Der Neue Merker

MAILAND /Teatro alla Scala: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL. Retro oder wieder aktuell? 20 Jahre nach Giorgio Strehlers Tod lebt seine Inszenierung

La Scala/ Wiederaufnahme von Giorgio Strehlers Inszenierung (1965) „Die Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart / Vorstellung am 01.07.2017

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Copyright: Marco Brescia e Rudy Amisano  Teatro alla Scala

Retro oder wieder aktuell? 20 Jahre nach Giorgio Strehlers Tod lebt seine Inszenierung „Die Entführung aus dem Serail“ neu auf

Zweifellos bleibt Giorgio Strehlers Leistung für die Erneuerung des italienischen und damit des europäischen Theaters bestehen. Es lohnt sich zurückzublicken, was Strehler gewollt hat. Er strebte neue Impulse für das zeitgenössische Theater aus der Commedia dell’arte an. Diese vor allem gestischen Formen der Unterhaltung und der situativen Komik brachte er in seine „Serail-Inszenierung“ mit ein. Strehler und sein Gegenwartsassistent Mattia Testi warfen die höfische Puderquaste über Bord zu Gunsten einfacher oft stilisierter Formen.

Grund genug für die Mailänder Scala diese Inszenierung anlässlich des 20. Todestages von Giorgio Strehler wieder ins Programm aufzunehmen. Die Inszenierung selbst hatte 1965 Premiere bei den Salzburger Festspielen und Anfang der siebziger Jahre kam sie an die Scala. Intendant Alexander Pereira hat Mattia Testi also beauftragt Strehlers „Serail-Inszenierung“ noch einmal „frisch poliert“ auf die Mailänder Bühne zu bringen. Über irgendwelche Animositäten zu Salzburg soll hier nicht spekuliert werden.

Vor blassblauem Hintergrund segeln Schiffssilhouetten. Charakteristisch für die reduktionistische Ästhetik sind die Momente, in denen die Vordergrundbeleuchtung aussetzt und von einem hellen Schimmer auf der Rückwand abgelöst wird, der die Figuren nur noch als Schattenriss erscheinen lässt.

Bei den Arien treten die Sänger in einen unbeleuchteten Bühnenstreifen auf und werden so zum Scherenschnitt. Auch einige Szenen gehen so in diese Hell-Dunkel-Präsenz über. Die einzelnen Figuren werden mit starker Gestik entfaltet, allen voran Osmin, aber auch Blonde und Pedrillo.

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Tobias Kehrer (Osmin) und Sabine Devieilhe (Blonde. Copyright: Marco Brescia e Rudy Amisano  Teatro alla Scala

Bei Licht betrachtet finden dann jede Menge Späße, die den Lachmuskel strapazieren statt, z.B. wenn Osmin seine Vorhängekette wieder zusammenbringen will. Er macht es in vielen skurrilen Varianten. Oder wenn der Diener die Fluchtleiter entdeckt und „Oh, la Scala“ ausruft, dann jubeln die Zuschauer. Auch die Szene, in der Osmin zum Wein verführt wird, ist ein großer Spaß mit viel Komik im Detail. Natürlich ist schon seine Kleidung: der Riesenturban und die fünfmal XL-Pluderhose ein sichtbarer Witz und Tobias Kehrer verkörpert seinen Osmin sowohl sprachlich als auch gesanglich eindrucksvoll. Giorgio Strehler hat mit diesen Stilisierungen starke Bildeindrücke geschaffen und Mattia Testi setzt das aktuell auf der Bühne um. Es gelingt auch eine Verbindung herzustellen, zwischen dem, was zu Mozarts Zeiten die Zuschauer an der „Türkenmusik“ so faszinierte und uns Betrachtern heute. Gerade im Fragmentarischen des Bühnenbildes, die farbigen Kulissen sind nur wage angedeutet, kann sich hier die Zuschauerfantasie entfalten.

Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Luciano Damiani strukturierte Strehler die Bühne. Nicht illusionshafte Scheinwirklichkeit, sondern den Theatereffekt als solchen wollten sie präsentieren.

Dabei benutzten sie ein Repertoire aus Monologen (Tiraden) und pantomimischen Bravourstücken und Späßen, die sogenannten „Lazzi“. Und wie bei der Commedia dell’Arte endet alles heiter.

Zu den bunten Effekten der heutigen Medienästhetik, denen die Opernproduktionen manchmal über Gebühr ausgeliefert werden, bildet die 1965 viel gerühmte Salzburger Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ durch Giorgio Strehler einen erhellenden und auch wohltuenden Kontrapunkt.

Mit wenigen, aber unerhört präzis eingesetzten Mitteln, erzeugte Strehler ein Maximum an dramatischer Wirkung, woran das stilisierte Bühnenbild von Luciano Damiani mit seinen Schiebekulissen, Szenenwechseln und ausgetüftelten Lichteffekten von Marco Filibeck maßgeblichen Anteil hat.

Na, dann ist ja alles in Butter, oder?

Einiges erscheint dann doch zu glatt. Zubin Mehta dirigiert einen Mozart mit Schmelz, er begleitet immer präzis und aufmerksam die Sänger, aber es mangelt trotzdem ein bisschen sowohl an Dramatik als auch an Gesamtfluss. Und so wirkt auch das Stück etwas statisch. Zur betulichen Wirkung tragen vor allem die Sprechszenen bei, sie wirken gewollt deklamiert, vor allem beim Sultan Selim, gespielt von Cornelius Obonya. Sein getragener Duktus wirkt zu belehrend, da vermisst man schon den Menschen aus Fleisch und Blut. Immerhin behauptet er ja, Konstanze zu lieben und dann zeigt er sich einfach nur einsichtig und weise. Da kippt das Stück ins Lehrsatzhafte und das ist schade.

Realisator der Wiederinszenierung Mattia Testi und seine jetzige Bühnenbild-Realisatorin Carla Ceravolo sowie seine Kostümbildnerin Sybille Ulsamer hätten bei diesem Bemühen um Vergegenwärtigung von Strehlers Regiekonzept auch heutige Wahrnehmungsweisen in Betracht ziehen müssen. Das wäre sicher auch im Sinne Strehlers gewesen. Denn es kann ja nicht nur um detailgetreue Wiederbelebung gehen.

Die Sänger sind alle ganz ausgezeichnet. Mauro Peter (Belmonte), Lenneke Ruiten (Konstanze), Sabine Devieilhe (Blonde), Maximilian Schmitt (Pedrillo) und Tobias Kehrer (Osmin) sind ein gut aufeinander abgestimmtes Mozart-Ensemble, nur bei den Sprech-Dialogen wirken sie aufgesetzt und der Text wirkt oft deklamatorisch vorgetragen, wie man es von ambitionierten Laien-Schauspielern kennt. Spielerisch gibt es trotzdem viele unterhaltsame Szenen. Lenneke Ruiten als Konstanze zeigt sich nicht nur in ihrem Spiel manchmal zu kapriziös, auch gesanglich trifft sie technisch zwar jeden Ton perfekt, aber vielleicht macht sie gerade das zu einer Rollendarstellerin, der man ihre Gefühle nicht immer so ganz abnimmt. Sabine Devieilhe als Blondchen trifft da Ton und Stil schon überzeugender. Mit frischer Stimme und leichtem Spiel wirbelt sie viele Szenen auf. Mauro Peter als Belmonte ist der Inbegriff jedes vorzeigbaren Schwiegersohnes. In den Sprechszenen leicht penetrant mit seinen Sprüchen, gesanglich allerdings exzellent zu verstehen. Recht witzig kommt Maximilian Schmitt als Pedrillo daher und bildet so ein bodenständiges Pendant zu seinem Herrn. Ein wohltuend raufendes Gegengewicht ist auch Tobias Kehrer als Osmin mit seinen herrlich derb und brutal glucksend vorgetragenen Kommentaren, mildert er alles Zeigefingerhafte und sein Vorschlag diverser Todesarten, vermittelt sich als sängerischer Mordspaß.

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Copyright: Marco Brescia e Rudy Amisano  Teatro alla Scala

So wirkt diese Inszenierung am Ende dann doch lebendig, auch wenn die verzögerten Tempi den Stückfluss manchmal zu einem Nummernprogramm machen.

Zum Schluss gibt es stehende Ovationen für Zubin Mehta, der schon die Salzburger Premiere 1965 dirigiert hat und auch mit 81 Jahren kein bisschen gebrechlich wirkt.

Mozarts aufklärerisches Orientmärchen wird mit gehobener Naivität erzählt, ohne den ganzen Rucksack an kulturtheoretischen Spekulationen, Gendertheorien und Sexfantasien, mit denen heutige Regisseure das Werk oft beschädigen. Verkannt wird dabei die Erzählabsicht, dass mit einer zeitlosen Aussage solche „Aktualisierungen“ gar nicht nötig sind und das Publikum schon fantasievoll genug ist, eigene Erkenntnisse zu entwickeln. Schließlich wollen Zuschauer lebendiges Theater erleben und sich nicht durch Programmhefte quälen, um zu erahnen, was der Regisseur gemeint haben könnte.

Giorgio Strehlers Inszenierung konzentrierte sich da ganz auf die Charakterisierung der Personen und die Darstellung der inneren Vorgänge und das ist dann insgesamt schon gut gelungen. Darum zeigt sich das Publikum auch begeistertet, weil Qualität sich selbst immer vermittelt.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

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