Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: VERTIGO 20 von Noa Wertheim mit der Vertigo Dance Company

Vertigo Dance Company im Forum am Schlosspark Ludwigsburg: VERTIGO 20 von Noa Wertheim
MOMENTAUFAHMEN IN ZEITLUPE – am 20.10.2017
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Copyright: Gadi Dagon

Vom Realen in übersinnliche Sphären entführt die israelische Choreografin Noa Wertheim ihr Publikum bei „Vertigo 20“. Sie schaut kaleidoskopartig und temporeich auf zwanzig Jahre ihres Schaffens zurück – zuweilen scheint sie ihr gesamtes Leben zwischen Momentaufnahmen in Zeitlupe und Luftballons Revue passieren zu lassen. Vor einer kalten Betonkulisse bewegen sich die Tänzer mit toupierten Haaren und Renaissance-Kostümen, die in eine vergangene Welt entführen. Sie setzen zu gewaltigen Sprüngen an oder klettern rasant die Wände hoch. Eine surreale Atmosphäre beleuchtet hier Beziehungen in einer geheimnisvollen Weise. Diese Szenen fließen auch deutlich vom Privaten ins Öffentliche, die Rituale besitzen immer wieder eine verborgene Melancholie. Dazu trägt die irisierende Musik von Ran Bagno bei. Noa Wertheim erkundet im Tanz das, was bereits existiert in der Natur und in den Körpern. Die Körper geraten hier auch immer wieder unter enormen Druck, Freiheit und Zwang ergänzen sich machtvoll. Zwischen Luftballons spielt ihre Arbeit auch geheimnisvoll auf die Judenghettos an, wo sich Menschen in einer geschlossenen Zone befinden.

„Vertigo“ bedeutet im Lateinischen eigentlich Umdrehung oder Schwindel – und tatsächlich befinden sich die Tänzer auch in einem schwindelerregenden Zustand, der nicht nachlässt. So sieht man, wie in einer Szene die Gruppe einem Tänzer mit Stöcken zu Leibe rückt und seine Bewegungen ganz gezielt lenkt. Wie eine Marionette lässt er sich dirigieren. Das erzeugt zusätzliche Spannungsmomente, die unter die Haut gehen. Der Boden schwankt hier unter den Füßen. Die Tänzer kreisen so lang, bis sie die Kontrolle verlieren und in einen Taumel geraten. Das ist beeindruckend. Diese Bewegungssprache ist organisch, expressiv und ungemein energetisch. Anklänge an den israelischen Folkdance sind zu erkennen – aber auch asiatische Techniken wie Tai Chi fließen ein. Die Schwerkraft wird ganz bewusst genutzt, um sich mit der Erde zu verbinden. Der Körper gibt in grandioser Weise seine Energie frei. Und diese freiwerdende Energie überträgt sich dann auch in fulminanter Weise auf das Publikum. Die Spannung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv, zwischen Mann und Frau steigern sich in bemerkenswerter Weise. Aber auch der Zweifel an der menschlichen Natur wird hier tänzerisch in bezwingend-berührender Art umgesetzt. Ovationen.

Alexander Walther

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