Der Neue Merker

LUDWIG BERGER und FRANZ SCHUBERT: „DIE SCHÖNEN MÜLLERINNEN“

 

4260085533336  LUDWIG BERGER und FRANZ SCHUBERT: „DIE SCHÖNEN MÜLLERINNEN“ mit improvisatorischem Zugriff – 

MARKUS SCHÄFER UND TOBIAS KOCH auf Entdeckungsfahrt in vermeintlich altbekanntem Terrain – CD Deutschlandradio Kultur 

Der begnadete Oratorienspezialist und Liedsänger Markus Schäfer hat mit Tobias Koch am Hammerklavier nicht nur Schuberts Schöne Müllerin basierend auf den Einträgen des Freiherr Carl von Schönstein vollkommen neu erarbeitet, sondern noch dazu Ludwig Bergers vorher entstandene neun Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiele aus dem Jahr 1818 aufgenommen. Das Kennenlernen lohnt. 

Der Berliner Komponist Ludwig Berger hatte zehn  Gedichte einer Gruppe junger Kunstfreunde vertont. Diese hatten im Berliner Haus des Geheimen Staatsrats Friedrich August von Staegemann ein Theaterstück mit Liedern aufgeführt. Es ging dabei um die Geschichte der schönen Müllerin Rose, die von einem jungen Müller, einem Gärtnerknaben und einem Jäger verehrt wird. Schon in diesen meist als Strophenlieder angelegten durchaus zu Herz gehenden Kompositionen gelingt es dem Interpretenduo Schäfer/Koch, Naivität mit höchster (vokaler) Kunstfertigkeit, romantische Grundierung mit Klarheit im „Ton“ und Poesie mit Musik auf das Trefflichste abzumischen.  Man höre sich nur die wunderbaren Nummern 5 und 9 der CD,  „Vogelsang vor der Müllerin Fenster“ (mit perlend zwitschernder Hammerklavier-Begleitung) oder „Des Baches Lied“ an. Echte Schubertsche Vorläufer an raffinierter Einfachheit und sanglich-theatralischer Deklamation. 

Bei der Lesart des berühmten Schubert Zyklus sind Markus Schäfer und Tobias Koch noch einen Schritt weiter gegangen. Abschriften der Lieder, die im „Schubert-Kreis“ kursierten, enthielten Eingriffe und Varianten, die belegen, dass ein kreativer Umgang mit dem Notentext durchaus üblich war. So wurden laut Thomas Seedorf (Verfasser des Booklet) „Wiederholungen stets als Aufforderung verstanden, einen Text variierend umzudeuten.“ Markus Schäfer begnügt sich nicht damit, wie es bei manchen neueren Mozart-Aufnahmen Mode geworden ist, hie und da aleatorisch vokalen Zierrat anzuhängen, sondern wirklich einige Stellen gemeinsam mit dem Klavierpart als improvisatorisches Spielfeld zu nutzen. Das tun die beiden so natürlich und überzeugend, dass man auch als großer Schubert-Freund kein Sakrileg darin erkennen möchte. Das Konzept der Liedzyklen für den Kunstgesang und den Hausgebrauch fordert eine  „subjektive Anverwandlung “ja  nahezu heraus. 

Markus Schäfer verfügt über einen hellen, lyrischen instrumental geführten Tenor. Stilistisch in etwa mit Kurt Equiluz, Siegfried Lorenz, Peter Schreier oder Ian Bostridge vergleichbar, gefällt mir seine Interpretation auf der vorliegenden CD sehr gut. Da fein abgestufte Stimmfarben und Wortdeutlichkeit beim Liedgesang wichtiger sind als „fleischiges Timbre“ und Expansionsfähigkeit (letztendlich sind das aber reine Geschmacksfragen), werden auch Puristen besonders auf ihre Rechnung kommen. Tobias Koch begleitet mit dem zart und spielerisch schwebend klingenden Pianoforte Johann Fritz (Wien 1830) den Sänger in traumwandlerischer Konkordanz. Die Tonqualität der  2013 im Stadtschloss Weimar entstandenen Aufnahme ist untadelig. Eine echte Freude für Freunde des Liedgesangs oder solche, die es noch werden wollen. 

Auch für jemanden wie mich, der die Müllerin selber an Hausmusikabenden des Öfteren gesungen hat, bietet die vorliegende Neueinspielung so viel an positiv Überraschendem und improvisiert Gelungenem, das sich die Frage nach Werktreue oder postmodernem Ansatz des experimentellen Zugriffs gar nicht stellt. 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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