Der Neue Merker

LÜBECK: ATTILA – Attila redivivus – Jubel um Verdis „Attila“ am Theater Lübeck. Premiere

Attila redivivus – Jubel um Verdis „Attila“ am Theater Lübeck
Premiere am 21. 5. 2016
Jutta Kähler

Wie inszeniert man diesen verbalen Irrsinn, wie musiziert man diese sich bis in eine irrsinnige Groteske steigernde Musik Giuseppe Verdis? Wer mit der Handlung von Verdis „Attila“ nicht vertraut ist (und wer wäre das bei dieser selten gespielten Oper schon?), schaut immer mal schnell auf die Übertitel, um sich dann im Lübecker Großen Haus wieder dem faszinierenden Geschehen auf der Bühne zuzuwenden. So stellt uns der Chor den Hunnenkönig vor: „Geschrei, Raub, Vergewaltigung, Blutbad und Zerstörung sind Attilas Lieblingsspiel. Die Erde gehört uns, Gott des Krieges.“ „Ihr dekadenten Prahlhänse!“ schleudert Attila dem römischen General Ezio, dem ekelhaften Intriganten, entgegen.  Odabella, die Tochter des Herrschers von Aquiläa, schwärmt von ihrer Sehnsucht nach heiliger Rache. Eigentlich sind alle, ob Römer oder Hunnen unter der Führung Attilas, „der Geißel der Menschheit“  nur auf Blutvergießen, Machteroberung und Machterhalt aus, moralische Grenzen gibt es nicht, ebenso wenig eine Unterscheidungsmöglichkeit in Gut und Böse.

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Foto: Olaf Malzahn

Wie bringt man das auf die Bühne?  Es geht wohl nur so, und das zeigt dieser Abend am Lübecker  Theater in der Koproduktion mit dem Theater an der Wien (2013), wie Peter Konwitschny es uns vorführt. Wie von ihm immer wieder betont, inszeniert er werktreu, wobei Werktreue, dieser viel diskutierte Begriff, nicht Werktreue dem Buchstaben nach, sondern dem Sinn nach , den es aufzuspüren gilt, meint. Ohne oberflächliche Aktualisierungen, ohne peinlich anmutenden moralischen Zeigefinger versetzt Konwitschny  die Oper in die Bildersprache der Gegenwart und erreicht bei allem Aber-Witzigen, was auf der Bühne zu sehen ist, gerade das, was die Berechtigung von Theater im Allgemeinen und Oper im Besonderen ausmacht: dass die Zuschauer sich fragen: Wer sind wir eigentlich. Die Antwort wird nicht schmeichelhaft sein.

Dass das die Aufführung tragende Grundkonzept nicht nur theoretisch tauglich ist, sondern in der Praxis aufgeht, wird überzeugend gezeigt: Vor einem zerlöcherten Rundhorizont  stürmen Attila und seine Krieger als kleine Kinder, in Felle gehüllt die Bühne. Krieg wird zum „Kinderspiel“ mit Kochlöffeln und Klobürsten – Witzig, aber ein Witz, unter dem ein Abgrund droht, ein abgründiger Witz. Odabella mit Gitarre auf dem Rücken und einer kratzbürstigen Mädchengruppe als Gefolge, imponiert als starke Frau dem Feldherrn Attila: „Schön ist dein Zorn.“ General Ezio mit Irokesenhaarschnit , derAttila die Weltherrschaft überlassen will, wenn er denn nur Italien erhält, bläst eine Luftballonweltkugel auf und erinnert damit an Charlie Chaplins „Großen Diktator“ . Nach dem Auftritt des Papstes werden die Kinder erwachsen – Kostümwechsel, aber unter dem Smoking ist immer noch das alte „Bärenfell“ , nichts hat sich im Verhalten der Menschen geändert, sieht man von gewissen Modifikationen ab: Ein Bankett mutiert zum wilden Trinkgelage mit einem russischen Roulette, dem mehrere Frauen zum Opfer fallen. Es muss kein Bühnenblut fließen, um Schrecken angesichts dieser sich als Spiel gerierenden Brutalität zu erzeugen. Sprechblasen, vom Schnürboden herabgelassen, bringen Klarheit in das Durcheinander eines Ensembles. „Last scene of all“ –nach Shakespeare ist das die zweite Kindheit. Und so ist es nur konsequent, wenn am Schluss die Protagonisten, alt, gebrechlich, vielleicht zahnlos und blind, im Rollstuhl immer noch von Blutvergießen träumen: „Wann wird die Geißel Gottes wieder wüten?“  „Meine blutige Rache wird euch vernichten.“ Es hört nie auf, auch wenn es Odabella im vierten Versuch endlich gelingt, Attila zu erstechen. Es hört nie auf.

Ein herausragendes Ensemble verhilft dieser Inszenierung zu einem Erfolg, wie man ihn in Lübeck selten erlebt: Helena Dix wird der Partie der Odabella mit ihrem „Vatertick“  und deren immensen Anforderungen auf einem Niveau gerecht, das Bewunderung verdient und durchaus ein Etikett verdient, mit dem man mit Vorsicht umgehen sollte: Weltniveau, in der Durchschlagskraft der Stimme, in lyrischen Momenten (man denke nur an ihr „Duett“ mit den von der Bühne herabfliegenden bunten Vögelchen)  wie in Höhe und Tiefe. Ernesto Morillo als Attila steht ihr nichts nach, profunde Tiefe paart sich darstellerisch mit Herrscherattitüde wie plötzlicher Verliebtheit. In Erinnerung bleiben vor allem sein Erschrecken  in der Traumsequenz, die ihm das Ende seiner Macht andeutet, sein Erstarren in der Angst, dem er stimmlich Ausdruck zu geben versteht. Grandios auch die Bass-Bariton-Duette mit Gerard Quinn als Ezio, der in seiner Stretta mehrfach niedergeschossen wird, aufsteht und weitersingt. Alexander James Edwards gibt dem sich heldisch gebenden, in Wirklichkeit aber schwächlichen Liebhaber Odabellas zunehmend stimmliches Profil. Hyungseok Lee als Uldino und Seokhhon Moon als Leone, Bischof von Rom, werten vermeintlich kleinere Rollen in ihrer Bedeutung für die Gesamtheit der Handlung auf.

Chor und Extrachor unter der Einstudierung von Jan- Michael Krüger sind die flankierenden, tragenden Säulen dieser Aufführung. Für alle, Solisten wie Chorsänger gilt:  bis ins Letzte durchgefeilte, durchgestaltete  Personendarstellung ist sicher das Ergebnis einer intensiven, sicher nicht immer einfachen Probenarbeit.

Das Philharmonische Orchester Lübeck unter der Leitung ihres GMS Ryusuke Numajiri wird zu Recht gefeiert. Endlich darf es auch wieder einmal eine Ouvertüre bei geschlossenem Vorhang spielen, stimmt die Zuhörer mit leisen, lyrischen Passagen ein, bevor es sie mit der ganzen Kraft der Chorszenen gefangenen nimmt.

Im Gegensatz zu der Aufführung im Theater an der Wien im Jahr 2013: Kein Tumult, keine lautstarken Proteste, sondern einhelliger, lang anhaltender Jubel. Er schließt auch den Bühnenbildner Johannes Leiacker ein. Er muss auch Rainer Vierlinger, dem Assistenten Konwitschnys, gelten, auch der Dramaturgin Bettina Bartz, der Dramaturgin, die Konwitschny seit langem verbunden ist. Das von ihr konzipierte Programmheft ist eine qualitätvolle wie hilfreiche Unterstützung für den Opernbesucher.
Vielleicht wäre es auch wirklich hilfreich, in Ankündigungen einmal davon abzusehen, Peter Konwitschny als „Provokateur vom Dienst“ zu proklamieren. Was wir in Lübeck sehen konnten, war Regie-Theater auf hohem Niveau, umgesetzt von einem herausragenden Ensemble. Und es traf auf ein Publikum, das bereit ist, sich auf neue, überrumpelnde Bilder einzulassen, nach- und mitzudenken. Dann durfte am Ende gejubelt werden, trotz aller  produktiven Verstörung, die diese Inszenierung auch auslöst. Es war letztlich auch eine Annäherung an die Wahrheit menschlicher Existenz und eine Rechtfertigung der Oper in heutiger Zeit.

Jutta Kähler

 

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