Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: VESSELINA KASAROVA – Rossini vom Feinsten

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: Vesselina Kasarova – ROSSINI VOM FEINSTEIN

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Vesselina Kasarova. Copyright: Suzanne Schwiertz

Vesselina Kasarova gastierte im Forum am Schlosspark Ludwigsburg am 27. November 2015

1991 debütierte Vesselina Kasarova als hochbegabte Mezzosopranistin bei den Salzburger Festspielen und der Wiener Staatsoper. Seitdem stieg ihr Stern wie ein Komet nach oben. Von der enormen Wandlungsfähigkeit dieser Sängerin konnte man sich wieder einmal im Forum zusammen mit dem glänzend disponierten Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der einfühlsamen Leitung von Ruben Gazarian überzeugen. Gleich zu Beginn gefiel die glanzvoll musizierte Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Mitridate, re di Ponto“, wo der thematische Reichtum nur so hervorblitzte. Mithridates, der König von Pontos, hatte zwei Söhne, die sich beide in die Auserwählte des Vaters verliebten. Vesselina Kasarova machte mit wunderbar weichem, aber auch kraftvollem Timbre den Verrat am Vater und die herausgestoßene Wut der Protagonisten deutlich. Der Geist der Opera seria wurde so äusserst ausdrucksvoll beschworen – und die dynamische Spannungskraft ließ bei der Arie „Venga pur, minacci e frema“ nie nach. Ebenso konnte die Arie „Vadasi…o ciel! – Gia dagli occhi il velo e tolto“ aufgrund der gesanglichen Tragfähigkeit das Publikum fesseln. Und Rezitativ und Arie „Ecco il punto – Non piu di fiori vaghe catene“ aus Mozarts Oper „La clemenza di Tito“ bestach mit nie nachlassendem Elan und reifer Tiefe des Ausdrucks. Die Tochter des Kaisers Vitellius zettelt hier eine Verschwörung gegen Titus an und gewinnt dafür auch dessen Vertrauten Sextus, der sie liebt. Die Stadien des psychischen Verlaufs machte Vesselina Kasarova bei ihrer kraftvollen Wiedergabe exzellent deutlich. Dies kam auch beim beeindruckenden Dialog der Sängerin mit dem Bassetthorn zum Ausdruck. Die zentrifugalen Kräfte zeigten gerade bei den Verzweiflungsausbrüchen eine enorme Präsenz. Den Kantilenen gewann diese Ausnahmesängerin hier jedenfalls immer neue und aufregendere Klangfacetten ab. Melodisch-harmonische Stabilität ließ nichts zu wünschen übrig. Und auch bei der musikalischen Charakterzeichnung setzte Vesselina Kasarova Glanzlichter.  Die enorme Kunst des Belcanto blühte ebenfalls leuchtkräftig bei ihrer Wiedergabe von Rezitiativ und Arie „Eccomi alfine in Babilonia! – Ah, quel giorno ognor rammento“ aus Gioacchino Rossinis Oper „Semiramide“ auf. Zittern, Beben und pfeilschnelle Bewegungen im Ostinato und Crescendo wurden von Vesselina Kasarova mit elektrisierender Klarheit verkörpert. Atemlos hereinbrechende Themen meisterte sie zusammen mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der furiosen Leitung von Ruben Gazarian atemlos und rasant – geriet bei den vorwärtsdrängenden Stretta-Passagen aber nie außer Atem. Ein wahres Kunststück. Aus zarten Anfängen erwuchs hier ein gewaltiges Orchestercrescendo, das Vesselina Kasarova einfühlsam und geschickt aufgriff. Und auch die Lustspiel-Themen mit dem raschen Reigen erklangen in reizvoller Weise. Glitzernde Holzbläserthematik, virtuose Horn-Stellen, ariose Andante-Zwischenspiele, raffiniert-prickelnde Rhythmen und zündend-feurige Marsch-Akzente waren allesamt auch in Vesselina Kasarovas Stimme nuancenreich herauszuhören. Sie erreichte eine starke Tiefe in ihrem leidenschaftlichen Gesang, der auch die Mezza-voce-Technik nicht verleugnete. Insofern vereinte sie bei ihrer grandiosen Wiedergabe ein ganzes Orchester in ihrer Gesangsstimme. Ruben Gazarian arbeitete bei Gioacchino Rossinis Ouvertüre zu „Il signor Bruschino“ die kontrapunktischen Künste mitsamt Tremolo- und Pizzicato-Effekten in bemerkenswerter Weise heraus. Ein orchestrales Schmuckstück war außerdem das Finale „La casa del diavolo“ aus der Sinfonie Nr. 6 in d-Moll von Luigi Boccherini, einem erschreckenden Blick in die Hölle. Don Juan wird dabei als verführerischer Liebhaber in chromatischen Auf- und Abgängen in wilder Weise zum Satan geschickt. Zum Abschluss interpretierte das Württembergische Kammerorchester Heilbronn Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550 – sehr feurig und dicht gedrängt. Vor allem das Finale war eine Wucht. Zwischen dem chromatischen Quartfall behauptete sich die dämonische Erregung hier immer mehr und heftiger. Sogar Anklänge an Beethovens fünfte Sinfonie ließen sich bei dieser Wiedergabe nicht verleugnen. Unerbittlichkeit strahlte ebenso die g-Moll-Coda aus. Erdenfern wirkte ferner das Andante mit seiner sehnsüchtigen Melodie und dem melancholischen Hornklang. Im Kopfsatz fiel der chromatische Quartfall ebenfalls auf – auch das chromatische Absinken der Holzbläser meisterte das Orchester ausgezeichnet. Insbesondere für Vesselina Kasarova, aber auch für den Dirigenten Ruben Gazarian gab es zuletzt wahre Ovationen. Ein herausragender Konzertabend und ein weiterer Triumph für die gebürtige Bulgarin und Wahlschweizerin, die eine meisterhafte Mezzosopranistin ist. 

Alexander Walther

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