Der Neue Merker

LOS ANGELES: SIMON BOCCANEGRA

Los Angeles: SIMON BOCCANEGRA”LA Opera 11., 15., 19. +21. 2. 2012

 Obwohl auch hier die Finanzkrise massive Einsparungen und eine Reduktion der Produktionen zur Folge hatte, wird offenbar an der Qualität nicht gespart. Schon die erste Hälfte der Saison war äußerst erfolgreich gewesen, die zweite brachte zum ersten Mal „Simon Boccanegra“ nach Los Angeles. Die vom Royal Opera House Covent Garden übernommene, sehr ansprechende Produktion (vom Juli 2010, auf DVD erhältlich) darf getrost als einer der Höhepunkte der letzten Jahre bezeichnet werden. Dafür sorgte nicht allein – aber vor allem – die Titelfigur in Gestalt von Plácido Domingo. Als General Director hatte er zudem dafür gesorgt, dass die gesamte Besetzung höchsten Ansprüchen genügte. Unter all den Produktionen, an denen er seit seinem ersten Boccanegra in Berlin (Okt./Nov. 2009) mitgewirkt hatte, empfand ich diese als die glaubwürdigste und auch musikalisch befriedigendste.

Regisseur Elijah Moshinsky ist ein ernsthafter Arbeiter, der lebendige Charaktere auf die Bühne stellt, deren Beziehungen zueinander verständlich macht und sich nicht in abstrusen Gedankenspielereien ergeht, die niemand nachvollziehen kann. Michael Yeargan (Bühnenbild) und Peter J. Hall (Kostüme) boten zudem einen geeigneten Rahmen, sodass man sich ganz dem Erleben hingeben konnte, ohne sich über irrwitzige Bühnenereignisse ärgern zu müssen. Moshinsky kann natürlich nur so erfolgreich sein, wie seine Akteure in der Lage sind, seine Gedanken umzusetzen. Und da war er wohl diesmal ein besonderer Glückspilz. Denn ausnahmslos alle konnten die dramatischen Ansprüche erfüllen, egal ob prominenter Rollenträger oder Chormitglied. Es war eine Freude, den Chor völlig in die Handlung integriert zu sehen. Wie oft werden Chormassen heute einfach hingestellt, möglichst an der Rampe oder auf Stufen unbeweglich platziert, mit (starrem) Blick auf den Dirigenten, was von vorneherein eine völlig unnatürliche und für das Drama hemmende Situation ist. Moshinsky führte die Mitglieder als Individualisten, bis in kleinste Bewegungsabläufe.

Die Partie des Simon Boccanegra hat für Domingo inzwischen schon fast einen ebenso wichtigen Stellenwert bekommen wie seinerzeit Otello. Nicht nur, dass er die dramatischen Anforderungen der Rolle bestens erfüllen kann, ja geradezu ideal verkörpert, hat er sie inzwischen auch stimmlich in einem Maße erobert, das beeindruckt. Seine Tiefen strömen voll und wohlklingend, ohne das typische Domingo-Timbre zu verleugnen. Was für ein Genuss, wieder Verdi aus seiner Kehle zu hören, mit dem gewissen „Gummiband“ in der Stimme, das man sonst so oft schmerzlich vermisst. Ungebrochen ist seine Meisterschaft, mit Spannung und perfektem Timing zu phrasieren, die melodischen und rhythmischen Höhepunkte auf den Punkt genau zu treffen. Auch für diese Produktion arbeitete er weiter, feilte an Nuancen in musikalischer und gestalterischer Hinsicht und nahm die Ideen des Regisseurs neu in sich auf. Sein Boccanegra war durchdacht und durchlebt von der ersten bis zur letzten Sekunde – und ist noch berührender geworden. Als Korsar erschien er so stürmisch, bewegte sich wie ein Junger und sang mit so viel Impetus, dass manche im Programm nachlesen mussten, um sich zu vergewissern, dass tatsächlich Domingo auch im Prolog den Boccanegra sang. Ein Zuschauer soll sich sogar beschwert haben, dass man nicht angesagt hatte, dass ein anderer, jüngerer Sänger den Prolog singen würde! Masken- und Kostümbildner hatten hier mit tollem Make-up, attraktiver Perücke und feschem Kostüm ganze Arbeit geleistet!   

 Ab dem 1. Akt brauchte man nicht mehr im Programm nachzusehen! Hier beherrschte er mit Grandezza die Szene, konnte die ganze Persönlichkeit und Präsenz eines erfahrenen Sängers in die Waagschale werfen. Er war völlig in seinem Element, einerseits als weiser Doge voll Autorität und Würde, andererseits als unendlich zärtlicher Vater. Verdi hat dem Sänger der Titelfigur keine eigenständige, applausträchtige Arie gegeben, er ist auf das perfekte Zusammenspiel seiner Partner angewiesen, um wirklich brillieren zu können. Hier zeigte sich die Qualität des Ensembles, denn Intensität und Identifikation mit den Rollen ließen keinen Wunsch offen. Besonders beeindruckte Domingo in der Erkennungsszene mit seiner Tochter, die minutiös den Gefühlszustand Boccanegras widerspiegelte. Das Erahnen, das Zweifeln und Hoffen, schließlich die Gewissheit – eine ausgefeilte Steigerung, wo jeder Blick, jede Geste zählte. Nicht eine Sekunde geschah etwas zufällig. Das Reagieren auf Amelias Erzählung glich einem Krimi! Als der Name “Maria!” über seine Lippen kam, war das fast wie eine Explosion, eine Erlösung von der Spannung, die sich aufgebaut hatte. Und was für ein Genuss, dass zu dieser großartigen Gestaltung auch noch die Stimme mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit kam! Am Schluss des Duetts schließlich das schwebende „Figlia“– ahhhhh! Doch auch die Konfrontationen mit Fiesco oder Gabriele ließen einen den Atem anhalten. Im Terzett Boccanegra-Gabriele-Amelia im 2. Akt blieb so manchem Zuschauer vor Schreck die Luft weg, als Gabriele den Dogen zu erstechen drohte. Ich kann mich nicht erinnern, das je so aufregend erlebt zu haben. Die gesamte Schlusszene war „steinerweichend“! Herrlich die Verdi-Kantilene des „Il mare!…“ , geradezu unheimlich Boccanegras Aufschrei beim Wiedererkennen Fiescos, worauf sich aber sogleich – unbeeindruckt Fiescos Drohungen – ein Hoffnungsschimmer auf seinem Gesicht zeigte, da nun vielleicht der Hass ein Ende haben könnte. Wunderbar das versöhnliche Duett der beiden und zutiefst berührend das Ensemble vor Boccanegras Tod: Amelia an ihren geliebten Vater geklammert, beide fast in Tränen aufgelöst, an Dramatik nicht mehr zu überbieten. Als Domingo nach seinem letzten „Maria“ mit ausgestreckten Händen auf Amelia zuging, um dann plötzlich zu Boden zu stürzen, fuhr der Schrecken den Zuschauern hörbar in die Glieder! Selbst ich, eine so „abgebrühte“ Zuschauerin, die das schon kennt, erschrecke jedes Mal wieder aufs Neue!

Ein wahrer Glücksfall war die puertoricanische Sopranistin Ana María Martínez als Amelia: ausdrucksstark und stimmschön, mit schwebenden Pianissimi und einem wirklichen Triller (hört man selten, meistens sind es Pseudo-Triller) am Ende des Ensembles in der Ratsherrenszene. Immer präsent im Spiel mit ihren Partnern, war sie in der Lage, alle Gefühlsregungen in Mimik und Gestik zu zeigen und durch ihre Gefühlsechtheit wirklich zu überzeugen. Vater und Tochter durchlebten die Erkennungsszene in unbeschreiblicher Intensität, Tränen auf beiden Seiten!

 

 Selten habe ich Gabriele und Amelia so echt verliebt erlebt, denn auch der Italiener Stefano Secco stellte sich als sehr erfreuliche Besetzung heraus. Er entwickelte sich enorm innerhalb dieser 4 Vorstellungen. Sein Gabriele war ein feuriger junger Mann, ebenso glaubhaft in seiner Liebe zu Amelia wie in seinem Abscheu vor Boccanegra. Sein kräftiger, sehr höhensicherer Tenor mit schönem Timbre stand bei der Premiere noch etwas unter Druck, in weiterer Folge konnte er aber auch an den „haarigen“ Stellen voll überzeugen, bewies einen schier unendlichen Atem im Duett mit Fiesco und konnte mit kluger, leichterer Stimmführung den Druck vermeiden. Seine effektvolle Arie im 2. Akt wurde immer mit großem Applaus belohnt. Die darauf  folgende Ensembleszene Boccanegra-Amelia-Gabriele entwickelte sich zu einem Krimi schlechthin, mit fast unerträglicher Spannung, und bildete einen weiteren musikalischen Höhepunkt, da die 3 Stimmen sehr gut harmonierten. Auch hier stürmischer Applaus!

      

 Mit dem ukrainischen Bass Vitalij Kowaljow (Jahrgang 1968) stand ein eher junger Fiesco auf der Bühne. Bei ihm gelang es auch den Maskenbildnern nur bedingt, ein höheres Alter vorzutäuschen. Die Lösung: Boccanegra wurde jünger gemacht! Domingos weißes Haar wurde ein wenig braun getönt, um den Altersunterschied etwas zu mildern. Wobei man sowieso fragen muss, wieso Fiesco meistens als Greis gezeigt wird. Er könnte durchaus nur wenig älter als Boccanegra sein. Kowaljow war mit jeder Faser seines Körpers der strenge Patrizier, unbeugsam, unnahbar, eine moralische Autorität. Die Stimme dazu fast etwas zu lyrisch, hier ist man ältere, härtere Stimmen gewohnt. Seine ZU schöne Stimme sollte aber kein Nachteil sein: Wunderbar verinnerlicht sang er seine Auftrittsarie, was für ein Genuss, auch noch die tiefsten Töne mit solchem Wohllaut zu hören!

 

 Der italienische Bariton Paolo Gavanelli sang mit robuster Stimme den Paolo. Er hatte zudem keine Scheu, da und dort so richtig aufzudrehen, was zu seiner Rolle sehr gut passte. Auch er ein hervorragender Darsteller, gerade in der Ratsherrenszene wusste man nie, wo man hinschauen sollte. Denn in seinem Gesicht spiegelte sich alles. Gavanelli war nicht von vorneherein als Bösewicht erkennbar, er sah zu Beginn fast ein wenig gemütlich aus. Doch das gab sich schlagartig ab dem Moment, als ihm Boccanegra mit „Il voglio“ jegliche Hoffnung raubte. Das Blut wollte einem in den Adern gefrieren, als ihn Boccanegra vor versammelter Menge aufrief, ihn buchstäblich umzingelte, mit gefährlichem Zynismus um Rat fragte und ihm schließlich das „Sia maledetto!“ entgegenschleuderte. Als er ihn dann noch mit (bis in die hinterste Sitzreihe!) blitzenden Augen beim „e tu .… ripeti il giuro“ mit Gewalt am Kragen packte – kein Wunder, dass Paolo fast erstarrte, bevor er in wilder Hast flüchtete. Stimmlich und darstellerisch überzeugte Gavanelli auch im 2. und 3. Akt, als er sich zuerst verschwörerisch ans Vergiften machte und es schaffte, wenigstens Gabriele in seine Machenschaften hineinziehen und sich wenig später in seiner letzten Begegnung mit Fiesco als „mostro“ zeigte: ohne Reue, dafür mit der Befriedigung, dass Boccanegra noch vor ihm ins Grab steigen würde!

 

Paolos Gefolgsmann Pietro wurde vom kanadischen Bass Robert Pomakov dargestellt. Die Stimme hat ein etwas breiteres Vibrato, passte aber zu seiner selbstsicheren, energischen Darstellung. Die Partien der Magd Amelias (Sara Campbell) und des Capitano (Todd Strange) wurden rollendeckend mit Chormitgliedern besetzt.

Der hervorragend studierte Chor (Chorus Master: Grant Gershon) erfüllte seine Aufgabe mit Hingabe, Präzision und vor allem auch mit hervorragender Diktion.

Bleibt noch die musikalische Leitung, die in den bewährten und umsichtigen Händen von Music Director James Conlon lag. Conlon dirigierte zügig, mit Spannung und Feingefühl und wurde vom Orchester bestens unterstützt. Er betonte in seinen Einführungen (hervorragend und unterhaltsam!!!) immer wieder, welche Freude es für ihn war, endlich bei einer Verdi-Oper mit Plácido Domingo arbeiten zu können. Trotz der jahrzehntelangen Zusammenarbeit an verschiedenen Häusern war dies das erste Mal! Conlon ist ein fast „unspektakulärer“ Dirigent. Nie drängt er sich in den Vordergrund, nie wird er auf Kosten der Sänger SEINE Dirigentenwünsche durchdrücken. Er ist ein Teamplayer, souverän, jedoch nie egoistisch. Die Aufbauarbeit, die er in den letzten Jahren kontinuierlich mit dem Orchester geleistet hat, hört man! Besonders bemerkenswert, dass unter seiner Leitung allein 3 DVD-Einspielungen der LA Opera in den letzten Jahren von der Kritik besonders gelobt wurden: Kurt Weills „Rise and Fall of the City of Mahagonny“ erhielt 2 Grammy Awards, Opera News hat 2011 unter seinen Top Ten DVDs ebenfalls allein 2 Produktionen der LA Opera (Braunfels: „Die Vögel“ sowie Ullmann: „Der Zerbrochene Krug“/Zemlinsky: „Der Zwerg“).

 Das Publikum feierte das gesamte Ensemble und insbesondere Plácido Domingo mit stehenden Ovationen und Bravi. Wunderbar und wirklich außergewöhnlich lang war jedoch die sekundenlange Stille am Schluss, die nicht unwesentlich mit Moshinskys Regie zu tun hatte: Alle Beteiligten (Chor und Solisten) bewegten sich ganz langsam, fast unmerklich auf den am Boden liegenden Boccanegra zu, wodurch die Spannung bis zur letzten Sekunde gehalten wurde. Conlon ließ die Hände oben, das Licht verlöschte allmählich und erst danach ging der Vorhang herunter. Dann aber entlud sich der Applaus, der auch ungewöhnlich lang war. Besonders an amerikanischen Häusern wird die Applauslänge minutengenau geplant und ohne Rücksicht durch den Vorhang und das Aufdrehen des Lichts abgewürgt. Diesmal ließ man dem großen Jubel aber etwas länger freien Lauf. Überhaupt war das Publikum manchmal sogar ein wenig zu applausfreudig und unterbrach auch an Stellen, an denen man es (in unseren Breiten) eher nicht gewöhnt ist. James Conlon versuchte z.B. im Duett Amelia-Boccanegra ohne Unterbrechung durchzuziehen, doch auch er musste kapitulieren und den Applaus zulassen. Es war einfach zu schön!

Margit Rihl

 

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