Der Neue Merker

LÜTTICH: MANON LESCAUT von Daniel-François-Esprit Auber

Opernrarität in Lüttich:

„Manon Lescaut“ von Daniel-François-Esprit Auber (Vorstellung: 14. 4. 2016)

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Die Titelrolle verkörperte die koreanische Sopranistin Sumi Jo (Foto: Lorraine Wauters)

Nicht Giacomo Puccini, sondern Daniel-François-Esprit Auber präsentiert zurzeit die Opéra Royal de Wallonie in Lüttich mit der Oper „Manon Lescaut“, deren Uraufführung im Jahr 1856 in Paris stattfand, womit sie die erste Vertonung der Geschichte über den Chevalier Des Grieux und der Manon Lescaut des Abbé Prévost ist.

Der französische Komponist Auber (1782 – 1871) fiel schon als Elfjähriger durch eigene Kompositionen auf und wurde später ein Schüler von Cherubini. Allerdings blieb er mit seinen Bühnenwerken lange Zeit erfolglos. Erst dank der Zusammenarbeit mit Eugène Scribe gelang Auber der Durchbruch. Mit seinen Opern Léocadie (1824) und Le maçon (1825) begründete er das goldene Zeitalter der französischen Opéra-comique als „Opéra français“. Zwei seiner 47 Opern halten sich auch heute noch im Repertoire der Opernhäuser: Fra Diavolo und die Freiheitsoper La muette de Portici. Ein Zitat aus Reclams Opernführer: „Nach 1840 wandelte sich Aubers Stil einer lyrisch grundierten Opéra-comique ernsten Charakters zu, als deren Paradebeispiel ‚Manon Lescaut‘ (1856) gilt.“

Regie führte der in Lüttich geborene Paul-Émile Fourny, der zurzeit Direktor der Oper von Metz ist. Er lässt den Beginn der Liebesgeschichte in einer Bibliothek spielen. Dort treffen sich viele Studenten und ein junges Mädchen wird auf ein Buch aufmerksam, in dem der Bibliothekar blättert, wodurch sie in die Welt der Manon Lescaut eintaucht. Die letzte Szene in der Wüste wird durch ein riesiges offenes Buch mit der Landkarte von Louisiana dargestellt, wo Manon stirbt. Am Schluss schließt sich der Kreis, indem die Studentin das Buch dem Bibliothekar wieder zurückgibt.  

Die Handlung (Libretto: Eugène Scribe) verläuft ein wenig anders als bei Puccini: Manon lebt mit ihrem Geliebten Des Grieux in einer Mansarde, ihre Freundin Marguerite ist ihre Nachbarin. Neu ist die Figur des Marquis d’Hérigny, der sich Manon mit ihrer Liebe für Luxus gefügig machen will. Als Manon mit Des Grieux ein Fest im Gasthof der Madame Bancelin feiert und die Zeche nicht bezahlen kann, weil ihr Cousin das ihm anvertraute Geld beim Spiel verloren hat, bietet der Marquis seinem Rivalen Des Grieux einen Posten bei der Armee und Manon Geld an, damit sie die Rechnung bezahlen kann. Dennoch weist Manon seine Liebesbekundungen von sich, auch als der Marquis ihr seine Hilfe erneut anbietet, um Des Grieux zu retten, der beim Militär seinem Vorgesetzten gegenüber handgreiflich geworden ist. Als Des Grieux plötzlich auftaucht und den Marquis in einem Zweikampf verwundet, werden Manon und ihr Geliebter verhaftet und mit einem Gefangenentransport nach Amerika verschifft, wo ihr Marguerite mit ihrem Hochzeitskleid zur Flucht verhilft. Die beiden irren durch die Wüste von Louisiana und Manon stirbt.

Die Gestaltung der Bühne, die mit wenigen Requisiten auskommt und sich dadurch leicht und rasch verwandeln lässt, oblag Benoît Dugardyn, die zeitgemäßen Kostüme entwarf Giovanna Fiorentini, für die kreative Lichtgestaltung war Patrick Méeus verantwortlich.

Für die Titelrolle war die koreanische Sopranistin Sumi Jo engagiert, die schon vor drei Jahrzehnten ein Star war. Es fiel auf, dass sie im ersten Teil bei gesprochenen Worten kaum hörbar war, aber die Arien samt den Koloraturen bewundernswert zum Besten gab. Gegen Schluss der Pause wurde das Publikum informiert, dass sie aus Krankheitsgründen nicht mehr weitersingen kann. Sie spielte im zweiten Teil ihre Rolle auf der Bühne, während aus dem Orchestergraben die italienische Sopranistin Silvia Dalla Benetta sang. Die Vorstellung war gerettet!

Mit strahlender Stimme gab der italienische Tenor Enrico Casari Des Grieux, den Geliebten Manons, wobei er auch darstellerisch als feuriger Liebhaber zu gefallen wusste. Als sein Gegenspieler Marquis d‘Hérigny agierte der niederländische Bariton Wiard Witholt, ein Hüne an Gestalt, mit Stock und steifem Bein sehr bühnenwirksam. Manons Freundin Marguerite wurde von der belgischen Sopranistin Sabine Conzen fürsorglich lieblich dargestellt. Ihren Freund und späteren Ehemann Gervais gab der belgische Tenor Denzil Delaere. Lescaut, Manons Cousin, wurde vom belgischen Bariton Roger Joakim mit starkem Ausdruck in Stimme und Spiel dargestellt.

Die gute Ensembleleistung rundeten in kleineren Rollen noch der Bassbariton Patrick Delcour als Inspektor Renaud, der belgische Bariton Marc Tissons als Polizeikommissar Durozeau, der luxemburgische Bariton Benoît Delvaux als Sergeant und die albanische Mezzosopranistin Laura Balidemaj als Madame Bancelin ab.

Mit großer Stimmkraft wartete in mehreren Szenen der Chor der Opéra Royal de Wallonie (Einstudierung: Pierre Iodice) auf. Das Opernorchester gab unter der Leitung von Cyril Englebert die feinsinnige, aber oft auch dramatische Partitur von Auber nuancenreich wieder.  

Am Schluss minutenlang anhaltender Beifall des Publikums, der sich vor allem für die beiden Sängerinnen der Titelrolle, Sumi Jo und Silvia Dalla Benetta, hörbar steigerte.

Udo Pacolt

 

 

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