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LUDWIGSBURG/ Schlosspark: LE NOZZE DI FIGARO – „die Diener werden die Herren sein“

LUDWIGSBURG/ Schlosspark: LE NOZZE DI FIGARO – DIE DIENER WERDEN DIE HERREN SEIN. Am 7.12.2013

Wolfgang Amadeus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe am 7. Dezember 2013 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

Unbenannt
Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe/Kaesler

Laut einem zeitgenössischen Zeitungsschreiber hat Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ bei ihrer Uraufführung ganz und gar nicht gefallen. Dies kann man aufgrund der unendlichen Melodienfülle und des unbändigen harmonischen Temperaments kaum glauben. Und auch das Badische Staatstheater Karlsruhe hat bei der Inszenierung von Pavel Fieber hier viel zu bieten. Der talentierte Regisseur verfrachtet das Stück in die vorrevolutionäre Zeit und lässt auch die komisch-satirischen Momente des „tollen Tages“ nach Beaumarchais rasant Revue passieren. Allerdings sieht man im letzten und stärksten szenischen Bild eine drohende Guillotine im Hintergrund – die französische Revolution lässt dabei den Adel bereits blutig und gespenstisch grüßen. Das Bühnenbild wird hier gleichsam mit brachialer Gewalt aufgerissen. Das ist spannend. Dieser Einfall wirkt bei der Inszenierung, die noch aus dem jahr 2001 stammt, mit Abstand am überzeugendsten. Die Diener werden eindeutig zu Herrschern über den Adel gemacht.

Andrew Finden verkörpert den Grafen Almaviva mit sonorem Timbre und kernigem Bariton, der sich immer wieder voluminös steigert. Er ist ein typischer Vertreter des absolutistischen Zeitalters und möchte über seine Untertanen widerspruchslos herrschen. Liebesabenteuern ist er natürlich nicht abgeneigt, und so versucht er die von Agnes Helen Schwebler mit weichen und virtuosen Figurationen gesungene Susanna zu verführen. Gut kommt in dieser Inszenierung mit dem opulenten Bühnenbild von Christian Floeren zum Vorschein, wie wenig der Graf dabei auf die verletzten Gefühle seiner Gemahlin achtet. Christina Niessen singt die Gräfin sehr ebenmäßig, aber auch mit strahlkräftigen Spitzentönen. Die Todesnähe, Hoheit und Vereinsamung in der Cavatina „Porgi amor“ kann man nicht vergessen. Intrigen und Verwechslungen werden bei der Aufführung präzis und grell herausgearbeitet, steigern sich mit atemlosem dramaturgischen Tempo. Keiner weiß schließlich mehr, wer Betrüger und Betrogener ist. Letztendlich muss der Graf jedoch klein beigeben und seine Gemahlin zuletzt um Verzeihung bitten. Was besonders auffällt, ist aber auch Figaros Aufsässigkeit, die wiederholt heftig hervorbricht – von Lucas Harbour facettenreich gespielt und gesungen. Am Schluss des zweiten Aktes überfällt er den Grafen mitten im Finale und fordert den Vollzug der Hochzeitszeremonie. Nach den wichtigen Bassschritten des plebejischen Marsches schlägt Figaro dann den schärfsten Ton in seiner berühmten dritten Kavatine an, bei der Lucas Harbour in der Titelrolle mit voluminösem Bass ganz aus sich herausgeht und das Publikum für sich gewinnt. Höhen und Tiefen der Charakterdramatik werden hier voll ausgelotet.

Die Schönheit der melodischen Linie paart sich bei der einfühlsamen und feingliedrigen Wiedergabe durch die fulminant musizierende Badische Staatskapelle unter der impulsiven Leitung von Steven Moore mit glitzernden Arabesken und Kaskaden, die die historischen Kostüme von Götz-Lanzelot Fischer nahezu zu illustrieren scheinen. Durch ein Abrutschen des Figaro-Basses nach g-Moll und das energische Eingreifen Susannas erscheint alles in einem durchaus nicht mehr harmlosen Licht. Doch gerade die satirischen Momente arbeitet der umsichtige Dirigent Steven Moore plastisch heraus. In das herrschende Es-Dur platzt Figaro mit einem lustigen G-Dur-Satz hinein. In C-Dur stellt ihn der Graf zur Rede, in F-Dur torkelt der Gärtner Antonio ins Zimmer.

Dynamische Kontraste werden bei dieser feinnervigen Interpretation großgeschrieben. Die stärksten Momente ergeben sich beim Septett-Ensemble, wenn sich die dramatischen Energien zum Prestissimo-Taumel steigern. Da lodert Feuer über die Rampe! Und die Ensembles bilden die Schwerpunkte der Aktion, was der Badische Staatsopernchor sehr packend zu Gehör bringt (Hammerklavier: Julia Simoyan). Im plötzlichen Zusammentreffen der Situationen und Konstellationen zeigt sich die Geistesgegenwärtigkeit der Personen – und die Präsenz der Mozartschen Musik. Harmonische Vielschichtigkeit blitzt unter dem Dirigat von Steven Moore immer neu hervor. Der beispiellose Fandango-Marsch des Hochzeitszuges bleibt ebenfalls stark im Gedächtnis. Aus dem komplexen Spiel wird so bald ein Chaos, das sich in einem stürmischen Stretta-Schluss im Finale auflöst. Auch der Wechsel der Motive wird hervorragend betont, er löst die entscheidende Aktion aus. So gewinnt Mozarts Musik eine elektrisierende Aktualität und befreiende Beweglichkeit. Auch die konzertanten Bläsereinschaltungen beeindrucken die Zuhörer aufgrund ihrer plastischen Intensität. Und schon in der Ouvertüre löst eine Figur die andere ab. Das ungehaltene Drängen des Grafen nach Versöhnung erhält eine immer deutlichere Intensität, die unter die Haut geht. Das Orchester übernimmt auch oftmals die Führung und schreibt den Weg vor. Sprudelnde Lebendigkeit wird ausgezeichnet verdeutlicht. Sprühende Laune mündet in einen Wirbel, der auch dieser streckenweise etwas altbackenen Inszenierung neues Leben einhaucht. Im Unisono der Streicher können sich die Leitmotive mit Hilfe des frech dazu kichernden Fagotts bestens behaupten. Da ist ein Wirbel, der die Szene völlig beherrscht. Der pochende Grundrhythmus erklingt wie eine Obsession unablässig in den Hörnern.

In weiteren Rollen gefallen Dilara Bastar als Cherubino, Hatice Zeliha Kökcek als Marcellina, Dietrich Volle als Arzt Bartolo, Max Friedrich Schäffer als Richter Don Curzio, Wolfram Krohn als Gärtner Antonio, Lydia Leitner als Barbarina sowie Cornelia Gutsche und Uta Hoffmann als die beiden Bauernmädchen.

Fazit: Trotz einiger musikalischer Hänger und szenischer Ungereimtheiten ist dies eine durchaus erfrischende Version von Mozarts „Figaros Hochzeit“, deren Aktualität und Spielwitz man aber durchaus noch lebendiger und transparenter hätte herausarbeiten können. Stefan Neubert hat mit dem Chor ganze Arbeit geleistet: Er klingt wunderbar kompakt und durchsichtig.

 Alexander Walther

 

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