Der Neue Merker

LUDWIGSBURG/ Forum am Schlosspark: BACHS MÄTTHÄUS-PASSION als Tanz-Projekt

Bachs Matthäus-Passion als Tanz-Projekt im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

BUNTE KÜNSTLERISCHE VIELFALT
Bachbewegt! Tanz“ mit der Internationalen Bach-Akademie am 4. März 2017 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG
20170209_bb_tanz_probe_ludwigsburg_0030_foto_holger_schneider
Copyright: Holger Schneider

Angeleitet von Friederike Rademann, einer ehemaligen Solistin des Balletts der Semperoper, setzen sich die Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe sowie der Förderschulen (Altenburgschule Stuttgart, Grund- und Werkrealschule Gablenberg, Hebel-Gymnasium Pforzheim, Christophorus-Gymnasium Altensteig, Bodelschwinghschule Stuttgart, Jahn-Realschule Bad Cannstatt, Oscar-Paret-Schule Freiberg) mit Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“ auseinander. Bewegendes wird mit Bewegung verbunden. Bachs Musik soll hier körperlich mit den Stuttgarter Schülerinnen und Schülern sowie Schülerinnen des Ratsgymnasiums Minden zusammen mit dem Ensemble „VivaTanz!“ erfahrbar werden. Hans-Christoph Rademann dirigiert die Gaechinger Cantorey zusammen mit dem fulminanten Bach-Collegium Stuttgart wie aus einem Guss. Der architektonische Aufbau dieser Musik wird vom Ensemble sowie den gut aufeinander abgestimmten Gesangssolisten Gerlinde Sämann (Sopran), Isabel Jantschek (Sopran), Benno Schachtner (Altus), Benedikt Kristjansson (Tenor), Paul Schweinester (Tenor), Peter Harvey (Bass) und Kresimir Strazanac (Bass) voll erfasst.

 
20170209_bb_tanz_probe_ludwigsburg_0065_foto_holger_schneider
Copyright: Holger Schneider

Der in Bildern aufgereihte Evangelistenbericht erhält ein glühendes Pathos, organisch eingeflochten wirken die Arien, Chöre und Choräle. Die Heilandsfigur bekommt hier vor allem auch durch den Tanz viele menschliche Züge. Das Orchester und der Chor sind auf der Bühne in zwei Gruppen aufgeteilt, was zu interessanten akustischen Wahrnehmungen führt. Totz der zugespitzten Dramatik setzt kein Missverhältnis zur Lyrik ein. Virtuose Satzkunst und schlichte Natürlichkeit halten sich so die Waage. Leidvoll erregt wogen die Klanglinien bei der Chor-Passage „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ auf und nieder. Der Klagegesang wird auch durch den intensiven Tanz zur großartigen Vision. Und mit stillen Episoden setzt dann der Passionsbericht ein, die „Christus-Worte“ erscheinen fast im milden Licht eines „Heiligenscheins“. Vor allem die warmen Streicherakkorde fallen bei dieser subtilen Wiedergabe auf, wie sie bereits die frühe venezianische Oper des 17. Jahrhunderts kannte. Die Alt-Arie „Buß und Reu“ gefällt mit Ausdrucksreichtum, der wiederum tänzerisch hell aufleuchtet. Als Judas entschlossen zum Verrat ist, erreicht die Sopran-Arie „Blute nur“ eine bewegende Intensität. Der Choral „Ich bin’s, ich sollte büßen“ zur Melodie „O Welt, ich muss dich lassen“ prägt sich tief ein. Auch die Ölberg-Szene wird von den Schülern in starken emotionalen Reaktionen erfasst. Unsagbar vielfältig spiegelt sich dann das Gethsemane-Bild in der tänzerischen Gestaltung und in der Musik. Der Chor der „Gläubigen“ beschwört gleichsam ängstliche Seufzer. Jesu Gebet klingt nach in der zweiten Bass-Arie „Gerne will ich mich bequemen“, was auch visuell von den Schülern gut umgesetzt wird. Stockend brechen die Gläubigen in die erregten Zwischenrufe aus: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“ Die Wut der Elemente gegen den Verräter erfährt dabei ebenfalls eine tänzerisch heftige Gestaltung: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden?“ Hans-Christoph Rademann gelingt es, den dramatischen Gehalt dieser Musik zu betonen, ohne die harmonische Balance zu verlieren. Das kommt auch den Tänzern zugute. Der Chor ergreift die Zuhörer mit seiner ernsten Klage „O Mensch, bewein‘ dein‘ Sünde groß“ im Stil einer leidenschaftlichen und ernsten Phantasie über den gleichnamigen Choral. Im zweiten Teil überzeugt vor allem die ergreifend gestaltete Alt-Arie mit Chor „Ach, nun ist mein Jesus hin“. Eine Choralmelodie schiebt sich geheimnisvoll in die Gerichtsszenen, wobei sich die Tanzgruppen hier gegenseitig ergänzen. Als das Völk höhnisch seine Spottrufe gegen den Angeklagten schreit, kommt auch in die Tanzszenen eine heftige Bewegungskraft, die nicht nachlässt. Die Alt-Arie „Erbarme dich“ gestaltet Benno Schachtner ergreifend. Der Choral „Bin ich gleich von dir gewichen“ lässt die Stimmung in geheimnisvoller Weise nachklingen, bevor der Evangelist von der verzweifelten Lage des Judas berichtet. In der Gerichtsszene ertönt eindringlich Bachs Choral „Befiehl du deine Wege“. Und die Menge fordert mit dem energischen „Barrabam!“-Schrei den Untergang Christi. Die Stuttgarter Schülerinnen und Schüler gewinnen dabei nochmals einen bemerkenswerten Ausdrucksradius, dessen Intensität sich ständig steigert. Und wie traumentrückt beschwört der Sopran die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“. Die Forderung „Lass ihn kreuzigen!“ verkündet plötzlich wütende Entschlossenheit, die sich im Tanz ständig weiterentwickelt. Die motivische Malerei der Geißelhiebe wird erkennbar in der kunstvollen melodischen Linie der Alt-Arie „Können Tränen meiner Wangen“ – wobei sich alles zum schmerzgequälten Klagegesang erhebt. Wunderbar gestaltet die Gaechinger Cantorey unter Rademann die Choralmelodie „O Haupt voll Blut und Wunden“. Der Bass singt „Komm, süßes Kreuz“ voller Ergriffenheit, die die Tänzer auf der großräumigen Bühne von Maria Pfeiffer mit den fantasievollen Kostümen von Anne-Marie Miene überzeugend umsetzen (Tanzpädagogik: Lydia Leist). Wie in der „Johannes-Passion“ züngeln entfesselte Urtriebe auf in den fanatischen Verhöhnungen des Gekreuzigten – so bei „Der Juden Tempel“ und „Andern hat er geholfen“. Voll düsterem Schmerz nimmt man die Alt-Klage bei „Ach Golgatha, unselges Golgatha!“ wahr. Gläubige Erlösungsgewissheit zeigt sich auch choreographisch in der Arie „Sehet, Jesus hat die Hand uns zu fassen ausgespannt“, die von zwei Oboen da caccia begleitet wird. Und der Tod Jesu begleitet die erschütterte Gemeinde mit dem Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“, der die gesamte Bühne ausfüllt. Ein unsagbar schmerzlicher vierstimmiger Satz setzt sich durch, den die Tänzer mit geradezu elektrisierendem Leben erfüllen. Die Ergriffenheit über das Geschehen beruhigt sich im abendlichen Dämmerschein. Und noch einmal kommt das Volk zu Wort im erregten Chor „Herr, wir haben gedacht“, dann beginnt die geheimnisvolle Grablegung „Nun ist der Herr zur Ruh‘ gebracht“. Der bewegende Schlusschor zeigt das innige Grablied „Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte Ruh!“ Vor allem diesen ergreifenden Schluss erfasst der Dirigent Hans-Christoph Rademann mit dem fulminanten Ensemble perfekt.

Riesenbeifall für diese Produktion des Forums am Schlosspark in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt Stuttgart.

 
Alexander Walther

Diese Seite drucken