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LUDOVIC TÉZIER: „Soll ich klagen, weil ich Verdi singen darf?“

 Tezier im Pullover 1 xxx
Foto: Barbara Zeininger

LUDOVIC TÉZIER

Soll ich klagen, weil ich Verdi singen darf?

Ludovic Tézier wird in der Wiener „Troubadour“-Premiere den Grafen Luna singen. Er zählt zu den wenigen französischen Sängern, die es geschafft haben, weltweit als „Verdi-Bariton“ anerkannt zu werden. Für ihn hat die Begeisterung für die Oper allerdings mit Richard Wagner begonnen und soll auch zu diesem Komponisten führen

Das Gespräch führte Renate Wagner in deutscher Sprache (!)

Herr Tézier, wenn Sie nicht gezwungen gewesen wären, die „Macbeth“-Premiere wegen Krankheit abzusagen, hätten Sie nun mit „Falstaff“ und jetzt „Troubadour“ einen Hattrick an Verdi-Premieren an der Wiener Staatsoper. Sie sind der einzige Fall, der mir einfällt, dass ein französischer Sänger ein weltweit führender, überall gefragter Verdi-Bariton ist?

Ja, diese Konzentration auf Verdi hat sich für mich glücklich ergeben. Ich bin auch froh, dass ich den Macbeth in Barcelona nachholen konnte, mit Martina Serafin, die nicht nur eine großartige Sängerin, sondern auch eine ungemein  kluge, intellektuell brillante Frau ist, mit der man so über eine Rolle sprechen kann, dass man Gewinn daraus zieht. Wir Sänger denken uns ja selbst etwas, wir sind ja nicht nur die Instrumente der Regisseure.

Und nun der Luna in Wien. Ist der nur ein „Bösewicht“ mit berühmtem Schöngesang und mit schönen Arien, sondern eine interessante Figur?

Vor allem ist der Luna sehr schwer, für diese Rolle braucht man viel Erfahrung, eine technische Schwierigkeit jagt die andere. Das zu singen, ist Hochleistungssport, und man ist froh, dass man an der Wiener Staatsoper die besten Möglichkeiten vorfindet. Die Inszenierung wird schön und sie erzählt die Geschichte klar – sagen wir, so klar es bei diesem Libretto eben möglich ist. Und ich versuche auch, den Luna nicht als „Bösewicht“ zu geben. Der Graf ist bis zum Wahnsinn verliebt in Leonora, und er ist einfach wütend, dass er seinen Willen nicht bekommt. Er erinnert mich an einen anderen Grafen, jenen aus Mozarts „Figaro“. Für den ist aus seiner sozialen Position heraus selbstverständlich, dass er alles bekommt, was er will, natürlich hat Susanne in seinem Bett zu erscheinen, und wenn das nicht klappt, ist er fassungslos. Wie Luna, der herumwütet – auch weil er diesen Troubadour, der ja in seinen Augen ein Zigeuner ist, seiner Herkunft wegen so verachtet, dass er sich nicht einmal mit „so einem“ schlagen will…

Sie haben erst kürzlich den Luna in der Pariser Inszenierung von Alex Ollé gesungen, die szenisch eher abstrakt war. Verändert sich eigentlich die Figur in den verschiedenen Optiken und Sichtweisen?

Luna bleibt Luna, auch als Charakter, ich führe ihn durch jede Inszenierung – was kann man als Sänger schon anderes tun? Die Partie muss letztlich gesungen werden, wenn der „Troubadour“ auf dem Programm steht, egal, wie das Ambiente auf der Bühne aussieht.

Nun haben Sie bald alle für Sie in Frage kommenden Verdi-Bariton-Rollen gesungen, Posa, Rigoletto, Carlos di Vargas, Amonasro, Germont, Ford, Don Carlo in „Ernani“…  Was steht aus? Und welche ist Ihnen die liebste?

Nun wohl der Rigoletto, er ist ein Vater und zwar ein liebender, daneben ein Mann, der als Außenseiter in dieser Hofgesellschaft immer Angst hat – das ist großartig zu spielen und zu singen. Von den großen Bariton-Rollen „fehlt“ noch der Simon Boccanegra, aber der kommt gleich nach Wien in Monte Carlo, wenn auch im Moment nur konzertant. Und zu Saisonende werde ich in London meinen ersten Jago singen, in jener Neuproduktion von „Otello“, in der Jonas Kaufmann seinen ersten Otello singt. Und dieser Jago ist dann wirklich ein Bösewicht, der nur aus Zerstörungswut handelt. Sehen Sie, Scarpia hat wenigstens Lust am Bösen, er genießt seine Macht, aber Jago kann das nicht. Der Mann hat wirklich ein Bündnis mit der Hölle geschlossen, der ist ein Teufel.

Terzier mit Verdi xx

Jonas Kaufmann ist ja ein wichtiger Partner für Sie, Sie haben in München nicht nur „Macht“ und „Don Carlos“ miteinander gemacht, sondern auch einen gemeinsamen Arienabend gegeben, bei dem laut Münchner Abendzeitung das Publikum außer Rand und Band geriet…

Jonas hat eine großartige Ausstrahlung, nicht nur auf das Publikum. Dabei bewundere ich auch, wie er in jeder Sprache perfekt ist. Er ist auf der Bühne so energetisch, dass man zusammen echte Stimmung schaffen kann. Wenn alles gut geht, dann sind wir Sänger ja wie eine „Röhre“, durch die Energie durchgeht, direkt zum Publikum, und man selbst ist dann in einem Zustand wie in Trance.

Und ein anderer großer Tenor, Roberto Alagna, ist nun Ihr Partner im Wiener „Troubadour“.

Roberto und ich kennen uns seit gut 30 Jahren, er ist ein hinreißender und großzügiger Freund, wir haben viel zusammen gemacht, und es ist immer wieder ein Privileg, mit ihm auf der Bühne zu stehen. Genau wie mit Anna Netrebko, diese wunderbare Kollegin, mit der ich übrigens letztes Jahr in Paris im „Troubadour“ gesungen habe. Wenn eine Gruppe von Menschen zusammen auf der Bühne steht, die sich so gut verstehen, dann helfen sie auch einander, damit im Endeffekt alles gut geht. Denn ehrlich – wenn man Partner hat, mit denen die Chemie nicht so funktioniert, hat man immer ein bisschen Angst. Aber mit Roberto, der ein so sonniger Mensch ist…

Also Verdi, Verdi und nochmals Verdi. Was ist eigentlich aus Ihrem Mozart geworden, Sie haben den „Figaro“-Grafen zitiert, Sie haben früher den Don Giovanni gesungen?

Ich werde nicht darüber klagen, viel Verdi zu singen! Sicher nicht. Dennoch ist es sehr schade, dass man nicht nach Mozart fragt, denn ich denke, ich hätte auch für diesen Komponisten noch einiges zu geben. Mozart hat großartig für die italienische Sprache geschrieben, meiner Meinung nach ist guter Mozartgesang der Schlüssel für Verdi. Und der Don Giovanni war die erste Rolle, die ich je gelernt habe…

Verdi lässt Sie auch das französische Repertoire vernachlässigen, allerdings werden Sie in Wien wieder die Bariton-Fassung von Massenets „Werther“ singen. Nun ist das eine so berühmte Tenorrolle – Verzeihung, wenn ich das so geradeaus sage, aber welchen Sinn macht eigentlich die Bariton-Fassung?

Erstens, weil es eine wunderschöne Rolle ist… Aber ich würde es nicht machen, wenn Massenet es nicht selbst gewollt hätte! Er war nämlich nach der Uraufführung 1892 in Wien selbst nicht mehr von der Tenorfassung überzeugt und hat sich mit dem großen Bariton Mattia Battistini zusammen gesetzt, um die Rolle selbst für Bariton umzuschreiben. Und wenn man bedenkt, wie herrlich dann das Schlussduett Werther-Charlotte in der Fassung Bariton / Mezzo klingt… Ich habe übrigens festgestellt, als ich bei den Pfingstfestspielen 2012 in Salzburg mit Sophie Koch „Cleopatre“ sang, sie die Titelrolle, ich den Marc Anton, dass Massenet in der letzten Oper, die er geschrieben hat, diese wieder mit einem Duett Mezzo / Bariton ausklingen ließ. Diese Kombination muss ihm also etwas bedeutet haben.

Wir führen dieses Gespräch auf Deutsch, Sie sprechen es hervorragend – haben Sie es für Richard Wagner gelernt?

Das könnte man vielleicht so sagen, auch für Lieder. Aber ich habe oft erzählt, dass ich in der Oper von Marseille mit 13 Jahren den „Parsifal“ gehört habe und das meine Wendung zur Oper bedeutet hat… nicht gerade das, was für  einen südfranzösischen Jungen auf der Hand liegt. Aber ich habe das durchgezogen, dachte in meiner Jungend noch, ich sei wohl ein Tenor, bis ich zur richtigen Lehrerin kam, der ich viel verdanke. Nach ungefähr fünf Minuten sagte sie zu mir: „Aus Dir wird vielleicht einmal ein guter Bariton.“ Geblieben ist mir die Faszination für die deutsche Kultur.

Ihre aktiven Wagner-Erfahrungen beschränken sich allerdings noch auf den Wolfram, den Sie in Wien erstmals gesungen haben?

Wolfram ist wunderschön zu singen, eigentlich ein bisschen italienisch in der Linie, wobei nicht nur die Arie schön ist, sondern auch das Duett mit Tannhäuser, wenn dieser aus Rom zurück gekehrt ist, das hat mich immer tief berührt. Eines Tages will ich den Amfortas singen, da gibt es noch keine konkreten Pläne, aber es sollte passieren. Im Gegensatz zu Richard Strauss, mit dem ich innerlich noch nie zusammen gekommen bin, so sehr ich ihn schätze, ist Wagner für mich unverzichtbar.

Und werden Sie etwas unternehmen, damit sich das realisiert?

Das ist überhaupt nicht meine Art, das habe ich noch nie getan, wild an Türen zu klopfen, um etwas durchzusetzen. Ich habe immer gewartet. Vielleicht kommt es, vielleicht kommt es nicht. Ich glaube an positive Zufälle, das, was wir Franzosen „le destin“ nennen. Dann wird man auch nicht böse und verzagt, wenn man – wie es mir passiert ist – vor einer „Macbeth“-Premiere in Wien, wo man die Rolle zum ersten Mal singen wollte, krank wird. Man weiß nie, was morgen sein wird, aber man lebt viel leichter, wenn man sich nicht verkrampft und selbst Streß macht. Streß ist nicht gut für die Stimme.

Wie vermeidet man Streß im Leben eines Opernsängers, das einen ununterbrochen von einer Stadt in die nächste hetzt – Sie kommen aus Madrid und Barcelona, gehen nach dem Wiener „Troubadour“ dann nach Monte Carlo, anschließend  nach London, und München und Paris sind für Sie auch dauernde Stationen…

Ich gebe zu, dass meine Frau und ich und unser siebenjähriger Sohn – meine Töchter sind schon einigermaßen erwachsen und leben ihr eigenes Leben – unser schönes Fachwerkhaus im Elsaß so gut wie nie sehen. Ich habe dort einen Freund, der einmal zu mir sagte: „Also, Du hascht gar nix vom Lebe“, und da meinte er, ruhig in einem schönen Haus leben, Freundschaften pflegen, ausführlich gut essen und trinken… Das ist natürlich bei meinem Beruf nicht zu machen. Aber ich liebe ihn, es ist mir recht so, und noch einmal: Soll ich mich beschweren, weil ich Verdi singen darf?

Herzlichen Dank und viel Erfolg für Luna, viel Freude mit Boccanegra und Jago, und auf Wiedersehen mit Werther.

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