Der Neue Merker

LYON: LA CENERENTOLA- Übernahme der Herheim-Inszenierung aus Oslo

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Copyright: Jean-Pierre Maurin

Lyon: „LA CENERENTOLA“ – Opéra. Übernahme der Herheim-Inszenierung aus Oslo  28.12.2017

Der Intendant der Opéra de Lyon, Serge Dorny, konnte seinem Publikum wohl kein schöneres Weihnachtsgeschenk bereiten, als Herheims in Co-Produktion mit dem Opernhaus in Oslo entstandene Inszenierung von Rossinis „La Cenerentola“ zu übernehmen. Diese Produktion versprüht so viel Humor, dass man sie getrost auch noch zum Jahresausklang als Silvesterprogramm präsentieren kann. Der Theatermagier Stefan Herheim, der erst vor wenigen Tagen zum neuen Intendanten des Theaters an der Wien ab der Saison 2022/23 bestellt wurde, hat wieder einmal zugeschlagen.

Die leere Bühne nach einer Vorstellung, noch bevor die Kulissen für die nächste Aufführung aufgebaut werden, das ist ihre Welt: da ist die Putzfrau der Oper die Königin der Bühne. Während sie ihrer Arbeit nachgeht, fällt ihr zum ersten Tuttischlag der Ouvertüre ein Buch fast auf den Kopf. Kein Geringerer als Gioacchino Rossini selbst, der auf einer Wolke sitzt, hat ihr das Märchenbuch mit der Geschichte von Cendrillon von Charles Perrault heruntergeworfen. Nicht ganz ohne Hintergedanken – er hat schon die ganze Besetzung für seine Oper „La Cenerentola“ zusammen, die Rolle des bösen Stiefvaters will er selbst übernehmen, nur eine Interpretin der Titelrolle fehlt ihm noch. Und es soll ja schon im wirklichen Leben vorgekommen sein, dass eine Putzfrau als Primadonna entdeckt wurde – angeblich.

Die Putzfrau beginnt zu lesen – und schon ist sie mitten im Geschehen. Der unscheinbare Kamin im Hintergrund vervielfältigt sich plötzlich und wächst zum übermächtigen Theaterportal an. Aus dem Kamin züngeln Papierflammen und die Personen der Oper steigen aus dem Kamin, während Rossini aus dem Wolkenwagen klettert. Man kennt ja Herheims Vorliebe in seinen Inszenierungen die Komponisten auftreten zu lassen (Puccini in „Madame Butterfly“ an der Wiener Volksoper und auch in „Manon Lescaut“ an der Semperoper Dresden, Tschaikowsky in „Pique Dame“ an der Niederländischen Oper Amsterdam), aber so viele Rossinis hat man wohl noch nie auf der Bühne erlebt – und natürlich ist jeder mit der für Rossini obligaten Schreibfeder ausgestattet. Nicht nur Don Magnifico erscheint als Rossini, auch der gesamt Männerchor und eine stattliche Anzahl von Statisten. So wie Rossinis Barbier von Sevilla singt „Figaro hier – Figaro dort!“ kann man das hier auf Rossini persönlich übertragen.

Stefan Herheim und seinem Team (das Bühnenbild hat Herheim selbst gemeinsam mit Daniel Unger entworfen, die knallig-bunten Kostüme stammen von Esther Bialas, das Lichtdesign von Phoenix, die Videoprojektionen von fettFilm) gelingt es in atemberaubender Weise die Handlung der Märchengeschichte dem heutigen Publikum so zu präsentieren, wie es unterhaltsamer kaum sein kann. Da beginnen die Schornsteine zu rauchen und der Rauch setzt sich zu einem Herz zusammen, das zu glühen beginnt. Da verwandelt sich Angelinas Putzwagen spektakulär in eine vierspännige Kutsche. Und wenn Angelina und Don Ramiro sich finden, bilden Blumengirlanden ein Spalier, nur um sich gleich darauf in die Zahnräder aus Charlie Chaplins „Modern Times“ zu verwandeln. Im Hintergrund prangt das Märchenschloss, das das Markenzeichen der Walt Disney Productions ist. Rossini erscheint auch schon mal als Moses und sogar als Jupiter, wenn er Angelina in einem Wolkenwagen vom Ball entführt. Dieses Feuerwerk an Ideen hält bis zum Schluss an. Aber Herheim entwickelt jede Geste und jede szenische Verwandlungsidee aus dem Puls der Musik heraus. Als man endlich denkt einem glücklichen Happy-End beizuwohnen, verwandelt sich Angelina blitzschnell wieder in die Putzfrau der Oper. Diesmal fällt ein Besen vom Bühnenboden herab. War doch alles nur ein Traum? Sie wird wohl doch noch warten müssen, bis Valery Gergiev sie entdeckt …

Michèle Loisier war eine Traumbesetzung der Titelrolle; mit ihrem dunklen, apart timbrierten Mezzosopran und sicherer Koloraturtechnik erinnert sie im Klang ein wenig an Teresa Berganza, die seinerzeit auch zu den besten Interpretinnen dieser Partie zählte. Cyrille Dubois, der in Lyon vor zwei Jahren einen ausgezeichneten Belmonte gesungen hat, zeigte als darstellerisch voll überzeugender Don Ramiro einen wunderbar hellen Klang, klare hohe Töne und viele so leicht scheinende Koloraturen. Die Doppelrolle Rossini/Don Magnifico war eine besondere Herausforderung für den auch stimmlich idealen Renato Girolami. Er bewies sich als außerordentlich komischer Schauspieler, der als Stiefvater stets böse zu Angelina war, doch als Rossini ihr im nächsten Augenblick liebevoll zublinzelte. Als fescher Kammerdiener Dandini, der einmal den großen Herrn spielen durfte, machte Nikolay Borchev beste Figur. Stimmlich sehr präsent war auch Simone Alberghini als Alidoro. Clara Meloni und Katherine Aitken waren köstlich in den Rollen der zickigen Stiefschwestern.

Der Männerchor und das Orchester der Opéra de Lyon waren gutgelaunt und bestens disponiert bei der Sache. Der Dirigent Stefano Montanari entfacht im Orchestergraben geradezu eine Sturm. Die Musik flitzte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit herum, klang jedoch nie eilig oder hastig. Der Dirigent wurde auch mehrmals in das Geschehen miteingebunden. Wenn sich Angelina und Don Ramiro bereits im ersten Duett küssen wollen, unterbricht er lautstark das Techtelmechtel und nach der Pause sitzt er auf der Bühne, genießt eine Zigarre und kehrt erst ans Pult zurück, als die anderen Mitwirkenden lautstark protestieren.

Lang anhaltender Applaus eines gutgelaunten Publikums belohnte das gesamte Ensemble nach drei kurzweiligen Stunden, wobei sich der Jubel vor allem auf Losier, Dubois und Girolami konzentrierte. Wenn Stefan Herheim dem Publikum im Theater an der Wien Produktionen von solch hoher Qualität bieten wird, dann kann sich das Wiener Publikum bereits jetzt auf dessen Direktionszeit freuen.

Walter Nowotny

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