Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum am Schlosspark: SCHWANENSEE mit The Dance Factory. Dekonstruktion eines Klassikers

Forum am Schlosspark Ludwigsburg: The Dance Factory mit „Schwanensee“  am 30.11.2017

DEKONSTRUKTION EINES KLASSIKERS

„Schwanensee“ mit „The Dance Factory“ am 30. November 2017 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

Bildergebnis für dada masilo schwanensee

Dada Masilo schafft als Shootingstar der südafrikanischen Tanzszene eine interessante Dekonstruktion des „Schwanensee“-Ballettklassikers – mit Musik von Peter Tschaikowsky, Camille Saint-Saens, Arvo Pärt und Steve Reich. Weiße Tutus und schwanenhafte Grazie beherrschen hier die Bühne. Homophobie und AIDS wird dabei mit facettenreicher afrikanischer Bewegungssprache verbunden. Prinz Siegfried (den Thabani Ntuli verkörpert) ist hier schwul und liebt den Schwan (den seine Eltern für ihn ausgesucht haben) nicht. Prinz Siegfrieds sehr ehrgeizige Eltern suchen ihm Odette (nuancenreich: Dada Masilo) als Frau aus. Siegfried liebt aber den männlichen Schwan Odile (Thami Tschabalala). Die Eltern zahlen den Brautpreis an Odettes Mutter. Odile aber platzt in die Hochzeit und fordert seinen Geliebten plötzlich für sich. Das ist auf der Bühne eine explosive Szene. Die beiden Familien sind nun verstört und meiden Odile und Siegfried. Der muss sich zwischen Odette und Odile entscheiden – und wählt keinen. Nun werden die Schwäne von tiefer Trauer erfasst, was auf der Bühne in bewegender Weise zum Vorschein kommt.

In Dada Masilos Choreographie singen und sprechen die Tänzerinnen und Tänzer auch. Sinnreiche Grazie behauptet sich tänzerisch insbesondere bei der Musik von Camille Saint-Saens. Es gibt kein Phantasiebild wie im klassischen Ballett. Gesungen wird aber in der Brautpreis- und Hochzeits-Szene. Es gibt Rufen, Schreien und Geheul. Zwei Tanz-Techniken verschmelzen in raffinierter Weise. Die Musik intensiviert die Wahrnehmungen. Die Rollen werden auf theatralische Art elektrisierend aufgeladen und faszinieren durch typische Schnelligkeit. Der Dualismus von weißem und schwarzem Schwan wird so immer wieder in einfallsreicher Weise variiert. Da sprühen die elektrisierenden Funken auch zwischen den einzelnen Bewegungen – und insbesondere die Musik von Steve Reich korrespondiert hinsichtlich der ostasiatischen und afrikanischen Tonsysteme mit dem umfangreichen Bewegungskosmos dieser schillernd-bunten Truppe.

The Dance Factory wurde übrigens 1992 in Johannesburg mit dem Ziel gegründet, dem südafrikanischen Tanz eine Heimat zu geben. In weiteren Rollen überzeugen noch Henk Opperman als Siegfrieds Vater und Khaya Ndlovu als Odettes Mutter. Schwan-Frauen und Schwan-Männer runden das opulente Bild hinter der blauen Wand ab. Jubel des Publikums für diese ungewöhnliche Performance, die vor allem gegen Ende angesichts des unheimlichen Versinkens in nachtschwarze Dunkelheit beeindruckt. Die Einsamkeit des tänzerischen Individuums kommt so grell zum Vorschein (Kostümbild: Dada Masilo, Suzette le Sueur).

Alexander Walther

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