Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Schlossfestspiele: JEAN GUIHEN QUEYRAS und ALEXANDRE THARAUD – rhythmisch prägnant angehoben

Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

RHYTHMISCH PRÄGNANT ABGEHOBEN

Jean-Guihen Queyras (Cello) und Alexandre Tharaud (Klavier) am 17. Mai 2017 im Ordenssaal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen/LUDWIGSBURG

Mit rhythmisch abgehobenem kontrapunktischem Schliff wurde hier schon bei Johann Sebastian Bachs Sonate D-Dur BWV 1028 für Viola da gamba und Cembalo musiziert. Jean-Guihen Queyras (Violoncello) und Alexandre Tharaud (Klavier) ließen die Melodielinien regelrecht aufblühen. Vor allem die Terzen und das parallele Thema konnten sich so gut entfalten. Auch das Kopfmotiv des Klaviers erhielt schillernden Klangfarbenreichtum. Im Andante imponierte der weitausschwingende Siciliano-Satz mit seiner großen melodischen Reife und Schönheit. Das thematische Geschehen verdichtete sich so in ergreifender Weise. Konzertante Elemente triumphierten dann im Schluss-Allegro, wo Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud um die Wette spielten. Eine Fülle von Motiven wurde dabei wie zu einem imponierenden Blumenstrauß zusammengebunden, Dreiklangsbrechungen und Oktavsprünge steigerten den emotionalen Reichtum dieser klanglich differenzierten Interpretation. Auch der Reprisenanlauf auf der Subdominante besaß enorme Schwungkraft. Ausgezeichnet war dann auch die robust-kämpferische Wiedergabe der Sonate d-Moll op. 40 für Violoncello und Klavier von Dmitri Schostakowitsch. Der Zauber russischer Foklore blitzte hell auf. Eine in weiten Intervallen geführte Melodik wurde vor allem von Jean-Guihen Queyras mit festem Bogenstrich akzentuiert. Die Klangwellen hallten in beeindruckender Weise nach. Scharfe Harmonik und abrupte Modulationen gipfelten immer wieder in heftigen emotionalen Ausbrüchen. Orientalische Klangfelder zeigten ihre Zauberkraft im zweiten Moderato-Satz. Der große Atem beherrschte auch das einfühlsame Klavierspiel von Alexandre Tharaud. Das Groteske überraschte dann im Finale mit rasanten Staccato-Attacken. Das gebannt lauschende Publikum war gefesselt. In einer subtilen Bearbeitung für Violoncello und Klavier erklangen nach der Pause die vier Stücke op. 5 für Klarinette und Klavier von Alban Berg. Wie stark sich Berg hier von der Tonalität löste, machten die beiden Solisten in hervorragender Weise deutlich. Lyrisch-dramatische Passagen blitzten euphorisch auf. Die Nähe zu Arnold Schönbergs sechs kleinen Klavierstücken war hier unüberhörbar. Der eigenartige Stimmungsreiz verdichtete sich.

Zum Abschluss begeisterte noch die mitreissende Wiedergabe der Sonate Nr. 1 e-Moll op. 38 für Violoncello und Klavier von Johannes Brahms. Kantabilität und Klangfülle beherrschten vor allem den Kopfsatz, wo Jean-Guihen Queyras die tiefen Register des Violoncellos voll auskostete. So entwickelte sich das singende Hauptthema in beglückender Weise. Das Seitenthema mit seinem Quart-Auftakt unterstrich die pendelnde Melodik um die Moll-Terz. Crescendo und Decrescendo erhielten eine feine Ausdrucksbalance, die nie ihr Gleichgewicht verlor. Arpeggierte Orgelpunktklänge des Cellos stachen facettenreich hervor. Auch die mittleren und hohen Lagen des Allegrettos in a-Moll wurden von Queyras und Tharaud glanzvoll ausgekostet. Chromatische Varianten im Trio leiteten zum prachtvollen Fugato des Finales über, dessen überaus temperamentvolle Themen nur so hervorsprudelten. Die Nähe zu Bachs „Kunst der Fuge“war unüberhörbar. Rhythmische Spannungen korrespondierten mit kontrapunktischen Kräften in beglückender Weise.

Als Zugaben begeisterten noch Franz Schuberts „Nacht und Träume“ sowie Fritz Kreislers „Liebesfreud“.

Alexander Walther

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