Der Neue Merker

LONDON/ Dresden – Ufa Kristallpalast/ Das Royal Opera House im Kino: „JEWELS“

LONDON/ DRESDEN/ Das Royal Opera House im Kino: „JEWELS“ – 11.4.2017   Ufa Kristallpalast Dresden – St. Petersburger Straße

 Es gibt verschiedene Versionen, George Balanchins Ballett „Jewels“ auf die Bühne zu bringen, neoklassizistisch zwischen Glanz und Sachlichkeit, prunkvoll, dynamisch oder „abstrahiert“. Jede Inszenierung hat ihre Besonderheiten und scheint gerechtfertigt, so sehr lebt dieses Ballett auch aus eigener Kraft. Im Londoner ROH ließ man sich vom Ursprung inspirieren wie seinerzeit Balanchine von den funkelnden Auslagen des eleganten Juweliergeschäft Van Cleef & Arpels in der New Yorker 5th Avenue, dessen einer Teilhaber, Claude Arpels, ihm ein Ballett auf der Grundlage von Edelsteinen vorgeschlagen hatte.

…und Balanchine ließ sich – so wird „berichtet“ – an einem trüben Wintertag der 1960er Jahre von der Schönheit der Luxus-Schmuckstücke aus Smaragden, Rubinen und Diamanten in den Schaufenster-Auslagen dieses Geschäftes in ihren Bann ziehen und zur Choreografie seines abendfüllenden „funkelnden“ Drei-Akt-Ballettes im neoklassischen Stil „Jeweils“ inspirieren, das als sein erstes „abstraktes Ballett“ in voller Länge gilt, obwohl er selbst meinte: „Ballett kann nie abstrakt sein. Ballett ist etwas durch und durch Konkretes, weil man Männer und Frauen sieht, die sich rascher und besser bewegen und besser aussehen als die meisten Menschen“ … „Gibt es etwas Konkreteres?“.

Sein Ballett wurde 1967 vom New Yorker City Ballet im New York State Theatre uraufgeführt und ließ ihn Geschichte schreiben. Es gibt keine eigentliche Handlung im traditionellen Sinn. Dieses Ballett lebt von einer perfekten Kombination von Musik und Bewegung, mit der es die Sinne betört. Jeder der drei Sätze ist einem besonderen Stein und dem besonderen Klang einer Komposition einer bestimmten Epoche in der Geschichte des klassischen Balletts gewidmet und reflektiert gleichzeitig einen bestimmten Zeitabschnitt in Balanchines privatem Leben. Er emigrierte aus Russland über Frankreich in die Vereinigten Staaten.

Das Londoner Royal Ballet beeindruckt immer wieder mit seiner Philosophie der spezifischen Umsetzung von Handlung und/oder Sinn des jeweiligen Ballettes und dem Können und der Körperbeherrschung der Tänzerinnen und Tänzer. In der Inszenierung von Elyse Borne tanzten die Solisten Beatriz Stix-Brunell, Valeri Hristov, Laura Morera, Ryoichi Hirano, Emma Maguire, Helen Crawford und James Hay anmutig und schwungvoll und in immer gleitender Bewegung, um dem lyrischen Charakter der „Smaragde“ zur ruhigen Musik von Gabriel Fauré Rechnung zu tragen und die Eleganz und scheinbare Beschaulichkeit der französischen Romantik ins Gedächtnis zu rufen.

Die „Rubine“ strahlten in der Inszenierung von Patricia Neary Energie und Feuer zur Musik von Igor Strawinsky mit dem Klavier-Solisten Robert Clark aus. Sie erinnerten an das Jazz-Zeitalters in New York. Mit tänzerischer Perfektion und Präzision meisterten Sarah Lamb, Steven McRae und Melissa Hamilton die ungeheuren Anforderungen und hielten mit hinreißendem Schwung und dynamischer Eleganz die Spannung in jeder Minute hellwach.

Mit graziler Eleganz und dem Glanz des russischen Balletts zur Zarenzeit funkelten die Diamanten“ in einer anderen Inszenierung von Elyse Borne üppig, prächtig und elegant zu P. I. Tschaikowskys glanzvoller „Dritter Symphonie“ durch Marianela Núñez, Thiago Soares sowie Claire Calvert, Tierney Heap, Yasmine Naghdi, Beatriz Stix-Brunell, Nicol Edmonds, James Hay, Fernando Montaño und Valentino Zucchetti und weckte die Erinnerungen an die Eleganz und Opulenz des Balletts im Russland zur Zarenzeit.

 In allen drei Teilen komplettierten die Artists of the Royal Ballet den opulenten Gesamteindruck.

„Das Ballett hatte nichts mit Juwelen zu tun“ kommentierte Balanchine … „Die Tänzer sind einfach wie Juwelen angezogen“. Dafür sorgte seine langjährige Mitarbeiterin (Barabara) Karinska mit ihren kunstvollen Kostümen, die auch den „Augenschmaus“ und Show-Effekt bei dieser – live übertragenen – Aufführung aus dem Londoner ROH garantierten (Leinwandinszenierung: Ross Maggibbon).

Mit klarem Blick für die Eigenheiten jedes einzelnen Aktes wählte Karinska lange, weite, romantische, weiße Tüllröcke für die Tänzerinnen im 1. Akt „Smaragde“ („Emeralds“), für den 2. Akt „Rubine“ („Rubies“) sehr kurze (fast keine), an den Hüften von Männern und Frauen anliegende „Röckchen“ – man sieht vor allem Arme und Beine im Tanz durch die Luft wirbeln – und für den 3. Akt „Diamanten“ („Diamonds“) kürzere weiße Tutus, dazu jeweils die Oberteile mit üppigem Schmuckbehang in den passenden Farben, grün für die Samaragden, rot für die Rubine und weiß für die Diamanten – nicht etwa kleine Steine, sondern große „Klunkern“ in Hülle und Fülle, kunstvoll auf den Kostümen arrangiert – die Herren entsprechend. Sie wollte den wahren Glanz von echten Edelsteinen darstellen.

Fast einziges Ausstattungs-Requisit des Ballettes ist ein unterschiedlich drapierter dunkler Samtvorhang, der die tanzenden „Edelsteine“ wie in den Auslagen eines Juweliergeschäftes glitzernd und glänzend präsentiert, ergänzt durch ein überdimensionales Schmuckstück oder funkelnde Kronleuchter (Bühnenausstattung; Jean-Marc Puissant).

Das Orchestra of the Royal Opera House bildete unter der Leitung von Pawel Sorokin, der resolut und sachlich den Orchestergraben betrat, kurz den Konzertmeister begrüßte und zielstrebig „zur Sache ging“, das sichere musikalische Fundament, auf dem sich die Tanzenden entfalten konnten.

Nicht nur Balanchine ließ sich von den Juwelen inspirieren. Es war letztendlich eine Inspiration auf beiden Seiten, denn inzwischen stellt die Firma Van Cleef & Arpels Tänzerinnen en miniature aus edlen Steinen in limitierter Auflage her.

Ingrid Gerk

 

Diese Seite drucken