Der Neue Merker

LONDON/ Royal Opera House im Kino / Dresden UFA Kristallpalast: DER NUSSKNACKER – sehr weihnachtlich und very british

LONDON/ DRESDEN/ Das Royal Opera House im Kino: DAS „NUSSKNACKER”–BALLETT VON P. I. TSCHAIKOWSKY – SEHR WEIHNACHTLICH UND VERY BRITISH – 8.12.2016   Ufa Kristallpalast Dresden – St. Petersburger Straße

Die Weihnachtssaison hat wieder begonnen. Da kommt alljährlich vielerorts vor allem an den großen Opernhäusern auch das „Nussknacker“-Ballett von P. I. Tschaikowsky wieder zu seinem Recht, denn die Anforderungen an die Tänzer sind nicht gering, wenn sich die Choreografie an Lev Ivanov anlehnt. Marius Petipa hatte das Libretto (nach E.T.A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“) in der Version von Alexandre Dumas verfasst und wollte auch die Choreografie übernehmen, überließ sie dann aber doch krankheitshalber Lev Ivanov.

„Der Nussknacker“ ist nun einmal eines der beliebtesten abendfüllenden Ballette und spielt sogar am Weihnachtsabend (manchmal auch am Geburtstag der kleinen Hauptdarstellerin Mascha, Marie oder Clara – es gibt verschiedene Varianten). In London ist ohne „Nussknacker“-Ballett „nicht Weihnachten“, denn „etwas Weihnachtlicheres gibt es nicht“ wie dort gesagt wird, was verständlich wird, wenn man die Inszenierung von Roland John Wiley und Bühne von Christopher Carr am Royal Opera House (ROH) zwischen altenglischem Flair in Bühnenbild und Kostümen und glitzerndem barockem Glanz und Glamour sieht, die 1984 Premiere hatte und jetzt in die Kinos der Welt ausgestrahlt wurde und u. a. auch im Ufa Kristallpalast in Dresden zu erleben war.

Es gibt vor allem sehr wirkungsvolle gemalte Kulissen, die eine echte Theateratmosphäre zaubern und viel preiswerter und praktischer sind als manches, was jetzt bei Neuinszenierungen in gewissen Opernhäusern viel Geld verschlingt und wenig Wirkung zeigt. Man denke nur an die altenglische Stadtansicht oder den verschneiten Wald, vor dem die Tänzerinnen (Artists oft the Royal Ballet) den Schneeflocken-Walzer (Schneesturm) non stop sehr graziös tanzten, und der auch später bis einschließlich Schlussbild zum großen Finale immer wieder „hereinschaut“.

Produktion, Szenenbild und die Choreografie nach Lev Ivanov von Peter Wright, der vor wenigen Tagen seinen 90. Geburtstag (kein Schreibfehler) feierte, noch topfit und ist und fast jeden Tag im Ballettsaal des ROH anzutreffen ist, was ihn jung und am Leben erhält, bewegt sich nahe am realen Leben. Er hat viel Eigenes eingebracht, wie einen Vorspann in Drosselmeiers Spielzeug-Werkstatt, einen Nachspann mit Clara und Hans-Peter, der vom Nussknacker wieder zum Prinzen mutiert (Alexander Campbell) und insbesondere den witzigen, spritzigen Tanz der beiden Chinesen, in den auch Clara mit einbezogen wird. Das macht das Ganze lebendiger, so wie alles zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt und scheinbar reale Situationen auch im Traum vorkommen.

Im 1. Akt gab es wie immer beim Royal Ballet viel Spitze, schöne Pirouetten und auch Hebefiguren, viel Anmut und Charme und die treffende Darstellung typischer Charaktere, im 2. Akt dann virtuose Tänze mit großartigen tänzerischen Leistungen wie im Spanischen Tanz, Arabischen Tanz, Russischen Tanz, Tanz der Rohrflöten, dem berühmten Blumenwalzer usw. usf.

Von Ivanovs Original blieb vor allem der Pas de deux der Zuckerfee mit ihrem Kavalier, in Vollendung getanzt von Lauren Cuthbertson und Federico Bonelli mit allen Schwierigkeiten, Raffinessen, idealer Körperhaltung bis in die Fingerspitzen und viel Anmut Grazie und Ästhetik, was sich auch in ihren beiden Solotänzen fortsetzte – eine bzw. zwei Meisterleistung(en) und der absolute tänzerische Höhepunkt des Abends.

Francesca Hayward tanzte als Clara leicht wie eine Feder, schwebte bei den Hebefiguren fast schwerelos nach oben und zeigte in ihrem Minenspiel viel Anteilnahme am (vermeintlichen) „Geschehen“.

Gary Avis war als Drosselmeyer in jeder seiner gekonnten Bewegungen und Gesten ein Tänzer und Darsteller mit Ausstrahlung, eine zentrale Gestalt dieses Balletts, auch wenn er nur kurze Auftritte hatte, die Wirkung zeigten. Er hielt als großer und großartiger, wohlwollender Zauberer und Hersteller von mechanischem Spielzeug, das er mit großer Geste auf der Weihnachtsparty der großbürgerlichen Familie Stahlbaum vorführt, die Fäden der Handlung in der Hand. Jede seiner Bewegungen, jede Geste schaffte Illusionen und eröffnete eine neue Zauberwelt. Er verstand es, seinen weitschwingenden Umhang wie ein echter Zauberer in Bewegung zu setzen und damit eine neue Szene zu eröffnen.

 Elizabeth Mcgorian brachte neben ihrem sachlich und vernünftig wirkenden „Gatten“ Dr. Stahlbaum (Christopher Saunders) als Mrs. Stahlbaum die nötige Noblesse mit, um mit gespielter und echter Herzlichkeit, wie es in solchen Kreisen üblich war, die Handlung aufzulockern oder die übermütigen Kinder zu beruhigen, was man besser als im Opernhaus im Kino durch die Leinwandadaption von Ross Mcgibbon sehen konnte, die auch die typischen Charaktere der Weihnachtsparty-Gäste ins rechte Licht rückte.

Nach der „Schlacht“ der Spielzeugsoldaten gegen die Mäuse „verabschiedet“ sich der Mausekönig (Nicol Edmonds) mit einer gekonnten „Schraubendrehung“ und wird von seinen Mäusesoldaten auf einer Bahre weggetragen – auch ein witziger Einfall, der Heiterkeit auslöste.

Als Pendant zum (deutschen) Nussknacker spielt in dieser Version auch ein hölzerner rot-goldener Weihnachtsengel in Anlehnung an die Weihnachtsbräuche im anglikanischen England eine nicht unwichtige Rolle. Im Vorspann in Drosselmeyers Werkstatt von selbigem mit dem letzten Schliff versehen und ihm die Krone aufgesetzt, bekrönt er anschließend den großen Weihnachtsbaum bei Stahlbaums und taucht immer wieder in Gestalt von Tänzerinnen als Schlittenführer oder „vervielfältigt“ im „Kerzentanz“ auf und durchzieht die Handlung. Es war erstaunlich, dass die brennenden Kerzen nicht verloschen, so vorsichtig wurden sie bei den tänzerischen Bewegungen gehandhabt.

Es gibt zahlreiche Kunstgriffe und Zaubertricks in dieser Inszenierung. Es ist eben alles da, auch was Kinder begeistert – ein Fest für die ganze Familie. In psychologischer Durchdringung wird gezeigt, wie eben Träume so sind. Clara verarbeitet darin in fantastischer Weise die vielen Eindrücke und Erlebnisse des Weihnachtsabends und erwacht am Ende auf dem harten Fußboden. (Andere Inszenierungen sind da freundlicher und lassen sie im Bett oder auf dem Sofa erwachen).

Das Orchestra of the Royal Opera House bildete unter der Leitung von Boris Gruzin mit viel Engagement und Gefühl für die Musik Tschaikowskys das Fundament für den Tanz, denn was wäre Ballett ohne gute Musik.

Nur den zwar guten und richtigen Gesang des London Oratory Junior Choir (Director: Charles Cole), der das atemlose Wirbeln der „Schneeflocken“ musikalisch begleitete, hätte man sich noch etwas leichter und „atmosphärischer“ vorstellen können, aber das sind Kleinigkeiten, die dem Ganzen keinen Abbruch taten.

Ingrid Gerk

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