Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: WÜRTTEMBERGISCHE PHILHARMONIE REUTLINGEN

Württembergische Philharmonie Reutlingen im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

EINE DÜSTERE EMPFINDUNGSWELT

Württembergische Philharmonie Reutlingen am 27. November 2016 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

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Marianna Shirinyan. Copyright: Nikolai Lund

Unter der kompetenten Leitung des in St. Petersburg geborenen Dirigenten Daniel Raiskin musizierte die Württembergische Philharmonie Reutlingen zunächst die spannungsgeladene Ouvertüre zu „Manfred“ op. 115 von Robert Schumann. Düster-dämonische Leidenschaft setzte sich bei dieser Wiedergabe durch. Man merkte sofort, mit welcher Konsequenz sich Schumann in Manfreds düstere Empfindungswelt versetzte. Das erschütternde Seelengemälde des Helden trat so voll zutage und hinterließ einen aufwühlenden Eindruck. Es war ein schmaler Grat zwischen zwiespältiger Zerrissenheit und vernünftiger Entschlossenheit. Aufgrund der inzestuösen Liebe zu seiner Schwester Astarte wurde Manfred seines Seelenfriedens beraubt – und auch die Beschwörung des Geisterfürsten Arimanes gewährte ihm nicht die Vergebung seiner Schuld. So endete der Held im Selbstmord. Die starken dynamischen Kontraste arbeitete Raiskin energiegeladen heraus. Es entstanden düstere Klänge zwischen heftigem Fortissimo und klagendem Pianissimo. Die 1978 in Armenien geborene Pianistin Marianna Shirinyan interpretierte anschließend das Klavierkonzert in a-Moll op. 16 von Edvard Grieg. Es war eine ausgesprochen lyrische Wiedergabe, die auf Details großen Wert legte. Die Gegenüberstellung zweier Themen im ersten Satz wurde von der begabten Pianistin ausgezeichnet herausgearbeitet, die Nähe zu Schumann blieb spürbar. Und auch die Abweichung ins Lyrisch-Rhapsodische kam hier nicht zu kurz. Im Adagio triumphierten in wunderbarer Weise die herb-innigen Volksliedmelodien. Urwüchsig stürzte sich der dritte Satz in sein eigenwillig-tänzerisches Hauptthema, dessen Intensität nie nachließ. Spielerische Verwandlung wurde großgeschrieben. Als zweites Thema begann ein liebliches nordisches Lied. Hymnische Pracht beendete das Werk bei dieser glanzvollen Wiedergabe. Opfer des Antisemitismus unter Hitler und Stalin war der 1919 in Polen geborene und 1996 gestorbene Mieczyslaw Weinberg, der einen großen Werkkatalog hat. Seine Sinfonie Nr. 4 op. 61 wurde von der Württembergischen Philharmonie Reutlingen sehr einfühlsam und temperamentvoll interpretiert. Die vierte Sinfonie ist die erste Sinfonie, die Weinberg nach seiner Freilassung aus Stalins Gefängnissen im Jahre 1957 komponierte. Daniel Raiskin unterstrich als Dirigent die enorme Vitalität dieses Werkes, das deutlich an Schostakowitsch erinnert. Die Virtuosität eines Orchesterkonzerts wurde hier mit ungestümer Wucht beschworen, was Toccata, Serenade, Intermezzo und Rondo unterstrichen. Das Hauptthema des Kopfsatzes erinnerte an eine Toccata. Und die melancholische Klarinettenmelodie des Allegretto wurde dabei eindringlich an die Geigen weitergegeben. Das Horn agierte im dritten Satz ausgesprochen solistisch. Und der Gesang der Celli mit Pizzicato-Begleitung beeindruckte die Zuhörer aufgrund der schwelgerischen Emphase. Das Cello erinnerte an ein Wiegenlied, während die Klarinettenmelodie des zweiten Themas an jüdische Folklore gemahnte. Das Rondo-Finale geriet zum Höhepunkt dieser ausgelassenen und mitreissenden Interpretation. Sein freches Thema geht wohl auf das russische Volkslied „Perepjolotschka“ („Die kleine Wachtel“) zurück. Insbesondere das Fortissimo-Ende dieser Sinfonie wurde ganz ausgezeichnet interpretiert.

Alexander Walther

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