Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark: KONZERT JUNGE DEUTSCHE PHILHARMONIE – Jonathan Nott / Michelle Breedt

Junge Deutsche Philharmonie im Forum am Schlosspark Ludwigsburg: MIT FRISCHEM SCHWUNG am 10. März 2017

Sieben Walzer und ein Epilog sind in Maurice Ravels Suitenwerk „Valses nobles et sentimentales“ aus dem Jahre 1912 vereint, das die Junge Deutsche Philharmonie unter der impulsiven Leitung von Jonathan Nott mit frischem Schwung interpretierte. Der Dreivierteltakt knisterte an allen Ecken und Enden. Die Stimmungsgegensätze der einzelnen Walzer wurden dynamisch facettenreich herausgearbeitet. Ein gewisser parodistischer Unterton fehlte nicht. Die Besonderheiten des Klanges, der Melodie und des Rhythmus stachen grell und farbenreich hervor. Glitzernde Lichteffekte und raffinierte chromatische Prozesse ergänzten sich glanzvoll gegenseitig.

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Michelle Breedt. Copyright: Agentur

Die Bayreuth-erfahrene Mezzosopranistin Michelle Breedt interpretierte dann ausdrucksstark die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler, die er 1904 auf Texte von Friedrich Rückert komponiert hat. Der Erlanger Professor Rückert beklagt in diesen Versen den Tod seiner Kinder, die in kurzer Zeit von einer heimtückischen Krankheit getötet wurden. Die fünf Gesänge verbinden Trauer mit Gefasstheit, was Michelle Breedt in hervorragender Weise traf. Der beständige Wechsel zwischen Dur und Moll schimmerte in ihrer Wiedergabe auf. So gingen die einzelnen Nummern „Nun will die Sonn‘ so hell aufgehn“, „Nun seh ich wohl, warum so dunkle Flammen“, „Wenn dein Mütterlein“, „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen“ und „In diesem Wetter, in diesem Graus“ nahtlos ineinander über und ergänzten sich gegenseitig. Insbesondere der harmonische Fluss wurde von Michelle Breedt sehr gut und überzeugend betont. Wenig später starb Mahlers eigene Tochter. Die Lieder wirken deswegen wie eine dunkle Vorahnung und wurden auch so interpretiert.

Zum Abschluss erklang dann Dmitri Schostakowitschs ironisch wirkende Sinfonie Nr. 15 A-Dur op. 141, die nicht nur Rossinis „Wilhelm Tell“, sondern auch Wagners „Tristan“ und „Walküre“ mit dem Schicksalsmotiv zitiert. Gewaltige orchestrale Ausbrüche korrespondieren hier mit schwierigen solistischen Einlagen der einzelnen Instrumente bis hin zum irisierenden Glockenspiel, was von den jungen Musikern bewundernswert bewältigt wurde. Humanismus, unbändiges Temperament und Liebe zu den Menschen zeigen sich nicht nur bei Mahler, sondern auch bei Schostakowitsch, was Jonathan Nott mit der Jungen Deutschen Philharmonie plastisch betonte. Großflächige sinfonische Dimensionen wie etwa bei der fünften oder elften Sinfonie treten hier eher zurück. Es kommt zu vielen reizvollen kammermusikalischen Details, die die Junge Deutsche Philharmonie in bemerkenswerter Weise hervorhob. Einflüsse von Elgar, Sibelius, Tschaikowsky bis hin zu Prokofjew machten sich dabei bemerkbar. Starke zeitliche Zerdehnung zeigte sich insbesondere in den langsamen Sätzen mit ihrem seltsamen Zeitlupen-Charakter. Selbst das B-A-C-H-Motiv war auszumachen. Interessant ist ferner, dass  Schostakowitsch dieses Spätwerk im Krankenhaus schrieb. So wird mit dem Schlagzeug der Rhythmus jener Herz-Lungen-Maschine angedeutet, an die er angeschlossen war. Die 15. Sinfonie entstand 1972, der Komponist starb wenige Jahre später. Die weitgespannten Melodien und die modulatorische Kühnheit der Partitur akzentuierte der Dirigent Jonathan Nott mit den äusserst engagierten jungen Musikern in exzellenter Weise. Es scheint fast, als ob sich Schostakowitsch hier von der stalinistischen Diktatur endgültig befreit hat. Selbst die volkstümliche Tonsprache fehlt nicht. Große Begeisterung  des Publikums.

Alexander Walther

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