Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum im Schlosspark: DANZA CONTEMPORANEA CUBA- mit elektrisierender Präzision

Danza Contemporanea de Cuba im Forum am Schlosspark Ludwigsburg am 26.11.2016: MIT ELEKTRISIERENDER PRÄZISION

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Copyright: Abel Carmenate

Im Jahr von Fidel Castros Revolution 1959 wurde die Danza Contemporanea de Cuba gegründet. Gleich zu Beginn überraschte die reizvolle Choreografie von Annabelle Lopez Ochoa bei „Reversible“ mit einem Eintauchen in die Geschlechterrollen. Es wurde den plötzlichen Veränderungen eines Paares nachgespürt. Ihre Spiele und Rivalitäten standen plötzlich im Mittelpunkt. Diese Vergnügungen stellten sich auch ein, wenn sie zu Dissidenten und Gegnern wurden. Schlichte und originelle Kostüme unterstrichen zudem die Nacktheit des Körpers. Das sinnliche Stück stellte auch in Ludwigsburg immer wieder die Frage, ob Dinge umkehrbar sind. Welchen Einfluss die Gesellschaft bei einer Personenveränderung hat, wurde hier von der Kompanie ebenfalls facettenreich thematisiert. Im Männlichen steckte Feminines, im Weiblichen Maskulines. Dies unterstrich auch die Musik von Jean-Claude Kerinec & Staff Elmeddah, Aaron Martin & Machinefabrik, Kroke, Scanner, Eric Vaarzon Morel. Die zweite Choreografie mit Musik und Text von Billy Cowie achtete hier auf sinnliche Küsse der Tanzpaare. Und zum Rhythmus der melancholischen Tangomusik bewegten sie sich wie in Trance. Die Kulisse aus riesigen, schwarzweißen Projektionen schien sich immer weiter aufzufächern. Sie erinnerte an Picasso und Art Brut. Der Tanz ging unter die Haut. Rücken wurden aneinandergerieben, reihten sich nebeneinander, um synchron die Arme zu heben oder den Kopf zu stützen. Die unterbrechende Stimme erzählte von Liebenden. Der Brite Billy Cowie schuf dabei höchst poetische Momente.

Den stärksten Eindruck erhielt man zuletzt von „Matria Etnocentra„, einer elektrisierenden Choreografie von George Cespedes. Es geht hier um eine Neuschöpfung feministischer Literatur. „Matria“ meint in diesem Zusammenhang das Mutterland. Beim Choreografen Georges Cespedes kommt der Ethnozentrismus hinzu. Die Menschen empfinden das Verhalten der eigenen ethnischen Gruppe als wichtig. „Matria Etnocentra“ forscht dem innersten Wesen der Heimat Kuba nach. Das Marschieren ist ein zentrales und faszinierendes Element dieses Stückes. Geschmeidige Tänzerbataillone und martialisch anmutende Rituale wechselten sich dabei in rasanter und atemberaubender Weise ab. In Soli befreiten sich die Tänzer mit ergreifenden Gesten daraus. Sie wurden von zwei Unbeweglichen bewacht, die die eruptiven Ausbrüche nicht aufhalten konnten. Parade und sozialistische Masseninszenierungen gipfelten in einem bewegenden Demonstrationszug (Musik: Nacional Electronica, „Vete de mi“ interpretiert von Ignacio Villa, bekannt als Bola de Nieve). Riesenbeifall.

Alexander Walther

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