bot ein Feuerwerk an Koloraturen und Variationen, unglaubliche Kunstfertigkeit, die (meistens) nicht nur dem Selbstzweck diente. Neben Domingo glänzte Bejun Mehta mit seinem gleichmäßig durchgebildeten, farbenreichen Countertenor vor allem durch äußerst prägnante Textgestaltung und faszinierende Charakterisierung dieses Tyrannen, der schließlich durch Bajazets Selbstmord den Weg zur Umkehr findet. Franco Fagioli hatte als Andronico die bei weitem längste Partie, die auch einen extrem großen Stimmumfang verlangt, was er souverän meisterte. Allerdings singt er eigentlich mit 3 Stimmen. Die Höhe und mittlere Lage mit weichem, attraktivem Klang, in der tiefen Lage allerdings wird die Stimme immer wieder etwas quallig, unschön und forciert. Doch die Kunstfertigkeit seiner Koloraturen, die mit höchster Musikalität ausgeführt wurden, lösten fast Schwindelgefühle aus!

Maria Grazia Schiavo wirkte ein wenig matronenhaft, war duch ein eigenwilliges Glitzerkostüm nicht besonders vorteilhaft gekleidet und erschien so eigentlich im Widerspruch zu ihrer Stimme, die durchaus jugendlich klang, mit leichter Tendenz zur Schärfe in der Höhe. Sehr elegant und passend kapriziös verkörperte Marianne Crebassa mit ihrem wunderbaren Mezzo die von Tamerlano zunächst verschmähte Prinzessin von Trabezunt. Christian Senns Leone im Kostüm von Rasputin fiel dagegen ab, er sang etwas grob und konnte eigentlich keinerlei darstellerische Qualitäten zeigen. Ich habe die Rolle des Leone (in Produktionen in Washington, D.C. und Los Angeles) in wesentlich spektakulärer Erinnerung, wo die Arien jeweils fast zum Show-Stopper wurden.

Applaus und auch Bravo-Rufe gab es immer wieder nach den Arien – wo es passend schien. Dass man nach dem Selbstmord Bajazets den Atem anhielt und niemand wagte, auch nur einen Finger zu rühren, war besonders beeindruckend. Am Ende viel Applaus für das Ensemble und die Künstler, wobei Diego Fasolis mit der Partitur erschien und diese auf den Souffleurkasten legte. Man feierte Händel!

Margit Rihl

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