Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/Forum am Schlosspark/ Gastspiel Karlsruhe: HAMLET – ein Luftschloss mit Goethe

Hamlet“ von William Shakespeare im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

EIN LUFTSCHLOSS MIT GOETHE

Badisches Staatstheater Karlsruhe gastiert im Forum am Schlosspark am 9. Dezember 2016 mit Shakespeares „Hamlet“/

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Copyright: Felix Grünschloss

Der ungarische Regisseur Csaba Polgar lässt die aktuellen Probleme mit der rechtskonservativen Regierung in Ungarn in seine Inszenierung mit einfließen. Der alte König Hamlet ist hier zwar plötzlich verstorben, ist aber bei der gesamten Inszenierung sehr präsent. Als Geist gibt ihm Ronald Funke eine unheimliche Aura. Der von Frank Wiegard wandlungsfähig verkörperte Bruder, König Claudius, verlangt ultimativ, dass in Dänemark richtig gefeiert werde. Sascha Tuxhorn mimt als Hamlet einen wilden und zornigen jungen Mann, der sich gegen diese Bestimmungen heftig auflehnt. Er versteckt sich in einem kleinen Kontrollhäuschen außerhalb der aufblasbaren Hüpfburg und schwört, seinen Vater zu rächen.

Das weiträumige Bühnenbild von Lili Izsak stellt die Burg als riesiges imaginäres Luftschloss in den Mittelpunkt des Geschehens. Es ist das Hochzeitsgeschenk von König Claudius an seine neue Frau, die von Annette Büschelberger oftmals wie in Trance und reichlich fassungslos dargestellte Königin Gertrud. Dass an den Grenzen eine große Bedrohung wächst, spürt man bei dieser Inszenierung allerdings zu wenig. Allerdings wird deutlich, wie stark die Elterngeneration ihren Kindern misstraut. Der Staat versagt, er ist den gesellschaftlichen Veränderungen nicht gewachsen. Alles versinkt im Chaos. „Sein oder Nichtsein – jetzt wird es zur Frage“ verkündet Hamlet und hält hier keinen Totenschädel in der Hand, sondern zieht wie ein ungeduldiges kleines Kind an der Hüpfburg, die er schließlich nicht mehr kontrollieren kann. Sie stürzt auch immer wieder lautlos zusammen.

Christoph Häckers Lichteffekte sind dabei bemerkenswert. Interessant ist Csaba Polgars Sichtweise auf die Musik und vor allem auf Goethes berühmtes Gedicht vom „Erlkönig“. Nicht nur der tote Geist König Hamlets rezitiert den Text: „…In seinen Armen das Kind war tot.“ In dieser Inszenierung spricht der Schauspieler nämlich nicht wie bei Shakespeare den Monolog über Priamus und Hekuba, sondern rezitiert Goethes Ballade „Der Erlkönig“. Zwischendurch erklingt Schuberts geniale Vertonung auf der E-Gitarre – und man vernimmt sogar gesungene Melodien von Gustav Mahler. Dadurch hebt sich die Handlung zuweilen stark ins Sphärenhafte und Übernatürliche ab. Diese mystischen Momente werden aber nicht konsequent durchgehalten, sondern es kommt immer wieder zu stilistischen Brüchen und Abweichungen: „Dänemark ist ein Gefängnis“. Dies zeigt vor allem der klamaukhafte Auftritt von Rosenkranz und Güldenstern (facettenreich: Maximilian Grünewald und Michel Brandt), die gleichsam den Zuschauerraum auch noch zur Bühne machen. König Claudius fordert auf der anderen Seite das Publikum immer wieder fordernd-frech heraus. Und man spürt, dass sich Unheil über ihm zusammenbraut. Das Spiel der Generationen gerät zu einer Farce von Lügen und falschen Identitäten. Diese brenzlige Situation lässt Csaba Polgar in seiner Inszenierung ausufern. Das Schauspiel im Schauspiel gerät auch in dieser ungewöhnlichen Inszenierung zum Höhepunkt des Geschehens. Durch den plötzlichen Aufbruch des Königs an jener Stelle, wo der Mörder im Schauspiel am König im Schauspiel genau so handelt wie Claudius an Hamlets Vater, bringt schließlich die schreckliche Wahrheit an den Tag, der alle Personen nicht gewachsen sind und die regelrechte Panik auslöst. Claudius verschanzt sich schreiend im Kontrollhäuschen. Es kann kein Zweifel mehr bestehen, dass der Geist die Wahrheit sprach. Sascha Tuxhorn lässt Hamlets Gewissensqualen in beklemmender Weise deutlich werden, der vor der rächenden Tat heftig zurückschreckt. Er redet seiner Mutter in einer berührenden Szene ins Gewissen und tötet schließlich Polonius (ausdrucksstark: Andre Wagner), der an der Tür gelauscht hat. Marthe Lola Deutschmann stellt das unglücklich liebende Mädchen Ophelia dar, der Hamlet keinen Halt geben kann und die er dennoch liebt. Ihr Tod im Wasser löst dann die weiteren Katastrophen aus – das macht der Regisseur Csaba Polgar in vielen Nuancen deutlich. Der tatgehemmte, reflektierende Dänenprinz schwankt in dieser Darstellung zwischen tiefer Melancholie und stürmischem Aufbruchsgeist. Als Psychopath ist er den schweren Gewissenskonflikten ebenfalls nicht gewachsen. Das zeigt das immer atemloser werdende Tempo bei dieser Aufführung. Beim Duell mit Laertes (stark emotional: Luis Quintana) sterben zuletzt Hamlet und Laertes. Und auch Königin Gertrud stirbt an einem vergifteten Trank, während König Claudius von Hamlet erstochen wird. Die aufblasbare Hüpfburg begräbt schließlich alle Protagonisten unter sich. Csaba Polgar zeigt hier die Spiegelung des Menschen, der seinen größten Aufgaben weder ausweichen noch sie vollbringen kann. Es ist in jedem Fall auch eine bewegende Katharsis im Geiste eines neuen Propheten wie Montaigne. Die Verzögerung zwischen der Aufforderung zur rächenden Tat und ihrer Ausführung erreicht hier einen schmerzhaften Siedepunkt. Das Hinauszögern in all seinen ungeheuren psychologischen Spannungen macht Sascha Tuxhorn als Hamlet plastisch deutlich. Selbst Jonathan Bruckmeier als Bernardo und Larissa Wäspy als Marzellus lassen diesen dämonischen Wandlungsprozess in diesem Kriminaldrama nicht nur bei der grausigen „Mausefalle“ deutlich werden: „Ihr solltet vernehmen von Ehebruch, von Schändung, und von Mord, und wie von ihrem bösen Planen die Bosheit selbst zerstört wird.“ Allerdings kommt bei der Inszenierung etwas zu kurz, wie komplex, vielschichtig und rätselhaft Hamlets Charakter eigentlich ist. Marthe Lola Deutschmann lässt Ophelias Verhalten in grellem Licht erscheinen. Sie fügt sich willenlos den herrischen Befehlen des Vaters, versucht jedoch auch zu spionieren.

Die unbedingte Gehorsamspflicht im Zeitalter der autoritären Königin Elisabeth wird von Csaba Polgar gleichsam karikiert und bloßgestellt. Hamlet nimmt seiner Mutter Gertrud vor allem übel, dass sie das Ehebett mit dem Bruder des toten Gatten blutschänderisch teilt. Dass sie den Mörder des Gatten zum Gemahl nahm, ist dabei weniger wichtig. Annette Büschelberger kann diesen Zwiespalt in den gewaltigen Auseinandersetzungen mit dem heftig aufbegehrenden Sohn mit tragischer Konsequenz darstellen. Die Darstellung ruheloser Geister nimmt in dieser Inszenierung breiten Raum ein, sie war ja im elisabethanischen Zeitalter üblich. Die Gaukeleien des Teufels manifestieren sich übrigens auch bei den skurrilen Geschehnissen in der obskuren Hüpfburg. Alles in allem ist Csaba Polgar hier eine Inszenierung gelungen, die den musikalisch-rhythmischen Fluss der Silben stark berücksichtigt. Dadurch erhält man eine neue Sichtweise auf dieses berühmte Stück der Weltliteratur. Den fehlenden Totenschädel vermisst man so nicht.

Alexander Walther

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