Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum Schlosspark DON KARLOS von Schiller als Gastspiel des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

 „Don Karlos“ von Schiller mit dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden im Forum am Schlosspark Ludwigsburg: ALLES BLEIBT DUNKEL

„Don Karlos“ von Schiller mit dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden am 14. 2. 2017 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

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Copyright: Andreas Etter

Uwe Eric Laufenberg zeigt in seiner überwiegend in düsterem Licht gehaltenen Inszenierung von Schillers „Don Karlos“ den Konflikt des Einzelnen mit der Gesellschaft. Es ist hier eine vergebliche Glückssuche, die an den Zwängen der Umwelt scheitert. Am spanischen Hof eskaliert die Tragödie rasch: Prinz Carlos liebt Elisabeth, die seinen Vater, König Philipp, heiraten musste. Carlos‘ Freund Posa verspricht Hilfe. Er fordert, dass Carlos den Freiheitskampf niederländischer Provinzen gegen die spanische Krone anführen solle. So soll es zum Aufstand gegen den eigenen Vater kommen. Dieser Bruch mit der Vaterwelt zeigt sich in dieser konzentrierten Inszenierung auf zwei Ebenen – als Befreiung von der patriarchalischen Herrschaft und als Infragestellung und Kritik an der patriarchalischen Herrschaft des Königs. Posa selbst wird schließlich zur Zielscheibe des undurchdringlichen Machtgefüges am Hof, um Freiheit und Gleichheit Gehör zu verschaffen. Und der König entdeckt in ihm den Menschen, den er dringend braucht. Und trotzdem wird Posa schließlich geopfert und bei einem Attentat getötet. Der zuletzt nackt und nur mit einem Mantel bedeckte König Philipp muss sich der unerbittlichen spanischen Insquisition beugen und liefert den eigenen Sohn an den Großinquisitor aus, der bei dieser Inzenierung von einer Frau gespielt wird. Carlos‘ Tod ist so zur Gewissheit geworden. Eine ungewöhnliche Rolle kommt hier auch der Prinzessin Eboli zu, die Carlos liebt. In einer Nacktszene kommt es auf offener Bühne zum Beischlaf. Carlos versucht sich vergeblich aus den Fängen dieser Frau zu befreien, die Elisabeth nicht nur ihr ehebrecherisches Verhältnis zu Philipp, sondern auch ihre Liebe zu Carlos gesteht. König Philipp wird von denselben Furien des Abgrunds verfolgt wie sein unglücklicher Sohn. Tom Gerber spitzt diese Situation durch seine explosiv-emotionale Darstellung Philipps immer mehr zu, indem er sich in Tobsuchtsanfälle hineinsteigert. Uwe Eric Laufenberg erzählt Schillers Drama vor allem als düsteres Seelendrama, das den Figuren kaum Handlungsspielraum lässt. Sie alle werden zu bedauernswerten Opfern des Schicksals. Die Bühne von Gisbert Jäkel gibt den Blick auf eine dunkle Welt frei, die von einem historischen Gemälde des spanischen Königs Philipp II. aus der Vogelperspektive beherrscht wird. Auch eine romantische Naturlandschaft bildet hier einen seltsamen Gegensatz zum fahlen und kalten Bühnenraum. Die dichterisch-überhöhte Verssprache wird von den insgesamt überzeugenden Schauspielern mit glühender Emphase gepflegt. Das höfische Leben im al-fresco-Stil zeigt sich dabei in vielen Facetten. Die philosophische Idee von Freiheit und Menschenadel verglüht am Ende in abgrundtiefer Verzweiflung, wenn die Macht des Großinquisitors ins Unermessliche wächst. Monika Kroll spielt diesen Großqinquisitor mit stoisch-päpstlicher Würde. An dieser Person scheitert auch der König, er muss sich der Kirchenmacht völlig beugen und auf die Knie fallen. „Ich gebe nicht verloren als die Toten„, verkündet Carlos. Damit zeichnet er sein eigenes Schicksal vor. Nils Strunk beweist als Carlos immer wieder seine Bühnenpräsenz – vor allem bei den Auftritten mit Elisabeth und Prinzessin Eboli. Llewellyn Reichman als Elisabeth und Kruna Savic als Prinzessin von Eboli ergänzen sich in ihrer seelischen Zerrissenheit, die bei Eboli sogar noch deutlicher in Erscheinung tritt. Die gewaltige Auseinandersetzung König Philipps mit dem Großinquisitor gipfelt in der verzweifelten Frage: „Es ist mein einz’ger Sohn – wem hab ich gesammelt?“ Die Antwort des Kirchenfürsten lässt nicht lange auf sich warten: „Der Verwesung lieber als der Freiheit.“

Das Pathos der Schillerschen Bühnensprache wird von Uwe Eric Laufenberg als Regisseur keineswegs geleugnet. Die Kostüme von Marianne Glittenberg passen sich Vergangenheit und Gegenwart an. Sehr markant gestaltet Rainer Kühn die undurchsichtige Rolle des Herzogs von Alba, in dessen Intrigennetz sich sowohl Posa (nuancenreich: Stefan Graf) als auch  Carlos und der König verfangen. Alba spielt dem Großinquisitor in die Hände und kann am Ende triumphierend verkünden: „Der Sieg ist unser!“ Obwohl die metaphysische Komponente des Stücks in dieser Inszenierung stellenweise zu kurz kommt, zeigen sich viele Details in einem interessanten Licht. So ist Posa hier mehr tragischer Held als Geheimpolitiker. Trotzdem stechen die lichtvollen Seiten dieser Figur deutlich hervor. In weiteren Rollen überzeugen Maximilian Pulst als Graf von Lerma, Steffen Happel als Don Raimond von Taxis, Benjamin Krämer-Jenster als Beichtvater Domingo und Steffen Happel als Page der Königin. Hinzu kommen Viktorine Marsolek/Anne Nenzel als Infantin Clara Eugenia, Katja Müller, Elke Wirtz-Meinert als weitere Damen der Köngin sowie Rainer Eicker, Wolfgang MeinertNima Pastaa als Granden, Pagen, Offiziere, Leibwache. Laufenberg hält sich stark an Schillers Text – und glücklicherweise merkt man so, wie sehr Schiller vom Prosastil seiner explosiven Jugenddramatik abrückt und sich dem klassischen Versmaß zuwendet. Auch die semantischen Besonderheiten der Sprache in „Don Karlos“ gehen so nicht unter. Die Sprache der Figuren neigt deutlich zu Extremen – und vor allem Tom Gerber als König Philipp trägt dieser Tatsache Rechnung.

Es ist aber oft auch eine Sprache der Vernunft, die sich hierbei konsequent durchsetzt und behauptet. Verhör, Maskierung und Pflicht bewegen sich nie an der Oberfläche, sondern treten facettenreich heraus. In den Verhörszenen des Dramas wird der Sprachraum der handelnden Figuren eingegrenzt. Und das sieht man dann auch im Bühnenbild. Wenn etwa Elisabeth von dem gegen sie geschmiedeten Komplott erfährt, senkt sich der schwarze Bühnenvorhang in unheimlicher Weise herunter und man nimmt durch die gelöcherte Wand nur schemenhafte Figuren wahr. Ein universaler Zweifel macht sich bei den Bühnenfiguren wie eine Seuche breit und lähmt deren Handlungsspielraum. Starker Schlussapplaus im leider nur spärlich besetzten Forum. 

Alexander Walther

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