Mahler mit Haitink, R. Strauss mit Jansons

by R.Wagner | 1. Januar 2017 15:39

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Neues von BR Klassik:
Mahler mit Haitink, R. Strauss mit Jansons

Die 100. Veröffentlichung des BR-KLASSIK-Labels

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist, was technische Meisterschaft und Brillanz anlangt, neben den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Dresden einer der drei besten Klangkörper Deutschlands. Und so sind die beiden Live Mitschnitte (Mahler Juni 2016 Gasteig, Strauss 2014/2016), wie nicht anders zu erwarten, Zeugnisse von höchster Orchesterkultur und instrumentaler Finesse. Von gesteigerter Repertoirefantasie kann aber leider nicht berichtet werden.

Wie oft hat Bernhard Haitink eigentlich die dritte Symphonie Gustav Mahlers auf Tonträger bannen lassen? Inklusive Videoproduktionen und der neuen fallen mir sofort fünf Versionen ein. Mit dem Royal Concertgebouw Orchestra und den Berliner Philharmonikern hat Haitink – was Mahler anlangt  – hohe Standards setzen können. Die neue Aufnahme zeigt Haitink als Philosophen eher denn stürmenden Musiker, als vorsichtig Klangräume durchmessenden Rückbesinner eher denn die Natur und den Menschen mit kräftigen Farben malender Animator.  Wiewohl objektiv seine Interpretation mit knapp über 100 Minuten sozusagen im Schnitt liegt, ist der neuen Einspielung etwas Statisches, etwas Oratorienhaftes zu eigen. Das Misteriso habe ich noch nie so abgeklärt, so „objektiv“ gehört. Alles andere steht bei einem Mann wie Haitink natürlich außer jedem Zweifel. Das heißt die Proportionen sind in sich stimmig, das Orchester darf in dunklen Farben leuchten. In Gerhild Romberger (Mezzo), den Augsburger Domsingknaben, dem Frauenchor des Bayerischen Rundfunks, in Martin Angerer (Posthorn-Solo) hat Haitink untadelige, höchstprofessionelle Mitstreiter. Und dennoch bleibt die Frage nach dem Warum dieser fünften Einspielung einer grandiosen Symphonie, deren Tiefe und Extreme Haitink im Vergleich zu seinen früheren Einspielungen nicht mehr hat egalisieren geschweige denn übertreffen können ?

Mariss Jansons legt mit den beiden symphonischen Dichtungen „Alpensymphonie“ und „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss die 100. Publikation des Labels BR Klassik vor. Nach dem Heldenleben, dem Oboenkonzert und Till Eulenspiegel ist dies die Dokumentation seiner dritten Richard Strauss Exegese mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf Tonträger. Die Alpensymphonie hat Mariss Jansons bereits mit dem Royal Concertgebouw Orchestra (RCO live 2007) aufgenommen.

Strauss wollte mit der „Alpensymphonie“ bekanntlich eine ganztägige Bergbesteigung in einer sinfonischen Dichtung in Klang fassen. Die Wanderung beginnt bei Nacht, der Anstieg erfolgt durch den Wald, an Bach und Wasserfall vorbei, über Wiesen und Almen auf einen vergletscherten Gipfel. Schließlich verschlechtert sich das Wetter und der Abstieg erfolgt in Gewitter und Sturm. Der Tag klingt aus mit dem Sonnenuntergang und der nachfolgenden Nacht. Die 100. Edition des BR Klassik ist dank Mariss Jansons leidenschaftlich imaginativem Dirigat wirklich zu einem Ereignis geworden. Naturbeschwörung mit Windmaschine, Donnerblechen und Kuhglocken, wundersam leuchtende Himmel und Wetter bei Tag und Nacht. Inmitten der Mensch in Eis und Einsamkeit, Friedrich Nietzsches „Ecce homo“ reflektierend. Trotz Riesenapparat gelingt Jansons eine immer „fassliche“, auf die jeweiligen Haupt-Instrumentengruppen fokussierte Wiedergabe, das „Rosenkavalier-Parlando“ ebenso auskostend wie die Emphase, die ironisierende Introspektion ebenso wie das Himmelhoch-Jauchzen des Eins Werdens mit all diesen elementaren Kräften. Die CD wird ergänzt durch die schon im Februar 2014 aufgenommene symphonische Dichtung „Tod und Verklärung“. Die beiden Pole des Strauss‘schen Schaffens kontrastierend zu einem überwältigendem Ganzen geformt. Grandios!

Dr. Ingobert Waltenberger

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