Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: Marie Radauer-Plank und das Stuttgarter Kammerorchester – „Feine Nuancen und Arabesken“

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Marie Radauer-Plank. Copyright: Marco Borggreve

FEINE NUANCEN UND ARABESKEN
Marie Radauer-Plank und das Stuttgarter Kammerorchester am 6.12.2017 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

Telemann war doch ein Programm-Musiker. Das Stuttgarter Kammerorchester musizierte unter der einfühlsamen Leitung des Konzertmeisters Bogdan Bozovic wie aus einem Guss. Gleich bei der temperamentvoll musizierten Suite in B-Dur TWV 55:B5 „Les nations“ („Die Nationen“) von Georg Philipp Telemann ging richtig die Post ab. Man war überrascht, wie modern die Musik Telemanns hier wirkte. Harmonisch nach französischem Vorbild angelegt, lässt Telemann nach dem Eröffnungssatz und einem Menuett-Intermezzo vier Nationen akustisch facettenreich in Erscheinung treten. Die Türken wurden auch vom Stuttgarter Kammerorchester mit atemlosem Temperament dargestellt, die Schweizer erschienen hier als zögerlich und geschäftig zugleich. Das Kreml-Glockengeläut beschrieb dann den Charakter der Russen, was das Stuttgarter Kammerorchester mit ungestümer Rasanz und Charakterisierungsreichtum darstellte. Und die Portugiesen wirkten bei dieser Wiedergabe leidenschaftlich-wehmütig und sprunghaft zugleich.

Nach der anstrengenden Reise durch die Türkei, Schweiz, Russland und Portugal waren die Pferde dann derartig erschöpft, dass sie nur noch hinkend („Les Boiteux“) vorankamen, was das Stuttgarter Kammerorchester nuancenreich interpretierte. Bei der nächsten Poststation konnten die ermüdeten Rappen gegen ausgelassene Rennpferde („Les Coureurs“) eingetauscht werden. Die einander überschneidenden Zeitstile und die polyphone Satzweise sowie die galanten Passagen blitzten grell und erfrischend hervor. Die in Salzburg geborene und vielfach ausgezeichnete Geigerin Marie Radauer-Plank (die auch mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker musizierte) interpretierte dann zusammen mit dem sensibel musizierenden Stuttgarter Kammerorchester unter Bogdan Bozovic „Le quattro stagioni“ („Die vier Jahreszeiten“) op. 8 von Antonio Vivaldi, dem rothaarigen Mädcheninternatslehrer. Schon das Concerto in E-Dur op. 8,1 „Der Frühling“ besaß festliche Klangpracht und klare Al-fresco-Wirkungen. Vollendete formale Ausgeglichenheit und ein virtuos-beweglicher Bogenstrich kennzeichneten das feurige Spiel von Marie Radauer-Plank, die die Reize der italienischen Instrumentalmusik in beflügelnder Weise auslotete. Die Girlanden und Arabesken sprudelten hier nur so hervor. Elemente weltlicher und kirchlicher Musik schienen dabei zu triumphieren. Der subjektive Empfindungsausdruck dominierte außerdem bei Marie Radauer-Planks Wiedergabe von „Der Herbst“ (Concerto F-Dur op. 8,3) und vor allem „Der Winter“ (Concerto f-Moll op. 8,4), wo die reizvolle thematische Entwicklung ausgezeichnet betont wurde. Die Dynamik des Gesamtablaufs ging so nicht unter. Insbesondere der Wechsel von Tutti und Solo sowie das Spiel mit den Paralleltonarten beeindruckte die Zuhörer. Melodische Intensität und dynamische Spannungen hielten sich die Waage. Die poetische Größe dieser Wiedergabe gefiel vor allem beim „Winter“ („L’Inverno“), dessen Pizzicato-Tupfer tief im Gedächtnis blieben. Man schien die klirrende Kälte förmlich zu spüren. Auch die sich abwechselnde Solo- und Ritornell-Struktur wurde ausdrucksvoll herausgearbeitet. Insbesondere die Faszination der Naturschilderungen ging hier nicht unter. Viele strukturelle Reize besaß auch die dezent-durchsichtige Wiedergabe des Concerto grosso D-Dur Nr. 12 op. 5 „La follia“ von Francesco Geminiani, wo sich Themen und Motive zu einem eindringlichen Klangkosmos vereinigten.

Das Stuttgarter Kammerorchester akzentuierte die harmonische Kunstfertigkeit mit nie nachlassendem Elan, wobei auch die Modulationsfähigkeit und die chromatischen Akkorde subtil hervorstachen. Es war ein konzertantes Fest und ein bewegender musikalischer Ohrenschmaus, der das Publikum bei dieser Wiedergabe erfreute. Schroffe Unisono-Passagen korrespondierten in reizvoller Weise mit akustischen Kaskaden, deren brodelnde Rhythmik die Zuhörer fesselten. Herzlicher, auch begeisterter Schlussapplaus.

Alexander Walther

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