Der Neue Merker

MAILAND/ Teatro alla Scala: LA BOHÉME – eine nie endende Geschichte, die immer wieder neu fasziniert

La Scala / La Bohème von Giacomo Puccini/ Vorstellung am 30.06.2017

 La Bohème an der Scala – eine nie endende Geschichte, die immer wieder neu fasziniert

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Foto Marco Brescia e Rudy Amisano  Teatro alla Scala

 Diese Inszenierung hat inzwischen Generationen begeistert und Generationen von Sängern durften ihre Kunstfertigkeit an der Mailänder Scala mit diesem Werk präsentieren. La Bohème an der Scala ist für operninteressierte Mailandbesucher die Krönung, wenn das Kartenbüro noch was hergibt oder man rechtzeitig vorbestellt hat.

Seit vielen Jahren gehört die opulente Inszenierung von Franco Zeffirelli zu den Glanzstücken des Hauses. Franco Zeffirelli hat mit seiner Arbeit einen Klassiker erschaffen, dessen Niveau ständig durch neue erstklassige Sänger belebt wird. Auf die Qualität kann sich jeder Besucher hundertprozentig verlassen und das hält die Nachfrage konstant. Die Qualität der Aufführungen garantiert Marco Gandini, als Haus-Regisseur, der die jeweils neuen Vorstellungen auf die Bühne bringt.  

 Dabei ist diese Inszenierung so variantenreich und vielgestaltig und so konsequent dramaturgisch gesteigert, dass die Zuschauer immer wieder gebannt dabei sind. Da sind Szenen mit dem Hauswirt, mit dem sich die Bohemiens einen Spaß erlauben und natürlich diese unglaublichen Massenszenen für den Chor, ausgeschmückt mit echtem Esel und Pferd samt Wagen, marschierenden Soldaten, Fähnchen und Konfetti. Die feuchtfröhliche Feier bis zur Ernüchterung von Musettas Sponsor. Dieses vitale Leben auf zwei Ebenen, das überbordet und an dem man sich kaum sattsehen kann. Die wunderbar zelebrierten Dialoge. Und zuletzt das tragisch gesteigerte Ende einer großen Liebe.

Über diese historische Produktion wurde schon viel geschrieben, und es wäre töricht, sie in Bezug zu den Ansprüchen modernen Regietheaters zu setzen. Gerade weil Franco Zeffirelli nicht versucht hat, den auf die wesentlichsten zwischenmenschlichen Gefühle reduzierten Opernstoff mit den Mitteln der Regie neu zu deuten, wird seine Inszenierung stets aufs Neue funktionieren. Die Bühnenbilder sind ästhetisch und schön. So auch die traditionellen Kostüme und Requisiten von Piero Tosi.

Dirigent Evelino Pidò nutzte seine ganze Routine als Operndirigent, um das Orchester der Scala nicht nur sicher durch die oft gespielte Partitur zu leiten, sondern auch im Einklang mit den großartigen Solisten stets im richtigen Moment zu emotionalen Höhepunkten zu motivieren. Stellenweise war der runde Orchesterklang manchmal ein wenig dominant, insgesamt gelang den Musikern jedoch eine perfekte Darbietung der Oper Puccinis.

Die Oper La bohème beginnt ohne Ouvertüre und transportiert die Zuhörer gleich mit den ersten Takten in das Leben einer armseligen Künstler-WG im Paris des Jahres 1830. Simone Piazzola als Marcello und Fabio Sartori als Rodolfo entführten, dank ihrer Bühnenpräsenz, das Publikum von Beginn an in die romantisch-verklärte und doch so bitterlich arme Lebenswirklichkeit. Fabio Sartori hatte zwar in den Anfangspassagen kleine Anlaufschwierigkeiten, sein ganzes musikalisches Potential zu entfalten, konnte jedoch schon bald seine erstklassige Leistung präsentieren.

Nachdem Fabio Sartori als Rodolfo wegen der klirrenden Kälte und in Ermangelung ordentlichen Brennholzes seine Manuskripte den Flammen opfern muss, betritt als nächster der Philosoph Colline, die Bühne. Diesen mimte Carlo Colombara sängerisch und schauspielerisch äußerst überzeugend. Als sich dann Mattia Olivieri als Schaunard mit seinem herrlichen lyrischen Bariton noch zu seinen Freunden gesellte und Wein, gutes Essen und Brennholz mitbrachte, war die stimmgewaltigste Männer-WG der Musikgeschichte komplett und drückte ihre überschäumende Lebenslust sogleich musikalisch aus, sehr zur Freude des internationalen Mailänder Opernpublikums.

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Foto Marco Brescia e Rudy Amisano  Teatro alla Scala

Die tragische Figur der Mimì wurde von der mexikanischen Sopranistin Ailyn Pérez herzzerreißend schön dargeboten. Ailyn Pérez verfügt über eine Stimme, die wunderbar klar, zugleich aber auch anrührend süß und warm klingt. Sie singt einen wunderbaren jugendlich-dramatischen Sopran. Spätestens als sie und Fabio Sartori ihre berühmten Arien: „Che gelida manina“ („Wie eiskalt ist dies Händchen“) und „Sì. Mi chiamano Mimì“ („Man nennt mich Mimì“) sangen, flossen die ersten Tränen der gerührten Zuhörer. Fabio Sartori beeindruckte neben seiner schauspielerischen Leistung mit einer bemerkenswerten Beherrschung des Obertonspektrums seiner wundersam fließenden italienischen Stimme. Das schreiend-schluchzende „Mimì“ am Ende der Oper hat man selten so ergreifend gehört. Bleibt noch der jungen italienischen Sopranistin Federica Lombardi, als Musetta, Tribut zu zollen. Mit ihrer glockenhellen Stimme und ihrem hervorragenden Schauspiel begeisterte sie das Publikum zu Beifallsstürmen.

Wenn man einen der zahlreichen Höhepunkte dieses herzerwärmenden Opernabends besonders hervorheben sollte, dann wäre dies wohl das Schlussduett des vierten Aktes „Sono andati? Fingevo di dormire“ („Sind sie gegangen? Ich gab nur vor zu schlafen“). Zwischen Zuversicht und Hoffnung, inniger intimer Liebe und tragischem Weltschmerz changierend, ist dies eine der wunderbarsten Passagen der musikalischen Weltliteratur und wurde von Ailyn Pérez und Fabio Sartori kongenial interpretiert. Glücklich, wer ein Taschentuch zur Hand hatte.

Auch alle anderen Rollen zeigten sich als Top-Besetzung mit: Simone Piazzola als Marcello, Luciano di Pasquale als Alcindoro und Davide Pelissero als Benoit sowie Francesco Castoro als Parpignol und Gustavo Castillo als Sergente dei doganieri. Ganz stark war auch der Chor in allen Szenen unter der Leitung von Bruno Casoni.

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Federica Lombardi (Musetta). Foto Marco Brescia e Rudy Amisano  Teatro alla Scala

Bleibt zu hoffen, dass dieses Zeffirelli-Glanzstück noch von vielen Besuchern gesehen werden kann, denn die Inszenierung von Franco Zeffirelli, aus dem Jahr 1963 stammend, an der Mailänder Scala ist und bleibt maßstabsetzend. Deshalb kein Wunder über so viel Jubelapplaus.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

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