Der Neue Merker

Mag. Marcus PISO (Leiter der Abt. Gebäude- und Veranstaltungsmanagement der Salzburger Festspiele): Einer der maßgeblichen Gründe, warum man hier arbeitet ist, um an der Kunst teilhaben zu können.

HINTER DEN KULISSEN DER SALZBURGER FESTSPIELE – EIN GESPRÄCH MIT MAG. MARCUS PISO, LEITER DER ABTEILUNG „GEBÄUDE- UND VERANSTALTUNGSMANAGEMENT“

(Heinrich Schramm-Schiessl)


Mag. Marcus Piso. Foto: Schneeberger

Herr Mag. Piso, was machen Sie am 1. September?

Da bin ich auf Urlaub. Wir fahren am 31. August, am letzten Tag der Festspiele haben wir nur eine Vorstellung, die meine kompetenten Mitarbeiter abwickeln. Wir haben einen entsprechenden Dienstplan. Das Büro ist mit zwei Mitarbeitern besetzt, wobei einer mobil ist, und einer für die gesamte Veranstaltungsdauer und einige Zeit nach der Veranstaltung den Betrieb im Büro aufrecht erhält.

Sie sind Leiter der Abteilung für „Gebäude- und Veranstaltungsmanagement“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Zusammengefasst im Gebäude- und Veranstaltungsmanagement sind alle Bereiche der gesamten Festspiele, die das Gebäude, die Instandhaltung und die Infrastruktur betreffen. In Bezug auf die Veranstaltungen fällt sowohl die veranstaltungsbehördliche Abwicklung, das heißt sämtliche Ansuchen, Verhandlungen mit den Behörden für sämtliche Veranstaltungsstätten in meine Verantwortung. Weiters sind wir zuständig für die gesamte publikumsseitige Abwicklung – Kartenkontrolle, Saaldienst, Garderobe – für alle Spielstätten der Festspiele.

Dazu kommt unter dem Jahr noch die Vermietung der Festspielhäuser und im Sommer die Anmietung der übrigen Spielstätten, wie Landestheater, Mozarteum und die Perner-Insel in Hallein.

Muss das jedes Jahr neu ausgehandelt werden?

Bei den tradierten Spielstätten, also jenen die jedes Jahr verwendet werden, gibt es lang- oder längerfristige Verträge, insbesonders bei Mozarteum und Landestheater, weil ja beide Institutionen unter dem Jahr auch bei uns sind. Das Mozarteum mit der Mozart-Woche und das Landestheater immer wieder mit größeren Opernproduktionen. Die anderen Spielstätten werden projektbezogen angemietet, z.B. Kollegienkirche oder der Dom (innen – Anm. d. Red.).

Spricht bei der Kollegienkirche und beim Dom die Kirche auch über den Inhalt der Stücke mit?

Es ist jetzt nicht so, dass die Erzdiözese bestimmend eingreifen würde. Wir mieten die Kollegienkirche von der katholischen Hochschulgemeinde.

Über den Inhalt spricht unser Konzertbüro mit der Kirche. So wie es derzeit läuft, mit der „Ouverture spirituelle“, mit diesem speziell kirchlich ausgerichteten Programm, gibt es keinerlei Probleme.

Bleiben wir zunächst bei den Gebäuden. Der „Festspielbezirk“, wie der Gebäudekomplex seit Jahrzehnten genannt wird, ist unter Veranstaltungszentren vielleicht nicht einzigartig aber doch eher selten. Kennen Sie zumindest in Europa gleichartiges?

Also ich kenne in Europa keinen derartigen Gebäudekomplex, also einen der drei Volltheater in dieser Größe beherbergt. Die Felsenreitschule ist ja juristisch gesehen allerdings eine Freiluftspielstätte und kein Volltheater. Nur zum Vergleich: Die kleineste Spielstätte, das „Haus für Mozart“ hat von der Portalgröße her die Dimensionen der Wr. Staatsoper, das Grosse Festspielhaus ist von der Portalbreite fast dreimal so gross und die Felsenreitschule hat eine Bühnenbreite von vierzig Metern.

Die Zuschauerkapazität beträgt 2400 Personen im Großen Festspielhaus, 1580 Personen im „Haus für Mozart“ und 1423 Personen in der Felsenreitschule. Im deutschsprachigen Raum ist mir ähnliches nicht bekannt. In Frankreich fiele mit die Pariser Oper ein, die allerdings getrennte Spielstätten hat.

In den letzten 12 Jahren gab es große Umbauarbeiten. Das ehemalige Kleine Festspielhaus wurde bis auf den Bühnenturm praktisch komplett abgerissen und neu gebaut und bei der Gelegenheit gab es auch den Umbau des Zuschauerraumes der Felsenreitschule von einem Parkett-Rangtheater – von den letzten beiden Rang-Reihen hat man wirklich nichts gesehen –  in eine Art Arena. Wie gross war diese Herausforderung, zumal ja zumindest die Felsenreitschule bei den Festspiele 2005 in Verwendung war?

Das kann ich nur aus Erzählungen schildern, weil ich mein Amt erst 2007 angetreten habe. Die Bespielung der Felsenreitschule 2005 während der Bauphase war natürlich ziemlich aufwendig. Die gesetzlich festgelegten Sicherheitserfordernisse waren auch in dieser Übergangsphase zu erfüllen. Es mußten z.B. extra Leichtbauwände zum Brandschutz aufgestellt werden, was nicht sehr einfach war. Man ist ziemlich unter Zeitdruck gestanden, da man ja 2006 eröffnen wollte.

Dass die Felsenreitschule den neuen Zuschauerraum erhalten hat, ist dem Umstand zu danken, dass die Rückwand des „Hauses für Mozart“ die unmittelbar an die Felsenreitschule grenzt, instabil geworden ist. Dadurch war es notwendig diese zu erneuern, was zum neuen Zuschauerraum der Felsenreitschule geführt hat.

Mit dem „Haus für Mozart“ sind nicht alle glücklich, da man sich letztlich nicht auf einen Architekten einigen konnte, sondern die Architekten Valentiny und Holzbauer veranlasste ihre Entwürfe zu kombinieren. Was aber meines Erachtens nicht wirklich erreicht wurde, war eine echte Verbreiterung des Hauses, das noch immer etwas schlauchartig wirkt. War ein weiteres nach außen rücken in die Hofstallgasse nicht möglich?

Eine Grundvorgabe war, daß der Bühnenturm samt Portal bestehen bleiben musste, damit war aus Gründen der Symetrie die Breite vorgegeben, da auf der einen Seite die Felsenreitschule ist und man auf dieser Seite nicht breiter werden konnte. Eine der Vorgaben für die Architekten war, dass zumindest dieselbe Zuschauerzahl erzielt werden musste wie im alten Haus und dass die Sichtlinien verkürzt werden sollten, was ja auch gelungen ist.

Dadurch, dass die Stiegenhäuser nicht mehr seitlich, sondern hinter dem Saal liegen, wurde eine breiterer und kürzerer Zuschauerraum erreicht. Durch die größere Breite und zwei Ränge ist die Zuschauerkapazität vergrößert worden. Der zweite Rang wurde möglich, da man das alte Stahlfachwerk der Dachkonstruktion durch eine Stahlbetondecke ersetzt hat und so zu einer größeren Raumhöhe gelangt ist. Zudem sind wir um 1,20 m tiefer als vorher, was uns auf der Bühne einige Probleme bereitet.

Früher war die Bühne in einer Ebene mit dem Toscanini-Hof, jetzt sind wir um 1,20 m tiefer und brauchen zwei Podien um die Dekorationen einbringen zu können. Das ist eine logistische Herausforderung für den Bühnenmeister.

Als einer der Gründe für den Komplettumbau des Kleines Festspielhauses war angeblich auch die Schaffung einer Infrastruktur, dass Felsenreitschule und „Haus für Mozart“ gleichzeitig bespielt werden können. Warum hat man das nicht geschafft?

Der Hauptgrund der einer gemeinsamen Bespielung entgegensteht ist, dass die Fluchtwege nicht die nötige Kapazität für das Bespielen beider Häuser aufweisen. Aus diesem Grund hat man von vorneherein auf die Schaffung einer zweiten Infrastruktur verzichtet.

Sehr stolz ist man auch auf das nunmehrige Dach der Felsenreitschule. Ich kann mich noch an die 60er-Jahre erinnern, als sie nur durch eine Art Zeltplane abgedeckt war und man bei Starkregen kaum mehr etwas hörte. Nach dem 1. Umbau 1969 wurde es dann besser, aber noch immer nicht optimal. Was ist das besondere des numehrigen Daches?

Der Grund warum dieses Dach gekommen ist, waren, wie so oft, Sicherheitsvorgaben. Schon beim Bau des „Hauses für Mozart“ ist klar geworden, dass mit dem Dach etwas geschehen muss. Beim alten Dach hat es sich um eine Stahlkonstruktion gehandelt, die nicht im erforderlichen Maß gegen Brand geschützt war. Allerdings konnte dieser Neubau aus verschiedenen Gründen während des Neubaues des Hauses für Mozart nicht realisiert werden.

Wie ich 2007 zu den Festspielen gekommen bin, hat mir der damalige kaufmännische Direktor in einem der ersten Gespräche mitgeteilt, dass das mein Projekt sein wird. Nach der ersten Überraschung habe ich mir dann einen Überblick über die Notwendigkeiten verschafft, das ganze strukturiert und gemeinsam mit meinen Kollegen und den maßgeblichen Abteilungsleitern die Anforderungen an das neue Dach aufgestellt.

Gemeinsam mit unseren Fachberatern haben wir uns dann Schritt für Schritt der Sache angenähert.

Eine der Herausforderungen war die Einhaltung des Finanzrahmens, dieser durfte nicht überschritten werden. Hätte man einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, bekommt man zwar möglicherweise tolle Projekte, hat aber nicht die Sicherheit, dass das Ganze nicht doch wesentlich mehr kostet. Gemeinsam mit unserem Rechtsberater hat man sich dann dazu entschieden ein mehrstufiges Verhandlungsverfahren durchzuführen. So konnte sichergestellt werden, dass wir einerseits den Vorgaben gerecht werden, weiters die Kosten einhalten und letztlich und wahrscheinlich am wichtigsten, dass das Dach auch den architektonischen Ansprüchen gerecht wird und die Felsenreitschule in ihrem Charakter erhalten bleibt.

Insgesamt wurden fünf Projekte eingereicht, wobei von Anfang an klar war, dass das Dach weiterhin zu öffnen sein muss. Mit dem Entwurf des Bestbieters, einer Salzburger ARGE rund um die Baufirma Hinteregger und das Stahlbauunternehmen Oberhofer nach der Planung des Architekturbüros Halle 1 wurde eine optimale Lösung gefunden.

Im Grunde eine einfache Konstruktion mit drei Dachelemente die sich übereinander schieben. Verstärkt wird das ganze durch fünf Träger, die auch eingefahren werden können. Ein praktischer Nebeneffekt sind eine Vielzahl von Hängepunkte im Dach, so dass beinahe ein Schnürboden realisiert werden kann.

Ein weiteres Großprojekt der nächsten Jahre dürfte der Umbau des Großes Festspielhauses sein. Was ist hier konkret geplant?

Es wird eine brandschutztechnisches Sicherheitskonzept umgesetzt. Die zum Teil aus der Zeit der Errichtung stammende Sicherheitstechnik wird getauscht. Architektonisch soll so wenig wie möglich verändert werden. Nach unseren Plänen und Vorgaben soll also alles beim Alten bleiben. Vor allem betroffen sind die Notbeleuchtung, die Evakuierungsanlage, bis hin zur Überprüfung der Brandabschnittsbildung.

Ziel ist es die Gebäudesicherheit an den Stand der Technik anzupassen, ohne den Flair des Großen Festspielhauses zu verändern.

Das Bühnenportal des Großen Festspielhauses ist eines der besonderen Merkmale des Hauses. Es wird vom Publikum geliebt und von den Kritikern seit der Eröffnung 1960 abgelehnt. Ist auch hier eine Änderung geplant?

Es wird wie gesagt keinerlei größeren architektonische Eingriffe geben. Der stärkste architektonische Eingriff wird sein, dass die Publikumsgarderoben im Brandfall vom übrigen Foyerbereich abgetrennt werden müssen. Dies soll durch Brandschutzrollos und Brandschutzschiebetüren erfolgen.

Kommen wir nun zu Ihrer zweiten Tätigkeit. Bezieht sich das Veranstaltungsmanagement auch auf die Festspiele (Ostern, Pfingsten, Sommer) und die Mozartwoche oder nur auf sonstige Veranstaltungen?

Die Tätigkeit des Veranstaltungsmanagers betrifft sowohl die Festspiele als auch die sonstigen Veranstaltungen in unseren Häusern, bei denen der Salzburger Festspielfonds nicht als Veranstalter sondern als Vermieter auftritt.

Gerade im Sommer in der Vorbereitungszeit der Festspiele laufen oft gleichzeitig die Proben für 3-4 Produktionen gleichzeitig und gibt es außerdem noch Proben für verschiedene Konzerte. Sind Sie für die Koordination verantwortlich oder ist dies Aufgabe der Festspiele?

Bezüglich der Proben beschränkt sich die Tätigkeit meiner Abteilung darauf, dass wir die Probebühnen anmieten und Reinigung sicherstellen.

Eines der kompliziertesten Themen sind heute oft die Dekorationen. Wie ist hier die Zusammenbarbeit mit den Bühnenbildnern?

Meine Abteilung sorgt sozusagen für die Infrastruktur, die Schale, es ist die Aufgabe der bühnentechnischen Abteilung und der Ausstattung die Ideen der Bühnenbildner zu realisieren. Diese Herausforderung darf mein Kollege Andreas Zechner bewältigen, der technische Direktor.

Aber natürlich bekomme ich es mit, wenn die Forderungen eines Bühnenbildners oder Regisseurs besonders herausfordernd sind, unsere Konstrukteure im Hof stehen und rätseln, wie sie das realisieren sollen, was der Bühnenbildner wirklich will.

Ist man manchesmal gezwungen einfach auch „nein“ zu sagen, oder muß es immer eine Lösung geben?

Das ist dann der Fall, wenn jemand will, dass das Haus „umgebaut“ werden soll und bei der Felsenreitschule sind wir relativ bald beim Denkmalschutz. Da bin ich dann der, der „nein“ sagen muss.

In einem so großen Gebäudekomplex muss man ja immer mit kleineren aber auch größeren Schäden rechnen. Haben Sie hier eine „schnelle Eingreiftruppe“ im Haus oder stehen externe Firmen quasi „Gewehr bei Fuß“?

Wir haben eine Haustechnik, die jetzt im Sommer aus zwölf Personen besteht – Installateure, Tischler und Maler. Zusätzlich gibt es einen Gebäudetechniker, der für die Lüftung zuständig ist. Das ist neben dem Strom der wichtigste Bereich der in meine Verantwortung fällt. Denn ohne Lüftung gibt es keine Veranstaltung.

Können Sie unseren Lesern ein paar besonders aufregende Vorfälle schildern, die der Festspielbesucher aber dann gottlob doch nicht bemerkt hat?

Vor ein paar Jahren hat man in Salzburg gemeint, man müsste auch eine Love-Parade veranstalten. Diese zog dann durch Salzburg und auch beim Landestheater vorbei, als dort gerade geprobt wurde. Da läutete bei uns das Telefon und wurden wir aufgefordert: „Schalten Sie das ab!“. D.h. wir sollten die Love-Parade abschalten. Ein Problem sind auch die Kirchenglocken, für deren zeitweise Abschaltung wir sorgen müssen.

Ein Thema, an dem man heute leider nicht vorbei kommt, ist die Sicherheit. Bayreuth ist ja heuer zum Hochsicherheitstrakt geworden, während man in Salzburg kaum etwas merkt. Gibt es auch in Salzburg eine Verschärfung?

Der Unterschied zu Bayreuth ist jener, dass dort der Park den Festspielen gehört, während unser Hausrecht bei der Hausmauer endet. Wir bereiten uns seit Herbst darauf vor und haben hier eine sehr gute Beratungsfirma. Es ist immer die Frage, wie weit gehe ich. Es gilt hier, eine richtige Balance zu finden. Als ersten Schritt haben wir die vorhandenen Kontrollen strikter gemacht, d.h. man muß jetzt möglicherweise mehrmals die Karte vorweisen und weisen das Publikum darauf hin, dass beim Verlassen des Gebäudes in der Pause die Karte beim Wiedereintritt neuerlich vorzuweisen ist.  Wir legen auch ein besonderes Augenmerk auf Taschen und Rucksäcke. Wir haben Sprengstoffexperten des Innenministeriums vor Ort und beím „Jedermann“ wird vor jeder Vorstellung der Domplatz auch mit Sprengstoffhunden kontrolliert. Interessant ist auch folgendes: Soviel über die Poller (ausfahrbare Strassensperre – Anm.d.Red.). bei der Hofstallgasse geschimpft wurde, jetzt sind sie ganz praktisch, weil man hier die Zufahrt in den Pausen kontrollieren kann.

Zum Schluß noch eine persönliche Frage: Besuchen Sie auch Festspielvorstellungen?

Ja natürlich. Einer der maßgeblichen Gründe, warum man hier arbeitet ist, um an der Kunst teilhaben zu können.

Herr Magister, danke für das Gespräch.

Heinrich Schramm-Schiessl

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